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Ein Geschenk für Umwelt und Kultur

© Tala Halawa

Ein Geschenk für Umwelt und Kultur

Eine Recycling-Akademie, ein Akteur zur Verschönerung des öffentlichen Raums, ein Lernort für Kinder – das palästinensische Orient & Dance Theatre ist all dies zugleich. Aufgebaut hat es ein Mitarbeiter der städtischen Elektrizitätsgesellschaft.

Ist es möglich, die Leidenschaft für zeitgenössischen Tanz und Theater mit einer führenden Position bei der städtischen Elektrizitätsgesellschaft zu verbinden? Diese Frage stellte sich Maher Shawamreh bei der Gründung des Orient & Dance Theatre. Das Orient & Dance Theatre wurde 2009 von Maher Shawamreh in Al-Bireh gegründet, einer Stadt mit 40.000 Einwohnern im Westjordanland, die mit Ramallah zusammengewachsen ist. Maher arbeitet in leitender Position bei der städtischen Elektrizitätsgesellschaft. Für sein Projekt konnte er lediglich die Miete für das alte, verlassene Haus in der Hauptstraße von Al-Bireh bezahlen. Die Kosten für Möbel und Büroausstattung überstiegen sein Budget. Deshalb begann Maher mit Hilfe seiner Freunde gebrauchte Möbel zu sammeln, die von den Besitzern entsorgt worden waren. Nach und nach füllten sich die Räume mit zahlreichen Einrichtungsgegenständen, deren Formen und Farben anfangs überhaupt nicht zueinander passten, den Räumen aber einen Hauch von Behaglichkeit und eine künstlerische Note verliehen. So wurde das Haus zu einem Treffpunkt für Freunde.

Der Sinn der Wiederverwertung

Mit der Wiederverwertung von Altholz und Sperrmüll machte Maher nicht nur aus der Not eine Tugend, sondern fand auch einen Weg, ein Bewusstsein für die Umwelt in der Gesellschaft zu bilden.
Er und seine Freunde kamen auf die Idee, aus dem Holzabfall der Elektrizitätsgesellschaft Bänke für öffentliche Plätze oder einen Zaun für einen örtlichen Kindergarten zu bauen. Aus dem entsorgten Holz dicker Kabelrollen und Oberleitungen wurden Bücherregale auf Rollen für große Schulsäle.

„Das Altholz zu verbrennen ist aufwendiger und teurer als billiges Holz zu kaufen“, erklärt Maher. Denn das Holz für die Strommasten ist mit speziellen Ölen behandelt, die sie an der Küste vor Meeresluft und Salzwasser schützen sollen. „Dieses Öl verursacht beim Verfeuern enorme Umweltschäden, die um ein Vielfaches höher sind als beim Verbrennen von normalem Brennholz. Daher kam mir der Gedanke, das Holz besser und auf umweltschonende Weise wiederzuverwenden“, erklärt Maher.
In der Elektrizitätsgesellschaft hat Maher einen wichtigen Partner gefunden. So sieht er die Rolle des Privatsektors nicht darin, Gewinne zu maximieren, sondern darin Dienstleistungen zu erbringen. Dadurch entsteht eine persönliche Bindung zur Bevölkerung, und die soziale Verantwortung kann gestärkt werden.

Das Orient & Dance Theatre vereint gleich mehrere Ziele: Freiwillige Helfer engagieren sich und bauen einfache Gegenstände für den öffentlichen Raum, wie etwa Stühle, Tische, Häuschen für Bushaltestellen und Geräte für Kinderspielplätze. So werden neue Arbeitsplätze geschaffen, da Menschen aus der Region beim Entwerfen von neuen Designs und der handwerklichen Umsetzung helfen. Außerdem werden so künstlerische Produkte geschaffen, die das Stadtbild bereichern und für die Beteiligten besondere Unikate darstellen. Auf diese Weise sind die Proberäume und Bühne des Orient & Dance Theatre mit umweltfreundlichen Möbeln und Requisiten ausgestattet, die kaum etwas kosten.


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Wiederverwertung als Kunst

Nachdem sich die Einrichtung etabliert hatte, startete Maher mit einem Team aus freiwilligen Helferinnen und Helfern eine Vielzahl von kulturellen Projekten: eine Ballettschule, eine Schule für zeitgenössischen Tanz und ein Sommerlager, das Kindern und Jugendlichen moderne Tanz- und Theaterkultur vermittelt. Die Projekte haben eine Reihe von Erfolgsgeschichten geschrieben, die heute als Bereicherung des Stadtlebens gelten.

Muhammad Abul-Amm etwa ist Elektrotechniker, der seine Freizeit damit verbringt, Holzbänke aus Abfällen des Elektrizitätswerks herzustellen. Das Orient & Dance Theatre profitiert von den Stücken. Seine Arbeit macht Abul-Amm stolz: „Ich möchte meine eigenen Fähigkeiten an Kinder weitergeben.“

Ribhi Asmar, ein LKW-Fahrer, versucht sich in seiner Freizeit als Schnitzer. Für einen Park seiner Gemeinde möchte er eine Holzbank in Form des Hanzala, der berühmten Figur des palästinensischen Karikaturisten Nadschi Al-Ali, schnitzen. Er betont: „Meine Arbeit ist rein freiwillig, ich erwarte keinen finanziellen Gewinn.“ Vielmehr ist sein Ziel, sein Können und das Bewusstsein für Recycling und Umwelt an seinen zwölfjährigen Bruder weiterzugeben.

Nina Rewa aus Estland lebt seit drei Jahren in Palästina. Sie arbeitet als freiwillige Helferin und Balletttänzerin im Orient & Dance Theatre. Aus Stoffen, die Textilgeschäfte entsorgen, stellt sie Kostüme für Aufführungen der Ballettschule her. Damit spart das Orient & Dance Theatre hohe Materialkosten und stärkt den Geist der Wiederverwertung und Nachhaltigkeit. Denn die Stoffe werden nach den Aufführungen nochmal verwendet: Die kleinen Tänzerinnen am Theater haben die Möglichkeit, ihre Kostüme mit Ölfarben zu bemalen oder aus Stoffabfällen Puppen zu basteln.

Umwelt lieben und schützen

Für die Zukunft haben sich Maher und das Orient & Dance Theatre noch eine Menge vorgenommen.

Das Freiwilligenteam ist gerade dabei, die Aktivitäten des Sommerlagers für Kinder im Alter von fünf bis zwölf Jahren vorzubereiten. Außerdem soll es einen Recycling-Workshop und Theater-, Tanz-, Schauspiel- und Gesangskurse für Kinder geben. Dort malen die Kinder auf Pizzakartons und Verpackungsschachteln, die der Supermarkt in der Nähe des Theaters entsorgt hat, und toben sich künstlerisch aus. Maher sieht in der Förderung der Kinder und Jugendlichen eine auf lange Sicht gewinnbringende Investition in die palästinensische Gesellschaft. Einerseits wird dadurch der Sinn für künstlerische Betätigung geweckt, andererseits, so Maher, kann der palästinensischen Gesellschaft so die Bedeutung von Recycling bewusst gemacht werden. Das Selbstvertrauen der Kinder sowie ihre Fähigkeit, den Wandel in ihrer Gesellschaft anzuführen, werden gestärkt. Kurzum: Sie werden dazu erzogen, die Umwelt zu lieben und sie auf jede mögliche Weise zu schützen.

    Zur Geschichte

    April 2016
    Kultur
    Palästinensische Gebiete, Al-Bireh

    Autor

    Tala Halawa
    ist Journalistin und Social-Media-Forscherin in den palästinensischen Gebieten. Sie hält einen Master-Abschluss in Internationaler Kommunikation der University of Leeds und einen Bachelor in Radio und Fernsehender Birzeit University.

    Übersetzerin

    Jana Duman

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    Die Rechte an dem Text liegen beim Goethe-Institut Ramallah. Die Rechte an den Bildern hält Tala Halawa. Bitte kontaktieren Sie uns, falls Sie Inhalte verwenden möchten.

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