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Eigene Geschichte und Traditionen filmen

© Foto: Vincent Carelli

Eigene Geschichte und Traditionen filmen

Vincent Carelli hat eine einzigartige Filmschule für die indigene Bevölkerung in Brasilien gegründet. Die Schule feiert 2016 ihr 30-jähriges Bestehen.

Als er 16 Jahre alt war und ein „rebellischer Jugendlicher in einer existenziellen Krise“, beschloss Vincent Carelli, Sohn eines Brasilianers und einer Französin, sich in ein Abenteuer zu stürzen: 1969 machte er sich auf in das Dorf Xikrin, wo ein indigenes Volk im Süden des brasilianischen Bundesstaates Pará lebt. Dort wurde er von einem „Indianervater“ adoptiert. Das bedeutete für Carelli, Teil der Dorfgemeinschaft zu werden, an Jagdzügen teilzunehmen, Wege durch den dichten Urwald zu schlagen und beim Hüttenbau zu helfen.

Als er während dieser Zeit an „beeindruckenden Zeremonien“ teilnehmen durfte, dachte sich Carelli, dass dieses Privileg nicht nur ihm allein zustünde. Deshalb begann er, alles zu fotografieren, was er sah. Es war der Anfang eines Projekts, das er fast 20 Jahre später, 1986, entwickelte. Er nannte es Vídeo nas aldeias (Film in den Dörfern). Das war der Moment, als aus dem Aktivisten für die indigene Bevölkerung auch ein Filmemacher wurde. Er begann, die Rituale und das alltägliche Leben unterschiedlicher Ethnien auf Band festzuhalten. „Meine Ausrüstung bestand aus einer VHS-Kamera, einem kleinen Generator, einem Abspielgerät und einem Monitor. Das war alles. Und ich wusste noch nicht einmal, wie man Filme macht. Das Drehen habe ich bei den Indios gelernt, einfach, indem ich Filme über sie machte“, erzählt Carelli.


  • Ariel und Patricia Guarani beim Filmschnitt. Foto: Ernesto de Caravalho

  • Bixku und Josias Huni Kui. Foto: Vincent Carelli

  • Filmkollektiv Huni Kui. Foto: Vincent Carelli

  • Dreharbeit Tsana Kuikuro. Foto: Vincent Carelli

  • Making of von „Maria flechando a cutia“ („Marika beschießt das Aguti mit Pfeil und Bogen“). Foto: Vincent Carelli

  • Filmwerkstatt Huni Kul. Foto: Vincent Carelli

  • Takuma Kuikuro bei der Dreharbeit. Foto: Vincent Carelli

  • Vincent Carelli zeigt den Indigenen Bilder aus einer Zwangsumsiedlung. Foto: Ernesto de Caravalho


Das Projekt Vídeo nas aldeias, das 2016 sein 30-jähriges Bestehen feiert, ist eines der größten indigenen Bildarchive überhaupt. Es verfügt über mehrere Filme, die auf Festivals in unterschiedlichen Teilen der Welt ausgezeichnet wurden. Bekannte Persönlichkeiten wie der brasilianische Filmemacher Eduardo Coutinho (1933–2014) und der französische Anthropologe Claude Lévi-Strauss (1908–2009) lobten das Projekt. Letzterer schrieb zwei Briefe an Carelli, in denen er erklärte, dass etwa O amendoim da cutia (Die Erdnuss des Agutis, 2005) – einer der Filme des Projekts Vídeo nas aldeias, der von Indios erdacht und gedreht wurde – der beste Film sei, den er über die indigene lateinamerikanische Bevölkerung gesehen hätte.

Geschichte und Zeremonien im Film festhalten

Carelli, der sich immer noch eher als Aktivist der indigenen Themen denn als Filmemacher sieht, sagt, dass das kämpferische Engagement das „Fundament von allem“ sei. Er erläutert, dass er zu Beginn des Projekts nicht einmal Filme machen und noch viel weniger indigene Filmemacher ausbilden wollte, was dann aber in den 2000ern geschah. Vielmehr wollte Carelli der indigenen Bevölkerung ihre eigenen Bilder zeigen und über diese Filmaufnahmen den Austausch zwischen unterschiedlichen Ethnien fördern. „Ich habe gedreht und im Anschluss dann gleich kleine Vorführungen gemacht, sodass alle den Film sehen konnten. Die Filme wirkten auf die Zuschauer: es passierte oft, dass sich eine Ethnie wieder auf eine Tradition besann, weil sie im Film sah, wie andere die Tradition ausübten.“ Der erste Film des Projekts Vídeo nas aldeias mit dem Titel A festa da moça (Das Fest des Mädchens, 1987) offenbart bereits diesen „experimentellen“ Charakter. Denn der Film legt den Schwerpunkt nicht auf das Porträtieren der Ethnie der Nambiquara. Es wird vielmehr ihr Aufeinandertreffen mit dem eigenen Bild auf der Leinwand thematisiert. „Ich wollte wissen, wie die Indios auf ihr projiziertes Bild reagieren würden. Zuerst waren sie enttäuscht und mochten das Ergebnis gar nicht. Sie kritisierten etwa, dass sie im Film recht viel Kleidung trugen“, erzählt Carelli. Denn viele indigene Ethnien in Lateinamerika waren es gewohnt, nie Kleidung zu tragen.

Cláudia Mesquita, Professorin an der Fakultät für Kommunikationswissenschaft der Bundesuniversität von Minas Gerais (UFMG), verweist auf einen besonderen Aspekt der Dokumentarfilme dieser ersten Phase Carellis. „Die Filme zeichneten nicht nur das Ritual auf, sondern lösten es auch aus. Das heißt, dass die Präsenz der Kamera dazu führte, dass das Ritual durchgeführt wurde. Das ist sehr interessant.“ Der Filmemacher und Aktivist für die indigene Bevölkerung erinnert sich, dass sich die Indigenen in A festa da moça wegen der Dreharbeiten Nasen und Lippen durchbohren wollten. „Deswegen hatte dieser Film so etwas Magisches, obwohl er nur ein schwaches Abbild von dem war, was dort wirklich geschah. Die Alten sagten: ‚Wenn ich vor einer Generation eine Kamera gehabt hätte, dann hätte ich Bilder meines Großvaters gedreht und damit der Jugend gezeigt, dass ich mir die Dinge, die ich erzähle, nicht ausdenke‘“. Gleich nach A festa da moça drehte Vincent Carelli, der „immer knapp bei Kasse“ war, O Espírito da TV (Der Geist des Fernsehens, 1990), den er als „den Grundstein des Projekts Vídeo nas Aldeias ansieht, weil er das Videoverfahren in seiner Gesamtheit darstellt“, und A arca dos Zo’é (Die Arche der Zo’é, 1993).

Indigene Filmschule

Für den Filmemacher Carelli war das zentrale Anliegen des Projekts immer, „den Indigenen eine Stimme zu geben, anders als ethnographische Filme, die stets versuchen zu erklären“. Deshalb war es nur natürlich, dass die Indigenen irgendwann selbst zur Kamera griffen. Ende der 1990er Jahre konnte sich das Projekt finanzieren, denn zu diesem Zeitpunkt hatte es eine gewisse internationale Bekanntheit erlangt. In diesen Jahren konnte auch Vídeo nas aldeias dank einiger Künstlerstipendien fortgesetzt werden. Carelli dachte, dies sei der Zeitpunkt, in die Ausbildung junger indigener Filmemacher zu investieren. „Eigentlich hatte ich von Anfang an Kameras verteilt, denn es waren die indigenen Führer, die auf gewisse Art und Weise immer die Regie des Films übernahmen und entschieden, wie und was gedreht werden sollte. Doch ich hatte lange die ziemlich idiotische Vorstellung, ihnen nichts beizubringen. Sie einfach machen zu lassen.”

Allmählich wurde für die indigene Filmausbildung eine Methode entwickelt. Der Austausch mit ähnlichen Projekten in Mexiko und Bolivien und dem Ateliers Varan, einer traditionellen Ausbildungsstätte im Stile des Cinéma Direct mit Sitz in Paris, etablierte das Projekt Vídeo nas aldeias als Filmschule. Bis heute wurden mehr als 100 Filme von fast 50 unterschiedlichen Ethnien gedreht.

    Zur Geschichte

    April 2016
    Kultur
    Brasilien, Olinda, Pernambuco

    Vídeo nas aldeias

    Autor

    Victor da Rosa
    ist Schriftsteller und promovierter Literaturwissenschafter. Er lebt und arbeitet in Belo Horizonte.

    Übersetzung

    Matthias Nitsch

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