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Ein langjähriger Traum

© Foto: Saad Dagher

Ein langjähriger Traum

In Farkha entsteht gerade das erste palästinensische Ökodorf. Hier hat der Agrarwissenschaftler Saad Dagher eine Gemeinschaft gefunden, die nun den gemeinsamen Traum von naturverbundenem und autonomem Leben verwirklicht.

Schon seit 15 Jahren träumt Saad Dagher davon, in Palästinas Dörfern eine Lebensweise zu etablieren, die einerseits die Selbstversorgung der Einwohner gewährleistet, andererseits abfallfrei ist und im Einklang mit der Natur steht. Im Jahr 2012 konnte der Agrarwissenschaftler, Umweltschützer und erfahrene Yoga-Lehrer endlich einen Ort ausfindig machen, der bald Palästinas erstes Ökodorf werden soll: Farkha. In Ökodörfern leben die Menschen in Harmonie mit der Natur und unterhalten soziale und kulturelle Strukturen, die sowohl Individuen als auch der Gemeinschaft zugutekommen.

Farkha liegt im Gouvernement Salfit im Westjordanland und ist das Zuhause von 1500 Menschen, 3500 Schafen und Ziegen und 30 Kühen. Farkhas Transformation begann mit einer gemeinsamen Absichtserklärung zur Einrichtung eines Lehrgartens, die vom Dorfrat gemeinsam mit der Arab Agronomists Association, deren Direktor Saad war, besiegelt wurde. 2014 starteten die eigentlichen Vorbereitungen für die Umsetzung der Idee vom Ökodorf.

In Partnerschaft mit dem Global Ecovillage Network und dem palästinensischen Global-Campus-Trainingsprogramm der internationalen Gemeinschaft Tamera wurde im November 2015 der erste Eco-Village-Design-Education-Kurs abgehalten. Es war der erste seiner Art in einem arabischen Land mit Arabisch als Unterrichtssprache. Daran nahmen 35 Studenten teil, von denen ein Drittel aus Farkha, der überwiegende Rest aus anderen Teilen des Westjordanlands, eine Person aus Gaza und einige aus anderen Ländern kamen. Saad hofft, Farkhas Umwandlung in ein offizielles Ökodorf innerhalb der nächsten fünf Jahre abschließen zu können.

Palästinas landwirtschaftliches Erbe

Das Interesse des heute 50-jährigen Saad an umweltschonender Landwirtschaft wurde 1996 geweckt, als er Direktor des Ramallah-Büros des Palestinian Agricultural Relief Committee war. Anfangs war Saads Hauptanliegen die Wiederherstellung des palästinensischen landwirtschaftlichen Erbes, denn historisch gesehen war die Region bekannt für ihren Reichtum an Erzeugnissen. Die Dörfer der Gouvernements Albireh und Ramallah, zum Beispiel, waren berühmt für frische wie auch getrocknete Feigen (qutein), Sinjil, ein Dorf außerhalb Ramallahs, für seine Trauben, das etwas weiter südlich gelegene Jifna für Aprikosen (mistikawi). Die bekannten Hebron-Trauben, erläutert Saad, seien hingegen eine relative Neuheit in der palästinensischen Agrarlandschaft.

  • Teilnehmende des EDE-Workshops in Farkha im November 2015 © Foto: Saad Dagher

  • Beim Praxistraining zur wasserrückhaltenden Landschaftsplanung © Foto: Saad Dagher

  • Ökologisch angelegte Gärten in Farkha, mit Gästen und dem Agroökologie-Koordinator © Foto: Saad Dagher


Agrarökologische Experimente

1997 begann Saad, auf dem Land seiner Familie mit Hochbeeten zu arbeiten, mit denen er einen hohen Nahrungsmittelertrag herbeiführen wollte. Da er keinerlei Erfahrungen damit hatte, scheiterte er zunächst. Heute gibt der Agronom zu, damals keine Ahnung gehabt zu haben, was er da tat. Doch nach einigen Jahren des Dazulernens war Saad bereits 2003 in der Lage, für zahlreiche Schulen und Haushalte Palästinas sehr ertragreiche Hochbeete anzulegen.

Motiviert durch diesen Erfolg wollte Saad dem Konzept agrarökologischer Methoden in Palästina zu größerer Verbreitung verhelfen. Dies bedeutete für ihn eine Landwirtschaft zu entwickeln, in der gesunde Nahrungsmittel für Menschen und Tiere produziert werden, während mit der Natur und ihren Ressourcen rücksichtsvoll umgegangen wird.

Ein Ökodorf in Palästina

Saads erfolgreiche Versuche mit der Agrarökologie 2014 gaben ihm den Mut, sich noch einige Schritte weiter in Richtung einer Umsetzung des ganzheitlichen Konzepts Ökodorf zu bewegen. Diese Versuche wurden durch die Unterstützung der Schweizer Kampagne Olivenöl aus Palästina und der französischen Terre Humanisme ermöglicht. Anfangs suchte er nach Dörfern mit Zugang zu einer natürlichen Wasserquelle. Als sich jedoch alle Optionen zerschlugen, begann Saad auch Orte ohne Wasserquelle in Betracht zu ziehen. Die Entscheidung fiel schließlich für Farkha, ein Dorf, dessen Geschichte vom Aktivismus und der politischen Mobilisierung geprägt ist. Neben dem Interesse für die Umwelt auch kulturelle Aspekte zu berücksichtigen entsprach ganz der Definition des Global Ecovillage Network. Dieser zufolge bestand ein Ökodorf aus einer „ausgesuchten oder traditionellen Gemeinschaft, die sich lokaler partizipatorischer Prozesse bedient, um ökologische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Dimensionen der Nachhaltigkeit ganzheitlich zu integrieren und so die soziale und natürliche Umwelt wiederherzustellen.“

Nur ein Jahr nach der Vereinbarung mit dem Dorfrat hat bereits eine Vielzahl von Interventionen stattgefunden, die dabei sind, Farkha in ein Ökodorf zu verwandeln: Aktuell wird ein ökologischer, 1,5 Hektar großer Lehrgarten geschaffen sowie Hausgärten, die 15 Familien ernähren sollen. Die Gemeinde hat weiterhin damit begonnen, ausgewählte historische Gebäude zu renovieren, um sie als Kultur- und Gemeinschaftszentren oder als Besucherherbergen zu nutzen. Außerdem sind Experimente unternommen worden, um die Müllberge zu reduzieren, die das Dorf verlassen.

Ein Ernährungssouveränitäts-Gürtel

Der „Ernährungssouveränitäts-Gürtel“ sei ein weiteres Projekt der Gemeinde in Farkha, erklärt Saad. Es handele sich sozusagen um einen „Gürtel“ von Feldern, denn die gesamte Umgebung des Dorfes solle für die Nahrungsmittelproduktion genutzt werden. Beim Anlegen dieses Gürtels würden sogenannte Samenbomben zum Tragen kommen. Diese kleinen Erdbälle, die mit verschiedenen Sorten von Samen ein- mehrjähriger Gewächse durchzogen sind, sollen entlang der Dorfperipherie verstreut werden. Die daraus erwachsenden Pflanzen werden wiederum neue Samen für Folgejahre produzieren und so die kontinuierliche Versorgung der Einwohner Farkhas sichern.

Vorbereitungen für die Einrichtung eines auf Küchenabfällen basierenden Biogas-Systems sind ebenfalls im Gang. Biogas ist eine Form erneuerbarer Energie, die entsteht, wenn organische Abfälle sich unter Abwesenheit von Sauerstoff zersetzen. Im Januar wurden die Haushalte Farkhas bereits mit Containern versorgt, sodass zuhause kompostiert werden kann.

Im Laufe dieses Jahres werden die Organisatoren mit Solarenergie- und Wasserrückhaltsystemen zu experimentieren beginnen. Zunächst sollen Solarenergieanlagen für einzelne Gegenden in Farkha eingerichtet werden, in der Hoffnung, dass sich dieses System später auf das gesamte Dorf ausdehnen lässt. Farkha soll auch als Versuchsstätte für eine Landschaftsarchitektur dienen, die sich die Wasserrückhaltung zunutze macht. Heute wird mehr als die Hälfte des Regens in Palästina verschwendet, denn er fließt einfach ab. Mithilfe einer auf Wasserrückhaltung basierenden Landschaftsplanung, erklärt Saad, könne man hingegen etwa 80 Prozent des Regens speichern und nutzen. Techniken dafür umfassen zum Beispiel das Mulchen mit Stroh, Papier, Blättern oder Stein, den Terrassenbau und den Aushub von Bodensenken.

Das Modell eines Ökodorfs, betont Saad, sei dringend notwendig, um Palästinas Souveränität zu wahren: „Das Ökodorf-Modell wird uns Freiheit und Autonomie bezüglich unseres Zugangs zu Nahrung gewähren.“ Sobald Farkha ein richtiges Ökodorf geworden ist, möchte Saad auch die umliegenden Dörfer in Palästina transformieren. Wenn erst einmal alle Dörfer den Grad der Unabhängigkeit erreicht haben, der in Farkha abzusehen ist, dann – so ist der Umweltschützer überzeugt – erlangen die Palästinenser auch die Freiheit von all den anderen Systemen, die versuchen sie zu kontrollieren.

    Zur Geschichte

    April 2016
    Gemeinschaft
    Palästinensische Gebiete, Farkha

    Global Ecovillage Network(GEN)  
    Global-Campus-Trainingsprogrammvon Tamera Village in Palästina

    Autor

    Aisha Mansour
    besitzt über 15 Jahre Erfahrung in den Bereichen Gesundheitspolitik, Krankenhausmanagement und öffentliche Verwaltung. Aisha ist Vorsitzende des Farashe Yoga Centers, wo sie auch ehrenamtlich unterrichtet. Sie ist Mitbegründerin der Sharaka Community Supported Agriculture, einer ehrenamtlichen Gruppe, die sich mit dem Thema Ernährungssouveränität und der Erhaltung von Palästinas traditioneller Landwirtschaft befasst. In ihrer Freizeit kümmert sich Aisha um ihre Haushühner und ihren Straßenhund Sam und experimentiert mit ihrer eigenen Ernährungssouveränität.

    Übersetzerin

    Jana Duman

    Verwenden

    Die Rechte an dem Text liegen beim Goethe-Institut Ramallah. Die Rechte an den Bildern hält Aisha Mansour. Bitte kontaktieren Sie uns, falls Sie Inhalte verwenden möchten.

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