Geschichten für morgen – schon heute, von überall

Die Umwelttüftler

© OPHELIA | NOOR for POC21

Die Umweltbastler

In fünf Wochen intensiver Arbeit haben rund 100 Bastlerinnen und Bastler umweltfreundliche und nützliche Vorboten eines neuen Lebensstils entwickelt.

„Hallo Leute, wir haben euch schon vermisst, aber jetzt sind wir wieder für euch da! ‚Alles löst sich mit Streit, nur für die Ehe braucht man Einigkeit‘ – so, jetzt wisst ihr natürlich, um welches Thema es in der Sendung geht…“ So klingt eine Einleitung von Itnin Ashab (Zwei Freunde), einem Programm auf Radio Antika, das das Moderatorenduo Mustafa al-Dsuki und Lamia al-Adal präsentiert.

Es herrscht Aufruhr an diesem Samstag, den 19. September 2015 am Bahnhof von Garancière-la-Queue, vor dem gerade ein Reisebus abfährt. Neugierige aller Altersstufen vermischen sich darin. Ihr Ziel ist das Schloss von Millemont, wo der Tag der offenen Tür von POC21 stattfindet. POC steht für „Proof of Concept“ und meint den Nachweis der Machbarkeit: Schaut her, es ist möglich! Zugleich spielt das Akronym natürlich auf die COP21 an, die große Klimakonferenz, die im selben Herbst unweit entfernt in Paris stattfand. Auf dem 50 Kilometer von Paris entfernten Anwesen haben etwa 100 „Öko-Hackerinnen und –hacker“ über die Welt von morgen nachgedacht. Fünf Wochen lang, vom 15. August bis zum 20. September 2015, versammelten sich Studierende, Ingenieure, Investoren und Vertreterinnen anderer Berufe aus aller Welt, um schließlich zwölf innovative umweltfreundliche Prototypen für Objekte vorzuschlagen, die unseren Umgang mit Ressourcen verändern sollen. Zusammengetragen und präsentiert wurden die Ergebnisse unter einer weißen Kuppel mitten im Schlosspark.

Zu den Erfindungen, die dort zu entdecken waren, zählen ein Filter, der für weniger als einen Cent pro Liter Wasser jeglicher Qualität in Trinkwasser verwandelt, transportierbare Solarpanele als Alternative zu stinkenden Dieselgeneratoren, eine Dusche, die für zehn Minuten im reinigenden Regen nur zehn Liter Wasser verbraucht, oder eine Küche, die Verderbliches ganz ohne Kühlschrank frisch hält. „Hierbei handelt es sich um ein Rezept von Großmutter: Früher spannte man ein blaues Netz auf, um Fliegen von Tomaten fernzuhalten. Denn wussten Sie, dass Fliegen die Farbe Blau nicht leiden können?“, fragt Laurent, einer der Ehrenamtlichen auf der Veranstaltung, amüsiert. Die Erfindungen sind nicht nur ganz neuer, sondern auch besonderer Art: Sie alle werden unter einer Creative-Commons-Lizenz entwickelt. Ihre Erfinder verzichten damit auf Urheberrechte, und ihre Werke unterliegen auch sonst keinen weiteren urheberrechtlichen Beschränkungen. Die Idee dahinter: Jeder und jede soll sich die Werke zu Eigen machen, sie verändern und verbessern und eigene Entdeckungen teilen können. Deshalb sind die Baupläne und Erklärungen zu den Erfindungen auch im Internet für alle offen zugänglich.

Hinter POC21 stehen zwei Think-Tanks: OuiShare, eine globale Gemeinschaft für kollaboratives Wirtschaften, hat sich mit OpenState, einem deutschen Open-Source-Gestalterkollektiv, zusammengetan, kurz nachdem die Klimakonferenz COP 21 angekündigt wurde. Benjamin Tincq, Mitgründer von OuiShare, sagte darüber in der Zeitung Libération: „Wir hatten alle noch die Katerstimmung nach der COP 15 im Jahr 2009 im Gedächtnis. Die Ergebnisse haben ganz offensichtlich auf sich warten lassen.“ Deshalb haben OuiShare und OpenState selbst losgelegt und rund 950 000 Euro sowie massig anderweitige Unterstützung von zahlreichen Partnern erhalten, um das Camp auf den Weg zu bringen.

  • Umarmung in der Küche © OPHELIA | NOOR for POC21

  • Schloss-Glanz

  • Trockentoilette

  • Großes schwarzes Brett

  • Lounge-Sitzung

  • Karten

  • Wir sind dafür

  • Sonnenaufgang vor der Ausstellung

  • Ausstellungsgäste

  • In der Ausstellung

  • Arbeit in der Fabrik

  • Die Organisatoren besprechen sich

  • Die Crew mag das Schloss

  • Das Logo, mit dem Laser ausgeschnitten

  • Abschlussrunde


Neben den Erfindungen, die dort entstanden sind, hat sich in den fünf Wochen auch ein eigener, umfassend veränderter Lebensstil entwickelt: Auf Postern im Schlosspark und aus den Berichten der Erfinder erfährt man vom Zusammenleben, das die Gruppe während dieser Zeit erprobte. Inès, eine 35-jährige Ehrenamtliche, erzählt: „Wir mussten die Verständigung zwischen den verschiedenen Nationalitäten überdenken und uns diversen Ernährungsvorschriften anpassen.“ Denn unter den 300 Leuten, die während der Zeit im Schloss waren, befanden sich Veganer, Laktose- sowie Glutenallergikerinnen und vieles mehr. Zudem entwickelte die Gruppe eigene Kommunikationstechniken: „Bildet ein C mit eurer Hand, wenn ihr Klärung bei den Debatten braucht“ oder „Setzt einen Blätterkranz auf, um zu signalisieren, dass ihr nicht gestört werden möchtet.“

Eine kleine Gesellschaft entfaltete sich. Darin interagieren freiwillige Helfer, Organisatorinnen, Projektteilnehmer, Betreuerinnen, Unterstützer und Küchenhilfen. Die Haushaltsarbeiten wurden geteilt: Alle mussten mal kochen, die Duschen säubern, einkaufen, die Trockentoiletten einmal am Tag leeren oder an einer Gemeinschaftsaktion teilnehmen. Laurent bilanziert: „Nicht alle wollten sich um die Trockentoiletten kümmern, aber im Großen und Ganzen hat jeder mitgespielt.“ Dahinter steckt die Überlegung, dass jede mit ihrem Handeln auf ihre Weise zur Gemeinschaft beitragen kann.“

Das Ergebnis war eine kleine Gesellschaft, in der alles geteilt wird: Zelte, Wasserflaschen aus Glas, Zahnpasta, Bioseife oder -shampoo. So begannen die Teilnehmenden ihren Lebensstil zu verändern. „Ich arbeite in der Finanzwirtschaft. An Wochenenden arbeitete ich meist allein vor mich hin an meiner Erfindung. Hier konnte ich mich ihr mehrere Wochen lang widmen und mich mit Leuten austauschen, die ähnliche Ideen haben“, erklärt Johan, einer der Erfinder eines autarken Treibhauses. So entwickelte sich eine eingeschworene Gemeinschaft: „Nach drei Wochen fuhren einige Teilnehmer ab oder begannen zu pendeln. Wir Restlichen waren ein bisschen traurig. Es fühlte sich fast an, als ob wir Familienmitglieder verloren hätten.“

Die Innovationen aus dem Camp machen Hoffnung. Die freiwillige Helferin Inès findet: „Man kann nicht einfach nur dasitzen und warten, ohne selbst etwas zu tun. Dank POC21 können wir als Bürgerinnen selbst Probleme lösen. Ich bin auf der Suche nach Hoffnung hierhergekommen, und die habe ich gefunden.“ Eine Erfahrung, die von Camille geteilt wird. Die 26-Jährige ist zum Tag der offenen Tür gekommen, um die Erfindungen zu entdecken. „POC21 geht von unten aus, die UN-Klimakonferenz kommt von oben: Das motiviert, Dinge selbst mit anzugehen, denn beide Ebenen gehören zusammen.“ Das inspiriert auch andere: Youmes, 48 Jahre alt und Techniklehrer, verlässt das Schloss mit einem großen Strahlen im Gesicht: „Am meisten beeindruckt hat mich der Wasserfilter. Der kann Leben retten, Cholera verhindern und Salzwasser trinkbar machen. Ich habe auch das autarke Treibhaus für mich entdeckt und würde es gerne mit meinen Schülern aufbauen, um sie zum Denken und Nachdenken zu bringen.“ Doch eines bedauert er: „Ich wäre gerne 20 Jahre jünger, um selbst an solchen Projekten teilzunehmen.“

Die zwölf Prototypen von POC21 können inzwischen in Pariser Fab Labs bewundert werden. Und auch ein Nachfolgeprojekt steht bereits. ROC 21 – Refugee Open Cities – will die sogenannte „Flüchtlingskrise“ in positives Handeln verwandeln – natürlich kollaborativ und open-source.

    Zur Geschichte

    Mai 2016
    Öffentlichkeitsarbeit
    Frankreich, Millemont

    POC21
    OpenState
    OuiShare

    Autorin

    Ariane Maurisson
    Journalistin

    Übersetzerin

    Ines Grau

    Partner

    Global Magazine 

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