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Auf natürlichem Weg ins „Entbindungsland“

© Foto: Tânia Caliari

Auf natürlichem Weg ins „Entbindungsland“

Die Casa Angela in São Paulo ist das erste Geburtshaus in Brasilien. Die Einrichtung kämpft für die natürliche Geburt in einem Land mit einer extrem hohen Zahl an Kaiserschnitten.

Eine Gruppe schwangerer Frauen und ihre Begleiter brechen in Gelächter aus, als die Hebamme Caroline Oliveira den Augenblick der Wehen beschreibt, in dem Frauen in das „Entbindungsland“ gelangen, ein Bewusstseinszustand von Frauen, die kurz vor der Geburt – beherrscht von Hormonen – Körper, Herz und Geist vollständig auf die Ankunft des Babys ausrichten.

Die Casa Angela in São Paulo ist eine Vorreiterin für die natürliche Geburt. Doch Geburtshäuser, in denen Frauen nicht von Ärzten, sondern von Hebammen betreut auf natürliche Weise gebären, sind eine Seltenheit in Brasilien. Fast 98 Prozent der Kinder kommen dort im Krankenhaus durch Vaginalgeburten mit medizinischen Interventionen oder Kaiserschnitte zur Welt – Geburtsformen, die den Frauen oft großes Leid zufügen und unnötige Risiken mit sich bringen.

Die Casa Angela hingegen stellt heute eine landesweite Referenz für die humane Entbindung dar. Es wurde in den 1990er Jahren in São Paulo als erstes Geburtshaus Brasiliens gegründet. Seit Dezember 2015 können die Dienste der Casa Angela über das Öffentliche Gesundheitssystem (SUS) in Anspruch genommen werden. Das SUS ist gratis und existiert neben privaten Gesundheitsleistungen für diejenigen, die dafür bezahlen können oder wollen.

Ein langer Kampf mit dem Gesetz

Die Casa Angela hat ihre Ursprünge in den 1980er Jahren, als die deutsche Hebamme Angela Gehrke die natürliche Geburt in die Ambulanzstation der Associação Comunitária Monte Azul einführte, eine nichtstaatliche Hilfsorganisation für die Gesundheitsfürsorge und Bildung in einer armen Gemeinde in der Südzone von São Paulo. 1997 richtete Gehrke ein Geburtshaus ein, das jedoch im folgenden Jahr bereits schließen musste, da die brasilianischen Gesundheitsvorschriften keine Regeln für eine solche Einrichtung vorsahen. Gehrke selbst erlebte die Fortschritte in der Gesetzgebung nicht mehr. Sie starb 2001 an Krebs, hatte allerdings bis dahin 1.500 natürliche Geburten in der Ambulanzstation von Monte Azul betreut.

  • Anke Riedel

  • Carolina Kaizuka, Ivo Dias und das Baby Naoki. Foto: Marcela Missawa

Die deutsche Ärztin Anke Riedel hatte in jungen Jahren einen Freiwilligendienst bei Gehrke in São Paulo absolviert. Seit 2004 widmet sie sich der Modernisierung des Geburtshauses und erreichte eine Kooperationsvereinbarung mit der Stadtregierung. Die Casa war 2008 fertiggestellt, doch musste sie vorerst ohne staatliche Subventionen auskommen. So blieb sie von privaten Zuwendungen abhängig, um die Schwangeren mit niedrigem Einkommen zu betreuen, sowie von den Zahlungen von Frauen, die die Kosten für die eigene Entbindung übernehmen konnten.

Erst im Dezember 2015 schloss die Stadtregierung ein offizielles Abkommen zur Erbringung von Dienstleistungen mit der Casa Angela. „Es war ein zwölf Jahre langer Kampf”, sagt Riedel. Sie erzählt, dass die Casa vor dem Abkommen 20 Geburten pro Monat betreute: zehn von Frauen mit niederem Einkommen und zehn von Selbstzahlerinnen. Heute sind es pro Monat 40 Geburten, deren Kosten vom SUS übernommen werden. Das scheint wenig, aber für die Verfechter der humanen Entbindung ist die Casa ein wichtiger Präzedenzfall, der für eine offizielle Rückendeckung für die Praxis der natürlichen Geburt in Brasilien steht.

Extreme Vorliebe für Kaiserschnitte

Raquel Marques von der Nichtregierungsorganisation Artemis, die dafür kämpft, dass sich mehr Brasilianerinnen aus allen sozialen Schichten für eine natürliche Geburt entscheiden können, sieht in der Präferenz der Frauen und Ärzte für den Kaiserschnitt ein komplexes Phänomen, das auf zwei Dingen aufbaut: Zum einen ergibt sich ein wirtschaftlicher Vorteil für Ärzte und Krankenhäuser, wenn sie nicht die gesamte natürliche Zeitspanne einer Vaginalgeburt begleiten müssen. Zum anderen wollen viele Frauen die Schmerzen einer normalen Geburt umgehen, die durch in den Krankenhäusern routinemäßig aufgezwungene Maßnahmen hervorgerufen werden. Da sie mitunter ohne Notwendigkeit eingesetzt werden, werden solche Maßnahmen oft als Akte von Gewalt in der Geburtshilfe beklagt. Raquel Marques betont, dass in Brasilien im Verlauf der vergangenen Jahrzehnte die Vorstellung entstanden ist, „dass der Kaiserschnitt die ideale Entbindung sei: ohne Schmerzen, sauber, geplant und sicher“.

Jedoch haben Frauen laut der UNO ein 3,5-mal höheres Risiko bei einem Kaiserschnitt zu sterben, als bei einer normalen Geburt, und in Brasilien ist die Müttersterblichkeitsrate sehr hoch: 62 Fälle bei 100.000 Geburten. Der Druck durch das zunehmende Engagement von Aktivistinnen für die humane Entbindung und durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Müttersterblichkeit in Brasilien zu verringern, brachte das Gesundheitsministerium dazu, eine Reihe von Erlassen, Richtlinien und Programmen zu beschließen, die eine natürliche Geburt begünstigen, wie das Rede Cegonha (2011), eine Strategie, die unter anderem den Bau von Geburtshäusern mit oder ohne Anbindung an ein Krankenhaus finanziert.

Mehrere Städte und Bundesstaaten haben Gesetze verabschiedet, die sich gegen allzu eingriffsintensive Verfahrensweisen bei Geburten richten. In São Paulo, wo es neben der Casa Angela nur ein weiteres Geburtshaus gibt, ist der Bau von sechs neuen Zentren aus den Mitteln der Rede Cegonha vorgesehen. Ein anderer bedeutender Schritt war, dass 2005 ein Geburtshilfe-Studium ins Leben gerufen wurde, womit Hebammen zum ersten Mal eine universitäre Ausbildung ermöglicht wurde.

Anke Riedel sagt, es gebe immer noch eine Reihe von Hürden in kultureller, unternehmerischer und finanzieller Hinsicht, um das Modell der Geburtshilfe in Brasilien vollständig zu ändern, aber sie sieht Fortschritte in der öffentlichen Politik. „Dass das Modell der humanen Entbindung, das die Rechte, die Physiologie und die Wünsche der Frau respektiert, aus der Sicht der öffentlichen Gesundheit besser ist, daran besteht kein Zweifel. Aber es wäre gut, mithilfe von Forschungen zu beweisen, dass dieses Model durchführbar und billiger als das Krankenhausmodell ist“, erklärt sie. Dies könnte die Bevölkerung und die Entscheidungsträger von der Notwendigkeit dieser Veränderung überzeugen. Die Casa Angela ist einer der ersten kleinen, aber wichtigen Schritte in diese Richtung.

    Zur Geschichte

    Mai 2016
    Kultur
    Brasilien, São Paulo

    Casa Angela

    Autorin

    Tânia Caliari
    ist Journalistin. Sie lebt und arbeitet in São Paulo.

    Übersetzer

    Timo Berger

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