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Ideenreichtum umsetzen

© Omnea Hassan

Ideenreichtum umsetzen

Idealerweise beginnt die Förderung der Wissenschaft bereits in der Schule. Im Süden Oberägyptens setzt eine Vereinigung genau dieses Anliegen erfolgreich in die Tat um.
Eine Reportage zweier Schüler aus dem Jugendmedienprojekt Bashkatib.

„Wir müssen den Kreis zwischen Schülern an weiterführenden Schulen und Studenten schließen und ihren Austausch unterstützen, wenn wir die Jugend in der Wissenschaft fördern wollen“, sagt Muhammad Othman, Teamleiter und Verantwortlicher für Smart Learning in der Abteilung für Bildung und Erziehung bei Intel in Assuan, und beschreibt dabei mit seinen Fingern einen kleinen Kreis. Deshalb hat er den Förderverein für Begabte und Kreative gegründet. Der Verein wurde 2014 mit dem Ziel ins Leben gerufen, wissenschaftliche Ideen und deren Umsetzung durch Schüler und Studierende zu unterstützen.

Die Anfänge der „ISEF“ Messe

Ende 2009 entwickelte das ägyptische Bildungsministerium mit dem Technological Development Centre Assuan, einem staatlichen Zentrum zur Unterstützung der Bewohner Assuans, ein Programm, das die wissenschaftlichen Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern fördert. Im Rahmen dieses Programms schulte Othman 25 Lehrerinnen und Lehrer darin, Konzepte wissenschaftlicher Forschung an ihre Schüler zu vermitteln. Im Anschluss an diese Schulung wurden 17 dieser Schüler ausgewählt, um sieben wissenschaftliche Projekte für die erste Intel International Science and Engineering Fair (Internationale Intel-Messe für Wissenschaft und Ingenieurwesen) – bekannt als „Intel ISEF“ – in Assuan durchzuführen. ISEF ist der einzige internationale Wissenschaftswettbewerb für Schülerinnen und Schüler, der alle Biowissenschaften umfasst. Diese sieben Projekte qualifizierten sich für die finale Messe in dem Kairoer Vorort 6th of October City.

Schon vor Gründung des Fördervereins diente die Veranstaltung Muhammad Othman und seinem Team als wichtige Plattform für ihr Vorhaben, das Interesse der Jugend an wissenschaftlicher Forschung zu wecken. Othmans Arbeit hat dabei drei Schwerpunkte: wissenschaftliches Denken verbreiten, anspruchsvolle Projekte anbieten und gesellschaftliche Partizipation anregen. Für ihren Plan mobilisierte das Team 2010/2011 die Verwaltungsbehörden des Gouvernements Assuan. Dadurch konnten Othman und sein Team den ersten Schwerpunkt umsetzen: wissenschaftliches Denken zu verbreiten. 155 Schüler nahmen mit 45 wissenschaftlichen Projekten teil.


  • Olivia Adel, Schülerin der 11. Klasse, interessiert sich, seit sie zwölf Jahre alt ist, fürs Forschen. Ihr aktuelles Projekt hat sie „Egyponics“ genannt, zusammengesetzt aus den englischen Wörtern für „Ägypten“ und „Hydroponik“. Olivia erforscht dabei, wie man die Pflanzenhaltung mit Hydrokultur auf kostengünstige Weise steigern könnte. (Foto: Rouwaida Wael)

  • Anders als die Nachbarhäuser ist Olivias Haus von zahlreichen Pflanzen umgeben, um die sich Olivia kümmert. (Foto: Rouwaida Wael)

  • Olivias Steckenpferd Hydroponik ist nicht nur rentabel, sondern produziert auch weniger umweltbelastende Rückstände als die Bodenkultur und kommt durch den Einsatz von Tröpfchen- statt Flächenbewässerung mit sehr viel weniger Wasser aus. Hier stutzt Olivia den Rosmarin, den sie für ihr Projekt ausgewählt hat, weil er auf dem Markt viel einbringt. (Foto: Rouwaida Wael)

  • Olivia pflückt Molokhia-Blätter fürs Essen. Aus den Blättern, die man nicht zum Kochen nehmen kann, stellt sie eine Art Flüssigdünger her. (Foto: Omnea Hassan)

  • Da die Elektrizität, die für die Hydroponik benötigt wird, mit Photovoltaik erzeugt wird, hält sich auch der zusätzliche Strombedarf der Tröpfchenbewässerung in Grenzen. Die Solarzelle speist eine Autobatterie. (Foto: Rouwaida Wael)

  • Olivia pflegt den Schattenbaum, während die Mutter bei der Arbeit ist. Als der Baum gepflanzt wurde, war er noch sehr schmächtig. (Foto: Omnea Hassan)

  • Olivia erzählt von einem Referat in der Schule. Sie findet, dass Belehrungen wenig Aussicht auf Erfolg haben, sondern dass Wissenschaft interessant und praxisbezogen sein muss, um bei den Schülern anzukommen. (Foto: Rouwaida Wael)

  • Olivia abends bei den Hausaufgaben. Sie ist auch nach einem langen Tag noch guter Dinge, trotz Klassenarbeit, Forschungsprojekt, Hausaufgaben und Unterrichtsvorbereitung. (Foto: Omnea Hassan)

  • Olivia bei der Zubereitung ihres Lieblingsgetränks Karkadeh. Der heiße Hibiskustee tut gut, wenn man von draußen aus der Kälte kommt. (Foto: Rouwaida Wael)


„Das war für mich der Beweis, dass wir zur Gesellschaft durchgedrungen waren. Indem wir Schüler über die Bedeutung der Wissenschaft aufklärten, konnten wir sie für die Forschung begeistern“, erklärt Othman. Er unterstreicht, dass sich das Konzept in den folgenden Jahren im Gouvernement Assuan verbreitet hat. Die Zahl der Teilnehmer sei schnell angewachsen, so dass im dritten Jahr bereits 212 Schüler mit 105 Projekten und im vierten Jahr 421 Schüler mit 239 Projekten teilgenommen hätten. Die Zahl der vorbereitenden Messen, auf denen die Projekte für die finale Messe ausgewählt werden, stieg auf fünf an. Außerdem qualifizierten sich einige Projekte im Studienjahr 2010/2011 für den Wettbewerb der Intel ISEF für den arabischen Raum in Dubai. Für diesen Wettbewerb qualifizierte sich im darauffolgenden Jahr auch das Projekt „Personality Pills“ der 15-jährigen Schülerin Mayar Mamduh al-Amin: Mithilfe von Pillen, die aus natürlichen Kräutern hergestellt und auf die Energiezentren des menschlichen Körpers verteilt werden sollten, versuchte sie, eine Wirkung auf Gemütslagen herbeizuführen.

Othmans Förderverein möchte Schüler dabei unterstützen, ihren Ideenreichtum erfolgreich umzusetzen. Dadurch, so Othman, könne man auch das Bildungsministerium entlasten und die gesamte Gesellschaft einbeziehen. Er erläutert näher: „Zum Beispiel kann ein Student, der schon als Schüler an wissenschaftlichen Forschungsprojekten teilgenommen hat, nicht nur die Projekte Jüngerer betreuen, sondern nach Abschluss seines Studiums auch als Gutachter in den wissenschaftlichen Ausstellungen tätig werden.“

Mangelnde Teilnahme steht dem Fortschritt im Weg

Nach sechs Jahren Erfahrung im Bereich Förderung wissenschaftlicher Begabung und Kreativität muss Othman feststellen, dass sich insbesondere die Stärkung gesellschaftlicher Teilhabe schwierig gestaltet. Sobald Schüler das Studienlevel erreichten, nähmen sie nicht mehr an der ISEF teil. Othman gibt zu, dass ihn die Lücke, die im Wissenschaftsbereich für Studierende klaffe, ärgere. Schüler seien mitunter gezwungen, für das Studium in andere Gouvernements zu ziehen. Ambitionen und die nötige Beharrlichkeit zu lernen, zu entdecken und Projekte voranzutreiben hätten die Schüler, doch mit dem Studium ende dies dann alles plötzlich. Die Lösung für dieses Problem sieht Othman in der Kommunikation mit den Studierenden nach Beginn ihrer Hochschulzeit. Dem müsse ihre Einbindung in gesellschaftliche Aktivitäten folgen.

Professoren will Othman in die Förderung der Schüler nicht einbinden: “Der Altersunterschied ist zu groß, es besteht eine zu tiefe Kluft, die man nicht überbrücken kann.“ Er denkt, dass der erste Schritt darin bestehen müsse, ehemalige Projektteilnehmer, die jetzt studieren, auf Ausstellungen einzusetzen, um über ihre Erfahrungen in der Schulzeit zu erzählen, als sie dort waren, wo die Schüler jetzt stehen.

Hürden gilt es für die Vereinigung auch noch an anderer Stelle zu überwinden. Ihre Büros verdankt sie beispielsweise der Unterstützung durch eine Bildungsinstitution, und nun benötige man weitere Partner, die die Einrichtung eines Computersaals ermöglichen, sodass die Schüler für ihre Forschung auf Computer und auf Onlinevorlesungen der Mitglieder der Vereinigung zurückgreifen können. „Wir haben schon das Ministerium für Kommunikation um Unterstützung gebeten“, sagt Othman. „Wir warten allerdings noch immer auf eine Antwort.“

Ein Hoffnungsschimmer

Olivia Adel, Schülerin im zweiten Jahr einer weiterführenden Schule, interessiert sich seit ihrem zwölften Lebensjahr für die Forschung und gehört zu den Begabten, die der Verein fördern möchte. Derzeit arbeitet sie an ihrem Projekt „Egyponics“ (eine Zusammensetzung aus den englischen Wörtern für Ägypten und Hydroponik). Ihre Forschung konzentriert sich darauf, wie man das Interesse an Landwirtschaft steigern kann, ohne dass große Flächen Land gebraucht werden. Durch die optimale Nutzung kleiner Flächen und durch wenige aufwendige Anbauweisen bringt Egyponics dem Anwender materiellen Gewinn und schont die Umwelt. Strom und Wasser lassen sich durch den Einsatz von Solarzellen und Tröpfchenbewässerung sparen.

Die erste Aktivität der Vereinigung fand dieses Jahr im Rahmen der ISEF statt, wo zwei Studentinnen, die bereits als Schülerinnen an den wissenschaftlichen Ausstellungen teilgenommen hatten, einen Vortrag über Präsentations- und Sicherheitsregeln hielten. Darauf folgte ein Vortrag über kritisches Denken, gehalten von Nesreen Balieg, einem Mitglied des Verwaltungsrats der Vereinigung und Kooperationspartnerin von Intel für Unterrichtsmaterialien.

Othman hofft, besseren Kontakt zu den Studenten aufbauen zu können: „Ich wünsche mir, dass sie ihre wissenschaftlichen Ideen nicht nur als Teil einer vorrübergehenden Lebensphase oder als unbedeutendes Hobby betrachten, sondern dass jeder Schüler, der jetzt teilnimmt, ein Mitglied des ISEF-Teams wird.“

Dieser Artikel ist im Rahmen des Projekts „Future Perfect“ entstanden, einer Kooperation des Goethe-Instituts, der Stiftung „Futurzwei“ und der „Bashkatib“ GmbH.



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    Förderverein für Begabte und Kreative
    Bashkatib

    Autoren

    Roweida Wael und Omnea Hassan

    Roweida Wael, 18 Jahre, Schülerin der 12.Klasse, war eine der Ersten, die im April 2014 beim Bashkatib-Projekt einstieg,und zwar bei „Ain Al Aswani“ in der Provinz Assuan. Sie setzt sich gern für gesellschaftliche Belange ein und beteiligt sich dafür an zahlreichen Initiativen. Sie schreibt gerne Kurzgeschichten und journalistische Texte.

    Omnea Hassan, 16 Jahre, Schülerin der 11. Klasse,macht seit Mai 2015 beim Bashkatib-Projekt mit, und zwar bei „Ain Al Aswani“ inder Provinz Assuan. Sie hat ein Faible für kreatives und journalistischesSchreiben.

    Übersetzerin

    Jana Duman

     

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