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Journalismus neu erfinden

Einweihung Casa Pública Rio de Janeiro. Foto Agência Publica

Journalismus neu erfinden

Durch Crowdfunding, Spenden von Leserinnen und Lesern und Zuwendungen von Stiftungen finanziert, erneuert eine Agentur den Journalismus in Brasilien.

Im März 2016 erhielt die Reporterin Andrea Dip für ihre viel beachtete Reportagereihe über Frauenrechte im Online-Magazin Agência Pública den Journalistinnenpreis Troféu Mulher Imprensa. Um ihn hatten sich auch zahlreiche traditionelle Medien beworben. Andrea Dip widmete ihre Auszeichnung „allen Frauen, die ihren Schmerz in Kampf umgewandelt haben, dem unabhängigen Journalismus insgesamt und vor allem der Agência Pública“, für die sie seit 2011 tätig ist.

Vor genau fünf Jahren gründeten Marina Amaral, Natalia Viana und Tatiana Merlino Agência Pública (Dt. etwa: Öffentliche Agentur) als ein Pionierprojekt für Non-Profit-Journalismus. Finanziert über Mittel von Stiftungen, Crowdfunding-Kampagnen und Zuwendungen von Leserinnen und Lesern, setzt sich die Agentur für gehaltvolle und gut recherchierte Reportagen ein, die bisweilen monatelange Arbeit beanspruchen. „Agência Pública wurde mit dem Ziel gegründet, große Reportagen zu machen. Die Struktur ist gewachsen, aber das Ziel bleibt das gleiche“, sagt Marina Dias, Koordinatorin für Öffentlichkeitsarbeit.

Mit einer Redaktion in São Paulo und einem Kulturzentrum in Rio de Janeiro zählt die Agentur mittlerweile 14 Mitarbeiter: Direktorinnen, Reporter, Korrespondenten und Redakteurinnen. „Unsere Struktur ist genau auf die Art von Journalismus mit intensiver Recherche ausgelegt, die wir machen. Für das journalistische Tagesgeschäft hätten wir gar nicht die Mittel“, erklärt Marina Dias.

Großereignisse im Blick

Dias betont die Unabhängigkeit des Journalismus der Agência Pública sowie die Freiheit ihrer Reporter. „Unser Journalismus ist weder Anzeigenkunden verpflichtet noch großen Unternehmen, sondern dem öffentlichen Interesse sowie der Förderung des Qualitätsjournalismus an sich“, erklärt sie.

Paula Melani Rocha, Dozentin für Journalismus an der Universität von Ponta Grossa, fasst die Bedeutung von Agência Pública in vier Punkten zusammen: „Agência Pública ist wichtig in der brasilianischen Medienlandschaft, weil sie eine besondere Art der Organisation wählt, andere Themen aufgreift, investigativ arbeitet und vor allem auch, weil der Stil der Reportagen auf eine Vielzahl von Quellen und auf Zusammenhänge Wert legt. So macht sich Agência Pública von offiziellen Quellen unabhängiger. In der traditionellen Presse ist die Bindung an diese Quellen noch sehr präsent“, argumentiert die Professorin.

Seit der Gründung hat sich die Agentur Problemen im städtischen Raum, Gewalt gegen Frauen und öffentlicher Sicherheit gewidmet und sich mit einer Reihe von Menschenrechtsverletzungen rund um die Fußballweltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro befasst. „Ein weiteres Thema, zu dem Agência Pública seit ihrer Gründung recherchiert, ist das Amazonasgebiet. Wir haben viele Reportagen zu den Konflikten in der Region gemacht. Allgemein interessieren uns die Großereignisse in Brasilien und ihre Auswirkungen auf das Leben der Brasilianer“, erläutert Dias.

Stipendien für ausländische Journalisten

Mit dem Ziel, diese Recherchearbeit auszuweiten, hat Agência Pública ein Residenzprogramm für ausländische Journalisten ins Leben gerufen, die an Reportagen während der Olympischen Sommerspiele in Rio de Janeiro interessiert sind: Zwischen Juli und August 2016 werden vier Reporter für mindestens 15 Tage in der „Casa Pública“ untergebracht, die von Agência Pública betrieben wird. Neben der Unterbringung bietet die Agentur ein Stipendium in Höhe von 7.000 Reais (umgerechnet ca. 1.800 Euro) und logistische Unterstützung. „Wir haben viele wichtige, aber bis dahin wenig beachtete Geschichten über Räumungen, Autoritarismus, Gewalt und Korruption ans Licht gebracht. Nun wollen wir Journalisten aus anderen Ländern helfen, über diese traurige Seite der Mega-Events zu berichten. Eine Realität, die nicht ignoriert werden darf“, sagt Natalia Viana, eine der Gründerinnen und Direktorinnen der Agentur.

Residenzen und Debatten

Damit unabhängige Journalistinnen und Journalisten bestimmte Themen bearbeiten können, greift Agência Pública immer wieder auf gemeinschaftliche Finanzierungsmodelle zurück. Im Rahmen der ersten Kampagne 2013 brachte die Agentur fast 60.000 Reais zusammen, die in zehn Stipendien zu je 6.000 Reais an Journalisten zur Bearbeitung ihres „Traumthemas“ vergeben wurden. Mehr als 100 Vorschläge wurden eingereicht, „aus denen wir um die vierzig ausgewählt haben. Unsere Leser haben dann daraus zehn Themen bestimmt. Die Reportagen selbst wurden schließlich auf unserer Website veröffentlicht“, erzählt Dias.

Paula Melani erinnert zudem daran, dass Agência Pública, genauso wie andere alternative Medien, wie etwa Mídia Ninja und Jornalistas Livres, aus dem großen Potenzial des Internets und der sozialen Netzwerke entstanden ist. „Das gibt den Lesern die Möglichkeit, sich mittels verschiedener Quellen zu informieren. Ein Leser mag einem bestimmten Medium vielleicht zustimmen oder es auch ablehnen; das Großartige ist aber, dass er überhaupt den Zugang zu einer Auswahl verschiedener Medien bekommt. Das ist das Neue daran.“

Agência Pública, so sagt Marina Dias, ist auch eine Reflexion über journalistische Praxis. „Wir wollen nicht nur große Reportagen schreiben, sondern auch über die Situation des Journalismus in Brasilien nachdenken und diskutieren“, sagt sie und nennt zwei neu entwickelte Projekte der Agentur. Das erste ist ein Verzeichnis, das 70 Initiativen für unabhängigen Journalismus in Brasilien auflistet. Es sei ein buntes, innovatives und hoffnungsvolles Panorama, das online zur Verfügung stehe. Das zweite Projekt ist die bereits erwähnte „Casa Pública“, ein Kulturzentrum in Rio de Janeiro, in dem Diskussionen über Journalismus und aktuelle brasilianische Themen stattfinden. Für die Zukunft plant die Agentur ein Journalismuslabor für Studenten.

    Zur Geschichte

    Juni 2016
    Öffentlichkeitsarbeit
    Brasilien, São Paulo

    Agência Pública
    Mídia Ninja
    Jornalistas Livres

    Autorin

    Victor da Rosa
    ist Schriftsteller und promovierter Literaturwissenschafter. Er lebt und arbeitet in Belo Horizonte.

    Übersetzer

    Michael Kegler
     

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