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Leben verändern mit Musik

Foto (CC BY-NC-ND): Lenon Reis/NEOJIBA

Leben verändern mit Musik

Der Pianist Ricardo Castro initiierte gemeinschaftliche Musikprojekte mit Kindern und Jugendlichen im brasilianischen Bundesland Bahia.

“Jemand, der mit drei Jahren mit dem Klavierspiel begonnen hat, kann nicht plötzlich aufhören. Nicht einmal auf den bewussten Beschluss hin: Ich will nicht mehr spielen. Das würde nicht funktionieren. Es ist wie essen und schlafen“, sagt Ricardo Castro, der erste Brasilianer, der mit der Ehrenmitgliedschaft in der britischen Konzertgesellschaft Royal Philharmonic Society ausgezeichnet wurde. Doch das Engagement Castros für seine Musik geht weit über seine internationale Karriere hinaus. Denn mit dem Programm NEOJIBA – im Brasilianischen eine Abkürzung für ‚Zentren für Jugend- und Kinderorchester im Bundesstaat Bahia’ – förderte er bereits mehr als 4.600 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in der Musik. „Am Anfang haben wir einfach nur ein Symphonieorchester gegründet, aber schon das hatte etwas Neues,“ sagt Castro, der NEOJIBA – eine Abkürzung für Núcleos de Orquestras Juvenis e Infantis da Bahia – 2007 in Salvador da Bahia gründete. Neu sei das Orchester als ein Weg, mit so vielen Menschen wie möglich in der Gemeinschaft Musik zu machen.

Geboren in Vitória da Conquista im brasilianischen Bundesstaat Bahia, zog der Musiker bereits als junger Erwachsener nach Europa. Ausgebildet am Genfer Konservatorium unterrichtet Castro seit 1992 Meisterschüler der Haute École de Musique im schweizerischen Lausanne. „Aber ich blieb stets Brasilianer. Meine Familie lebte ja weiterhin in Brasilien, und irgendwann war ich mit deren sozialer Realität konfrontiert“, schildert der Pianist den Moment, als er spürte, dass er als Künstler „etwas mehr“ leisten könne. „Von da an ging es darum, Partner für meine Idee zu finden. Die Projekte Axé, Conquista Criança sowie Belgais der Pianistin Maria João Pires in Portugal waren meine drei wichtigsten Bezugspunkte“, so Castro.

Das Publikum gehört auf die Bühne

Im Januar 2007 begann für den Pianisten das Abenteuer NEOJIBA. „Was hier geschieht, ist auch für mich neu. Ich habe meine künstlerischen Konzepte bereits mehrfach umgestellt“, betont Castro. Mit der Erfahrung der vergangenen neun Jahre und nach dem Motto „Wer lehrt, muss lernen“ ist Castro überzeugt: das Publikum gehört auf die Bühne. „Für mich kann jeder einen höheren Grad an Exzellenz in der Kunst erreichen, wenn er die Möglichkeit dazu bekommt“, ergänzt Castro.


  • Das Jugendorchester von Bahia. Foto (CC BY-NC-ND): Lenon Reis/NEOJIBA

  • Ricardo und das sogenannte experimentelle pädagogische Orchester OPE. Foto (CC BY-NC-ND): Lenon Reis/NEOJIBA

  • Ricardo mit einigen Mitgliedern seines experimentellen Orchesters. Foto (CC BY-NC-ND): Lenon Reis/NEOJIBA



Er ist davon überzeugt, dass künstlerische Praxis nicht das Privileg Weniger bleiben dürfe: „Wir wissen, dass Kunst eine Wirkung und große Bedeutung für das Leben in der Gemeinschaft hat. Nun geht es darum, mehr Leute davon zu überzeugen, dass es politische Priorität haben sollte, sehr vielen Menschen Kunstausübung zu ermöglichen.“ Und während der Zugang zu musikalischer Bildung für die meisten brasilianischen Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen weiterhin recht schwierig ist, kommt NEOJIBA mit großen Schritten voran.

Alles ist möglich

2016 besitzt das Programm bereits zehn Chor- und Orchesterzentren in Salvador und anderen Landkreisen Bahias, darunter auch Simões Filho, der Gemeinde mit der höchsten Mordrate in ganz Brasilien. Hinzu kommt eine Reihe von Partnern in 15 Stadtteilen Salvadors mit der höchsten Gewaltrate in der Metropolregion sowie Partner in 17 Städten im Landesinneren des Bundesstaats. Es sind Gemeindeprojekte zur musikalischen Bildung, Schulorchester und Kapellen, die kostenlos Zugang zu musikalischen Aktivitäten, pädagogische und organisatorische Weiterbildung und didaktische Konzerte bieten.

„Die Zusammenarbeit in einem Orchester ist der schnellste und effizienteste Weg, in kurzer Zeit zu einem spürbaren Ergebnis zu kommen“, sagt Castro. Gründe dafür seien die Größe der Gruppe, das Repertoire und die nötige Disziplin. „Auch Chorgesang ist eine wichtige Aktivität. Wir weiten unsere Arbeit auf alle möglichen Ausbildungsformen aus, wie etwa das Zupf-Streich-Orchester. Vielleicht haben wir bald auch ein Berimbau-Orchester oder eine reine Schlagzeug-Kapelle. Es ist alles möglich“, ergänzt Castro hoffnungsvoll.

Realistischere Musikerfahrung

Einige der jungen brasilianischen Musiker von NEOJIBA gehören zu einer Gruppe von 104 Musikerinnen und Musikern im Alter zwischen 14 und 29 Jahren, die ab August 2016 in Frankreich, der Schweiz und in Italien auftreten werden. Sie spielen zehn Konzerte unter der Leitung von Ricardo Castro und werden begleitet von zwei der renommiertesten Künstlerinnen der Gegenwart: der Pianistin Martha Argerich und der Violinistin Midori Goto.

„Ich glaube, es gibt den Wunsch, diesen Jugendlichen beim Musizieren zuzuhören. Das liegt an der Art, wie wir mit dem Repertoire umgehen, und der Hingabe und der Energie, die sich aus unserer gemeinsamen Arbeit ergeben. Es ist immer bewegend“, betont Castro. Für das europäische Publikum, das es gewohnt sei, professionelle, standardisierte Orchester zu hören, bestehe das Interesse am Orchester aus Bahia darin, Teil einer realistischeren Erfahrung zu sein, meint der brasilianische Pianist.

    Zur Geschichte

    August 2016
    Kultur
    Brasilien, Salvador da Bahia

    NEOJIBA

    Autorin

    Christiane Sampaio  
    ist Journalistin und Projektkoordinatorin in denBereichen Politik, Bildung, Kultur und Menschenrechte. Sie lebt in Salvador daBahia.

    Übersetzung

    Michael Kegler

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