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„Da ist etwas nach uns“

Foto (CC BY-SA): Kristin von Hirsch

„Da ist etwas nach uns“

Zum zweiten Mal wird ein Manuskript für die Future Library überreicht. Wie ein Schatz wird es bis 2114 in der Osloer Deichmannsken Bibliothek gehütet.

Katie Paterson hat diesmal den britischen Autor David Mitchell gebeten, einen Text zu schreiben, zu versiegeln und in das Waldstück nördlich von Oslo zu bringen. Ein paar Worte können es sein, 100 Seiten oder sogar mehr. Keiner der Anwesenden wird es je erfahren. Das Manuskript des Vorjahrs stammt aus der Feder der Kanadierin Margaret Atwood. Initiiert hat das jährlich wachsende Projekt die schottische, in Berlin lebende Künstlerin Paterson.

Geduldig warten im Nieselregen Groß und Klein in farbigen Regenjacken auf den Erfolgsautor, wärmen sich mit schwarzem Kaffee aus westernartigen Eisenkesseln. Gleich wird Mitchell mit den Frauen, Männern und Kindern die norwegische Waldeinsamkeit teilen, angereist von seinem irischen Heimatort Cork, sein exklusives, und sehr geheimes Manuskript im Gepäck. Von der Stille der Bäume umgeben, wird Mitchell zwar kein Sterbenswörtchen über den Inhalt verraten, wohl aber den Titel: Von mir fließt, was du Zeit nennst, hat er sein Werk getauft, eine Hommage an ein Werk des japanischen, zeitgenössischen Komponisten Toru Takemitsu.

Winzige Setzlinge – 30 Minuten von der Haltestelle entfernt

Wald gibt es hier in der Nordmarka mehr als genug, soweit das Auge reicht und noch darüber hinaus. Der Stoff, aus dem die Bücher sind. Auf der Lichtung weht eine würzige Brise, Regenschauer kommen und gehen. Nur die Allerkleinsten der überwiegend jungen Familien, die sich an diesem Samstagmorgen auf den ausgeteilten Outdoor-Matten nieder gelassen haben, werden vielleicht einst die literarischen „Schätze“ der Future Library lesen können.

Was könnte also ein besserer Ort für die Übergabe seiner geheimen Schrift sein, als genau dort, wo jenes Holz gemächlich heran wächst, das in 100 Jahren das Papier für die Future Library liefern wird? Die kleinen Setzlinge, die mit roten Schleifen markiert wurden, machten sich inzwischen gut, berichtet Jon den Wartenden. Er ist der „Chef des Waldes“ und wohnt ebenfalls der Zeremonie bei. 1000 Kiefern wurden bereits vor zwei Jahren an diesem Ort für die Future Library ausgesät. „Mal wachsen die Pflänzchen langsam, dann geht es sehr plötzlich in großen Schüben voran.“

Hier, im Voksenkollen, wie das Gebiet im Herzen von Oslos Nordmarka heißt, einen strammen, 30-minütigen Fußmarsch entfernt von der nächsten Haltestelle Richtung City, ist den Setzlingen ein Leben vergönnt, bis sie 2114 als ausgewachsene Bäume gefällt werden.

„Der Tod ist nicht das Ende“

Und da steht David Mitchell endlich mit blauer Allwetterjacke, Seemanns-Shirt und sehr sympathischem Lächeln im ergrünten Wald, auf entspannte Art very british. Der Autor dankt für die enorme Ehre, dabei sein zu dürfen. „Hello everybody“, begrüßt er die zwischen Gestrüpp und Setzlingen hockenden Gäste. Er macht gleich von Anfang an klar, dass Kinderlärm kein Problem sei, weil das Projekt doch für sie bestimmt sei. „Da ist etwas nach uns“, glaubt er. „Der Tod ist nicht das Ende.“ Dann liest er unter anderem ein paar Verse von seinem Lieblingsdichter Philip Larkin, mit dem Titel – wie könnte es anders sein – The trees.

„Zuerst dachte ich, das ist doch völlig verrückt“, blickt Erfolgsautor Mitchell zurück. „Ich soll schreiben, und niemand will es lesen.“ Nach einigem Nachdenken habe ihn jedoch die Begeisterung für das Projekt gepackt. „Ja, es ist verrückt, so etwas zu machen“, findet er nach wie vor, doch auf eine gute Weise verrückt. „Ich sehe es als Stimme für unser Vertrauen in die Zukunft“, betont Mitchell. „Denn ich mag die Seite in mir mehr, die daran glaubt, dass unsere Zivilisation eine Zukunft haben wird, als die, die es nicht tut. Wir brauchen solche Visionen wie die der Future Library, um zu überleben“, ist Mitchell überzeugt. Und wer dem Buch keine Zukunft mehr gebe, der irre sich. „Vor ein paar Jahren wurden Bücher noch als gefährdete Spezies eingestuft, doch heute weiß man, das stimmt nicht.“

Mitchell gesteht, dass er seine Seiten bis kurz vor seiner Abreise nach Norwegen immer wieder verändert habe und erst fertig ausgedruckt wenige Minuten, bevor das Taxi vor der Tür stand. Leicht habe er es sich also nicht gemacht mit diesem Text, den keiner, den er kennt, je lesen wird. Charaktere, die darin vorkommen, werde er wohl in seinen nächsten Romanen weiterentwickeln.

Warum Katie Paterson gerade Oslo als Ort für ihre Future Library gewählt hat? „In Norwegen ist es ganz normal, dass Stadt und Natur ineinander über gehen.“ Die Natur ist ihr wichtig: Alles werde immer virtueller. „Ich wollte etwas Organisches gestalten und darauf aufmerksam machen, wo etwas herkommt.“ So sieht es auch David Mitchell: „Es ist ein Kreis, die Natur verwandelt sich schließlich in ein Buch, das du lesen kannst. Es ist ein Gedicht, gemacht aus Realität.“ Im Grunde sei das doch wie Musik: „Wenn du es in Worten sagen willst, wird es weniger.“

    Zur Geschichte

    August 2016
    Öffentlichkeitsarbeit
    Norwegen, Oslo

    Future Library

    Autorin

    Jutta Martha Beiner  
    ist Web-Redakteurin am Goethe-Institut Norwegen.

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