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Kleingärtner pflegen öffentliches Land

Foto (CC BY-SA): Jože Bavcon

Kleingärtner pflegen öffentliches Land

Warum sollten sich der slowenische öffentlich-rechtliche Rundfunk, der Botanische Garten der Universität Ljubljana und eine Reihe von Freiwilligen wohl allesamt für ein Grundstück an einer Bahnlinie interessieren? Richtig, sie engagieren sich gemeinsam für das Gärtnern in der Stadt.

Die slowenische Fernsehsendung Guten Morgen bietet bereits seit einigen Jahren eine Live-Beratung zu Pflanzenpflege und Gartenbau an. Als Expertinnen und Experten treten Mitarbeiter des Botanischen Gartens der Universität Ljubljana einmal in der Woche in der Sendung auf. Aus dieser Beratung entstand die Initiative, Städtern aus Ljubljana Land zuzuteilen und ihnen die Hilfe der Experten aus dem Botanischen Garten bei der Bewirtschaftung anzubieten. Eine geeignete Fläche war bald gefunden: Eine Brache entlang einer Zugtrasse in unmittelbarer Nähe des Botanischen Gartens, die der Stadt Ljubljana gehörte, sollte für die Kleingärten genutzt werden. Hier wuchsen unter anderem invasive – nicht heimische, aber sich stark verbreitende – Pflanzen; zudem lagerte auf der Brachfläche Bauschutt. Deshalb war es auch im Interesse der Stadt, dass dieses Gebiet gepflegt würde.

Unter den Kleingärtnern, die in sieben Gruppen aufgeteilt wurden, waren Familien, Senioren und Singles – Städterinnen genauso wie Leute vom Land, die noch nicht so lange in der Stadt leben und sich wieder um ein Stück Land kümmern wollten. Die Verwandlung der Brachfläche in mehrere je 30 Quadratmeter große Gärtchen begleitete das Fernsehen mit der Kamera. Das ganze Geschehen konnte ganz Slowenien einmal in der Woche in der Morgensendung Saison verfolgen.

Brachflächen nutzen

Die Experten des Botanischen Gartens – der, 1810 gegründet, übrigens der älteste solche Garten im südöstlichen Europa ist – begleiten die Kleingärtner noch heute. Von Anfang an war Einiges selbstverständlich, erklärt die Biologin des Botanischen Gartens Blanka Ravnjak: „Die Kleingärtner verwenden keine Kunstdünger, Pestizide, Kunststoffe und synthetische Materialien. Außerdem halten sie sich an gemeinsam vereinbarte Regeln, die Ordnung betreffend.“ Die Kleingärtner müssen keine Miete zahlen, haben sich aber durch die Unterzeichnung einer Erklärung verpflichtet, sich an die Vereinbarungen zu halten.


  • Foto (CC BY-SA): Jože Bavcon

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In den vergangenen Jahren war es in Ljubljana sehr beliebt, Gebiete ohne konkrete Nutzung für den Kleingartenbau in der Stadt zu erschließen, auch als Folge eines gesellschaftlichen Trends. „Zu wissen, was wir essen, und es wenn möglich auch selbst anzubauen, hat zu dieser neuen Nutzung beigetragen“, sagt Blanka. Grundsätzlich bauen Kleingärtner Klassisches an: verschiedene Salat- und Gemüsesorten oder auch Knoblauch. Jede Kleingärtnerin züchtet aber auch eigene, besondere Sorten, da es auf dem Markt immer neue Gemüsepflanzen gibt und die Leute gerne Neues im eigenen Kleingarten ausprobieren. Auch der Botanische Garten bietet jedes Frühjahr bestimmte Arten von Gemüsejungpflanzen zum Kauf an. „In der Regel haben wir eine große Auswahl an Tomaten und Auberginen, wobei wir uns auf besondere Sorten mit speziellen Formen, Farben und Größen konzentrieren“, erklärt die Agrarwissenschaftlerin des Botanischen Gartens, Stanka Fišer. Die Kleingärtner werden aber auch ermutigt, Pflanzensamen zu ernten, diese dann in der nächsten Saison zu säen und so nachhaltigen Gartenbau zu betreiben.

Nicht nur Selbstversorgung

„Unsere Kleingärtner sind seit Beginn des Projektes nicht nur erfahrener geworden, sondern vor allem auch selbstbewusster“, sagt die Agrarwissenschaftlerin Stanka. Sie meint weiter, dass in den Medien viel über Selbstversorgung geredet werde. Dadurch falle es den Leuten immer schwerer, sich in dieser Informationsflut zu orientieren – auch weil sich die Informationen oft widersprächen. Deshalb empfiehlt sie, auf einer kleinen Fläche gemäß individueller Wünsche Pflanzen anzubauen. Bei der Auswahl der Gemüsesorten müsse man immer berücksichtigen, wieviel Freizeit man habe, und dann passende Pflanzenarten zur Aussaat auswählen – denn einige Sorten benötigen tägliche Pflege, andere sind viel weniger anspruchsvoll.

Ein wichtiger Teil des Projektes ist auch die Zusammenarbeit verschiedener Generationen. Stanka betont die Bedeutung der Kleingärten für ältere Menschen, die sonst wahrscheinlich viel mehr Zeit allein in ihren vier Wänden verbringen würden. Gartenbau solle neben Selbstversorgung vor allem auch Freude machen. „Wir sollten nicht jedes Jahr eine Rekordernte erwarten“, erklärt Stanka. „Es wäre gut, wenn uns das auch auf anderen Gebieten bewusst wäre“, ergänzt sie, „das brächte sicherlich mehr echte Zufriedenheit in unseren Alltag.“

    Zur Geschichte

    August 2016
    Raum & Wohnen
    Slowenien, Ljubljana 

     Botanischer Garten der Universität Ljubljana  

    Autorin

    Pina Gabrijan 
    ist Kulturwissenschaftlerin und Freie Journalistin inSlowenien.

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