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Zeit schenken und helfen


Zeit schenken und helfen

Zeit ist Geld, sagt ein Sprichwort. Jetzt kann man sie verschenken oder sogar tauschen und damit anderen helfen. Verschiedene Beispiele für Zeitbanken aus Finnland.

Im Pflegeheim Kivipuro in der finnischen Stadt Seinäjoki raschelt die Zeitung. Darüber gebeugt sitzen zwei Männer. Der eine liest, der andere hört zu. Die Seiten blättert der jüngere Mann erst nach längeren Pausen um, denn dazwischen diskutiert er mit seinem älteren Gegenüber. „Der Tag wird immer ein wenig sonniger, wenn Jyrki zu Besuch kommt“, sagt der 90-jährige Eero Tolkki, der ältere der Männer. Er ist blind. Der jüngere der beiden, Jyrki Yliniemi, ist ein Lesespender. Das bedeutet, er spendet Zeit, da er jemandem, der nicht mehr selbst lesen kann, eine kostenlose Lesestunde schenkt: in diesem Falle dem eifrigen Zuhörer Eero Tolkki. Neben Zeit braucht Jyrki eine gute Vorlesestimme und einen wachen Verstand – Eigenschaften, die nur stärker werden, wenn man sie benutzt. „Am wichtigsten ist eine anregende Diskussion und das Verfolgen von aktuellen Geschehnissen“, ergänzt Eero.

Im Leben von Eero Tolkki gibt es zwei Dinge, die ihm noch Freude bereiten: Gespräche und Spazieren. Wegen seiner Erblindung benötigt er bei beiden Aktivitäten Hilfe. Trotz seiner Arbeit als Chefredakteur und Programmchef des Senders Kevytkanava kommt Jyrki jede Woche zu Eero. Woher nimmt er sich die Zeit?

Dutzende finden Zeit

„Es ist eine reine Organisationssache. Man findet Zeit, wenn man sie finden will. Ich bekomme gute Laune, wenn ich helfen kann. Und eines Tages können sich die Rollen ändern, und ich brauche selbst Hilfe“, sagt Jyrki. Als man Eero diesen Service anbot, war er sofort dazu bereit, denn die Tage im Pflegeheim sind lang. Eingezogen ist Eero dort, als seine Frau Sisko an Demenz erkrankte. Sein Sehvermögen verlor Eero im Laufe der Jahre. „Ich habe Glück und sogar noch einen anderen Freund, der mit mir spazieren geht, und auch meine Familie kommt mich besuchen“, sagt Eero.


  • So kursieren die Angebote in der Zeitbank. Bild (CC BY-SA): Sanna Pelliccioni

  • Mitglieder des Netzwerks Zeit heilt: mit dem Rücken zur Kamera Sari Parviainen (links) und Riitta Vertio (rechts), mit Blick in die Kamera von links Hanna Koppelomäki, Maala Nieminen und Esa Nieminen. Foto (CC BY-SA): Kalle Kervinen

  • Manchmal unterstützt man jemanden, manchmal braucht man selbst Hilfe: Maala Nieminen, Hanna Koppelomäki, Esa Nieminen, Monika Halinen, Sari Parviainen und Piksi McArthur (von links nach rechts) sind Teil von Zeit heilt. Foto (CC BY-SA): Kalle Kervinen

  • Die Initiatorin von Zeit heilt, Hanna Koppelomäki (links), im Gespräch mit Maala Nieminen, Esa Nieminen und Piksi McArthur. Foto (CC BY-SA): Kalle Kervinen

  • Der eine liest, der andere hört zu: Jyrki Yliniemi und Eero Tolkki. Foto (CC BY-SA): Outi Reinola

  • "Der Tag wird immer ein wenig sonniger, wenn Jyrki zu Besuch kommt", sagt Eero. Foto (CC BY-SA): Outi Reinola

  • "Man findet Zeit, wenn man sie finden will. Ich bekomme gute Laune, wenn ich helfen kann", sagt Jyrki. Foto (CC BY-SA): Outi Reinola



Initiiert wurde das Projekt Lesestunde spenden vom Verein Etelä-Pohjanmaan Muistiyhdistys (Gedächtnisverband der Provinz Südösterbotten), die Koordination übernahm die Stadtbibliothek Seinäjoki. Inzwischen hat sich das Projekt etabliert und wird in Zusammenarbeit mit vier lokalen Pflegeheimen praktiziert. „In der Region Seinäjoki gibt es derzeit 33 Lesespender. Das sind Menschen, die sich für Bücher und Lesen interessieren. Die Bibliothek koordiniert die Tätigkeit zwischen den Zeitspendern und den Pflegeheimen. In den Pflegeheimen wiederum gibt es jeweils einen Ansprechpartner, der die Leser in ihre Tätigkeit einweist“, erklärt Bibliothekarin Jaana Savela aus der Stadtbibliothek Seinäjoki. Lesestunden spenden kann man inzwischen in vielen Bibliotheken in ganz Finnland. Dutzende von Pflegeheimen und Lesespenderinnen und -spendern machen mit.

Die Zeit jedes Menschen ist gleich wertvoll

Gutherzige und hilfreiche Menschen gibt es seit jeher. Auf dem Lande hat man schon immer den Nachbarn geholfen, und in den Städten gibt es seit langem Freiwillige, die sich engagieren. Jetzt spricht man von sogenannten Zeitspendern: Das sind Menschen, die das Gute weitergeben wollen.

Das Gute kann auch wechselseitig ausgetauscht werden - das heißt, dass die Spenderin einen Service zurückbekommt, jedoch in einer anderen Form. Die Zeitbank im Großraum Helsinki basiert auf dieser Idee der Gegenseitigkeit. Der Grundgedanke ist, dass die Zeit jedes Menschen gleich wertvoll ist. Jeder kann die eigene Zeit und das eigene Können zur Verfügung stellen: etwa zum Aufräumen oder für eine Fahrradreparatur.

Die Dienstleistungen müssen nicht mit Geld bezahlt werden, als Zahlungsmittel gilt „tovi“ (ein Weilchen), die eigene Währungseinheit der Zeitbank. Für eine Stunde Arbeit bekommt man ein tovi, das dem jeweiligen Konto bei der Zeitbank gut geschrieben wird. Damit kann man dann eine Dienstleistung von jemand anderem erhalten.

In Helsinki heilt die Zeit

Nach diesem Prinzip arbeitet auch Aika parantaa (Die Zeit heilt), eine Sonderform der Zeitbank, die vor allem auf das seelische Wohl der Teilnehmenden abzielt. Aika parantaa bietet eine Tovi-Unterstützung im Rahmen des Netzwerks Stadin aikapankki (Zeitbank der Stadt) an. Hier geht es um ein gegenseitiges Unterstützen und Helfen im Rahmen der eigenen (physischen und psychischen) Möglichkeiten. Auch wenn Aika parantaa kein Ersatz für professionelle psychologische Hilfe ist, können selbst kleine Hilfeleistungen, die man durch das Netzwerk erhält, eine große Unterstützung darstellen. Außerdem kann das Helfen selbst bereits heilsam wirken. Bei der Tovi-Unterstützung werden also nicht Leistungen recycelt, sondern etwas ganz anderes: die eigene Kapazität!

Bei Aika parantaa kann man an einem Gruppentreffen oder an einem einstündigen Spaziergang teilnehmen, einen Termin für persönliche Betreuung reservieren oder einen Brief an einen Fremden schreiben. Zwischen 2013 und 2016 unterstützt Raha-automaattiyhdistys (der finnische Not-for-profit-Geldautomatenverband) das Projekt darin, die Tovi-Unterstützung bekannt zu machen.

„Die Tovi-Unterstützung soll bei der Bewältigung des Alltags helfen. Wer gerade Ressourcen hat, unterstützt jemanden, der Hilfe braucht. Die Rollen können immer auch wechseln. Der Hilfespender kann später selbst Hilfe brauchen“, erklärt Hanna Koppelomäki, die Gründerin und Koordinatorin der Tovi-Unterstützung.

Aika parantaa ist entstanden, als Hanna Koppelomäki die Zeitbank in Helsinki kennengelernt und gleichzeitig begonnen hat darüber nachzudenken, wie man Selbsthilfe und Zeitbanken kombinieren könnte. „Es ist kein Ersatz für professionelle Hilfe, kann aber dazu beitragen, diese zu finden“, ergänzt Koppelomäki.

„Wir gehören zur selben Sippe“

Die Englischlehrerin Teija-Riitta Perttula ist seit vier Jahren Mitglied der Zeitbank in Helsinki, also fast seit ihrer Gründung. Auch sie hat ein eigenes Konto, wo sich die gespendeten „Weilchen“ häufen. „Da alle, die Tovi-Unterstützung erhalten, Mitglieder der Zeitbank sind, wissen sie, dass wir keine professionellen Therapeuten sind und eine solche Hilfe nicht ersetzen können. Spender und Empfängerinnen der Unterstützung treffen sich meistens fünf Mal. Jemand kann etwa nach einer Scheidung so deprimiert sein, dass er zu nichts kommt und nicht einmal einkaufen gehen kann. Dann geht man etwa zusammen spazieren“, erzählt Tejia. Sie Ist froh über die Mitgliedschaft: Denn Teija hat neue Leute kennen gelernt und selbst Hilfe beim Umzug bekommen. „Mich interessiert jede Art von Freiwilligenarbeit. Ich möchte etwas zum Gemeinwohl beitragen. Ein Bekannter meinte, dass wir zur selben Sippe gehören; wir Menschen mit ähnlichen Grundsätzen sind. Alle, die ich kennen gelernt habe, waren wunderbare Menschen“, meint Teija.

    Zur Geschichte

    September 2016
    Gemeinschaft
    Finnland, diverse Orte

     Zeitbank Helsinki / Helsinki Timebank
     Aika parantaa

    Autorin

    Outi Reinola  
    ist Journalistin und Psychologin aus Seinäjoki, die sich für alternative Tätigkeiten und das psychische Wohlbefinden des Menschen interessiert.  

    Übersetzerin

    Marjukka Mäkelä 

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