Geschichten für morgen – schon heute, von überall

AUF DEM RÜCKEN EINES WALS

Foto (CC BY-NC-ND): Whale Watch Kaikōura

AUF DEM RÜCKEN EINES WALS

Nach einer Legende der Māori hat einmal ein Wal einem Häuptlingssohn das Leben gerettet, nachdem dieser hilflos im Meer herumgetrieben war. Sein Stamm setzte viele Jahrhunderte später erneut auf die Hilfe von Walen, um ihrer Stadt in Neuseeland wieder Arbeit und Wohlstand zu bescheren.

Ende der 1980er-Jahre steckte das neuseeländische Kaikōura in Schwierigkeiten. Mit der Wirtschaft ging es in der am Meer gelegenen Siedlung bergab, viele Arbeitsplätze waren verloren gegangen, etwa in den Bereichen Fischerei, Kommunikation und Bahnverkehr. In ihrer Verzweiflung entschieden einige Anführer der Māori-Gemeinde, ihre Zukunft wieder ihren einstigen Beschützern anzuvertrauen – den Walen.

Der hier ansässige Stamm der Ngāti Kurī, der zu den Māori gehört, zählt angeblich jenen Paikea als Vorfahren, der der Legende nach von einem Wal gerettet wurde, welcher ihn auf seinem Rücken wieder unversehrt an Land brachte. Wale haben seit jeher eine große Rolle im Leben der Menschen in Kaikōura gespielt – es ist einer der wenigen Orte in der Welt, an denen man das ganze Jahr über Pottwale direkt in Küstennähe beobachten kann.

Könnten die Wale den Ngāti Kurī erneut zur Hilfe eilen? „In den frühen Morgenstunden begann eine Idee, durch die Besprechungszimmer zu geistern: die Idee, ein Walbeobachtungsunternehmen zu gründen“, erzählt Lisa Bond von Whale Watch Kaikōura, dem Unternehmen, das aus dieser gemeinschaftlichen Anstrengung hervorgegangen ist.


  • Lisa Bond von Whale Watch Kaikōura Foto (CC BY-NC-ND): Whale Watch Kaikōura

  • Bill Solomon, einer der Gründer des Unternehmens Foto (CC BY-NC-ND): Whale Watch Kaikōura

  • Ein Pottwal, der hier regelmäßig auftaucht Foto (CC BY-NC-ND): Whale Watch Kaikōura

  • Die Fontäne eines Pottwals Foto (CC BY-NC-ND): Whale Watch Kaikōura

  • Das Schiff Wawahia und die Flosse eines Wals Foto (CC BY-NC-ND): Whale Watch Kaikōura

  • Die Rettung von Kaikōura Foto (CC BY-NC-ND): Whale Watch Kaikōura



Bill Solomon und andere Stammesälteste der Ngāti Kurī wussten damals, dass das Whale Watching in anderen Ländern bereits sehr erfolgreich war und beschlossen, alles auf eine Karte zu setzen, in der Hoffnung, dass es auch in Neuseeland funktionieren könnte.

Vier Māori-Familien nahmen eine Hypothek auf ihre Häuser auf und kauften ein Schlauchboot, mit dem bis zu acht Personen hinaus auf den Pazifik gebracht werden konnten, um dort nach Walen Ausschau zu halten.

Eine Zukunft für die nächsten Generationen

„Es war ein Risiko, aber unsere Stammesführer sind es eingegangen, weil sie fest entschlossen waren, ihren Familien langfristig eine Zukunft zu bieten“, erklärt Lisa.

Im ersten Jahr fanden auf dem kleinen Boot der Ngāti Kurī 3000 Whale-Watching-Touristen Platz. Heute, fast 30 Jahre später, macht Whale Watch Kaikōura im Jahr mehrere Millionen Dollar Umsatz und befördert jährlich an die 100.000 Passagiere auf seiner Flotte speziell dafür ausgerichteter Katamarane.

Das Unternehmen ist zu 100 Prozent im Besitz von Māori, es ist der größte Arbeitgeber in der Stadt und hat die Transformation des Ortes Kaikōura zu einem beliebten Besucherziel angeführt, das im Bereich des nachhaltigen Tourismus international einen guten Ruf genießt.

Ein Paradies für Meerestiere

„Der Moment, in dem man einen Wal entdeckt, hat immer etwas Magisches und Wunderschönes. Die Wale sind für mich niemals selbstverständlich, egal, wie oft ich sie zu Gesicht bekomme“, erzählt Lisa, die 1995 im Alter von 19 Jahren bei Whale Watch Kaikōura angefangen hat. Bis dahin war sie noch nicht oft aufs Meer hinausgefahren, doch als sie das erste Mal einen Wal aus dem Wasser auftauchen sah, habe sie sich sofort in die Tiere verliebt. Seither hat sie sich im Unternehmen hochgearbeitet; vom der Touristenführerin zur Bootsskipperin bis in die Marketingabteilung.

Im Nordosten der südlichen Insel Neuseelands gelegen ist Kaikōura ein wahres Paradies für Wale und andere Meerestiere: Ein tief unter der Meeresoberfläche gelegener Graben nahe der Küste produziert Strömungen mit einem reichhaltigen Nahrungsangebot. Nur ein paar Kilometer von der Küste entfernt fällt die Kontinentalplatte ab, und der Meeresboden geht um 1000 Meter in die Tiefe. Die Pottwale tauchen hier in der Schlucht nach riesigen Tintenfischen, Haien und anderen Fischen.

Pottwale kann man hier zu jeder Jahreszeit beobachten. Aber auch Blauwale, Buckelwale, Grindwale und Südkaper bekommt man hier oft zu Gesicht, genauso wie zahlreiche Delfine, Schwertwale, Pinguine, Seerobben und diverse Seevögel wie den Albatros oder den Sturmtaucher.

Kaikōura lebte schon einmal von Walen: In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts war die Siedlung ein Zentrum des Walfangs. Einige Arten wurden damals fast komplett ausgerottet, aber die Bestände erholen sich langsam wieder, seit Neuseeland sehr strenge Gesetze zum Schutz der Meerestiere erlassen hat. So dürfen sich etwa Boote einem Wal nicht mehr als auf 50 Meter nähern.

Einige Pottwale, die oft in der Gegend um Kaikōura unterwegs sind, scheinen die Walbeobachtungsboote inzwischen zu erkennen, berichtet Lisa. Die Skipper können die einzelnen Wale anhand der einzigartigen Muster, Narben, Kerben und Bissstellen am Rand ihrer Schwanzflossen sogar auseinanderhalten.

Nach den Grundsätzen der Māori

Dank der Wale hat sich das Schicksal von Kaikōura zum Guten gewendet. Die hohen Arbeitslosenraten und Perspektivlosigkeit der Gemeinde gehören der Vergangenheit an. Kaikōura ist heute eine lebhafte Gemeinschaft, in der viele Menschen im Öko-Tourismus, in den Cafés, Restaurants und Unterkünften der Stadt Arbeit gefunden haben. Viele der Nachkommen von Bill Solomon und der anderen vier Gründerfamilien arbeiten heute bei Whale Watch Kaikōura.

Das Unternehmen, so erklärt Lisa, basiert auf zwei wichtigen Grundsätzen der Māori: manaakitanga (Gastfreundschaft) und kaitiakitanga (Naturschutz).

Zur Einhaltung des Prinzips kaitiakitanga sind etwa die vier 48-Personen-Katamarane von Whale Watch Kaikōura mit geräuscharmen Antrieben ausgestattet, um den Unterwasserlärm möglichst gering zu halten. Sie verfügen außerdem über einen Innenpropeller, damit möglichst keine Meeresbewohner zu Schaden kommen.

In den 1990er-Jahren ist man sich in Kaikōura jedoch darüber bewusst geworden, dass die Umwelt sowie die lokale Infrastruktur unter den steigenden Besucherzahlen zu leiden anfing. Man beschloss, das Wachstum im Stadtbereich nachhaltig zu gestalten – mit Erfolg: Inzwischen kann Kaikōura das Platinum-Zertifikat für nachhaltige Stadtentwicklung von EarthCheck vorweisen.

Der vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen entwickelte EarthCheck fungiert gleichzeitig als wissenschaftlicher Leistungsvergleich, Zertifikat und Beratungsstelle für die Reise- und Tourismusbranche. Im Rahmen dieses Programms kontrolliert man in Kaikōura die Auswirkungen der örtlichen Aktivitäten auf die Umwelt und bemüht sich um einen schonenden Umgang mit den vorhandenen Ressourcen.

Whale Watch Kaikōura ist bereits mit zahlreichen internationalen Tourismus-Preisen ausgezeichnet worden, darunter auch der Australasian Responsible Tourism Award, der bei den World Travel Awards 2014 in Indien vergeben wurde. Viele Vertreter indigener Völker, etwa aus Kanada, Tonga und anderen Pazifischen Inseln, so berichtet Lisa, haben bereits das Unternehmen besucht, um sich darüber zu informieren, ob sie dessen Modell des sanften Tourismus nicht auch in ihrer jeweiligen Heimat übernehmen können.

„Ich glaube, Bill Solomon wäre sehr stolz auf das, was wir erreicht haben”, erklärt Lisa. „In gewisser Weise reiten wir immer noch auf dem Rücken eines Wals, genau wie einst unser Vorfahre Paikea – allerdings auf nachhaltige Art und Weise.”

    Zur Geschichte

    Oktober 2016
    Raum & Wohnen
    Neuseeland, Kaikōura

    Whale Watch Kaikōura
    World Travel Awards
    EarthCheck

    Autorin

    Linley Boniface
    ist freischaffende Journalistin in Wellington, Neuseeland.

    Übersetzerin

    Sabine Bode

    Weitererzählen

    Weitere Themen

    Kultur
    Energie
    Essen & Trinken
    Gemeinschaft
    Land & Stadtnatur
    Material
    Mobilität
    Öffentlichkeitsarbeit
    Raum & Wohnen