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Der Arzt, der Müll sammelt

Foto (CC BY-NC): Dana Ritzmann

Der Arzt, der Müll sammelt

Wandern, zusammen in der Natur sein und die frische Luft genießen – das macht die Gruppe „Cleaning Jordan“ und sammelt dabei noch Müll.

Sobald in Jordanien der Frühling beginnt, also irgendwann im März, wenn die Temperaturen weit über 20 Grad steigen, dann beginnt auch die Picknick-Saison. Picknick ist in Jordanien ein Synonym für Wochenende. An den freien Tagen Freitag und Samstag zieht es die Menschen ins Freie und, wenn möglich, in eine grüne Ecke. Die ist, in einem Land, das überwiegend aus Steinen und Wüste besteht, nicht einfach zu finden. Gerade mal ein Prozent der 97.000 Quadratkilometer Fläche ist nach Angaben des jordanischen Landwirtschaftsministeriums von Wald bedeckt.

Der Durchschnitt weltweit liegt bei 15 Prozent, in Deutschland sind knapp 33 Prozent des Landes bewaldet. So klingt es auch fast grotesk, dass die Facebook-Gruppe „Cleaning Jordan“ zu einem Ausflug in den Wald einlädt. Der ist eher ein Wäldchen; etwa 15 Kilometer nördlich von Amman trotzen Kiefern, Sträucher und Olivenbäume dem kargen Steinboden unter der brennenden Sonne. Angelegt wurde dieser Wald in den späten 1960er-Jahren vom damaligen jordanischen Premierminister Wasfi At-Tall, der auch einige Jahre Botschafter in Deutschland war und 1971 einem politischen Attentat zum Opfer fiel – erzählt Ramzi Tabbalat, der zu dem Spaziergang eingeladen hat.

Piekfein zu Hause, Müll im Wald

Mit einer kleinen Kolonne von Schulbussen geht es an einem Freitagmorgen um acht Uhr los. Raus aus der Stadt, vorbei an Einkaufszentren, Werkstätten, schmucken Villen und immer wieder Schafherden. Am Ende der Straße, die sich einen der vielen Berge hochwindet, ist der Wald. Der Blick geht weit ins Land, über Olivenhaine und Farmhäuser. Auf der großen Lichtung, wo auch die Busse parken, stehen drei große Müllcontainer – daneben Plastikflaschen, Tütenreste, Pappkisten, Windeln, Kaffeebecher. Die Reste von Hunderten Wochenendpicknicks. Überall verstreut, halbherzig vergraben, achtlos liegengelassen. Grillschalen, Chipstüten, Stanniolpapier und Teebeutel. Man könnte endlos weiter aufzählen. Der gesamte Waldboden rechts von der Lichtung ist regelrecht zugemüllt.

  • Angepackt: Für Ramzi Tabbalat und seinen Sohn ist es selbstverständlich beim Wandern das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. Ohne Müllberge sind die Hügel rund um Amman gleich noch mal so schön. Foto (CC BY-NC): Dana Ritzmann

  • Exotischer Fund: Eine winzige Schildkröte kommt zum Vorschein, als Pratima eine Felsspalte vom Unrat befreit hat. Foto (CC BY-NC): Dana Ritzmann

  • Hässlicher Ausguck: Der schöne Blick in die weite Landschaft Jordaniens wird immer wieder von wilden Müllhalden gestört. Foto (CC BY-NC): Dana Ritzmann

  • Ramzi Tabbalat: Im Alltag des Herzspezialisten muss alles steril sein. Vielleicht räumt er auch deshalb am Wochenende gerne auf. Dann aber am liebsten in der freien Natur. Foto (CC BY-NC): Dana Ritzmann

  • Schönheit der Natur: Filigrane Distelgewächse, Büsche und kleine Blumen zieren den kargen Wüstenboden und bieten auch Marienkäfern eine Heimat. Die Zivilisationsreste aus Plastik und Metall bedrohen ihren Lebensraum. Foto (CC BY-NC): Dana Ritzmann


„Die Leute lassen einfach alles liegen, werfen ihren Abfall einfach in den Wald“, klagt Ramzi Tabbalat. Warum das so ist – nicht nur hier im Wald, auch in Amman, in jeder Wohngegend, auf jeder Wiese, in jeder Ecke? Tabbalat zuckt mit den Schultern. „Das hat mit der Kultur zu tun“, erklärt er dann. „Ich garantiere Ihnen, dass es bei den Leuten zu Hause immer piekfein und sauber ist, aber hier gehört ihnen nichts, da ist es egal“, so Tabbalat.

Ein Museum für 20 Jahre alten Müll?

Warum die Leute nun tatsächlich alles einfach liegen lassen, erklärt das noch nicht 100-prozentig. „Die Jordanier sind – und das sage ich nicht gern – einfach bequem“, sagt Tabbalat, der selbst aus Amman stammt und sonst nicht schlecht über seine Landsleute spricht. Außer vielleicht, wenn es ums Rauchen geht. Auch so ein Laster. Damit hat der Herzspezialist beruflich zu tun. Wochentags steht der Kardiologe in seiner eigenen Praxis, macht EKGs und Ultraschall, legt Stents und Herzschrittmacher. „Zivilisationskrankheiten, wie Diabetes, Bluthochdruck oder eben auch Gefäß- und Herzkrankheiten, treten in Jordanien zehn Jahre früher als in den westlichen Staaten auf“, sagt der Mittfünfziger.

Grund dafür seien ungesunde Lebensweise, wenig Bewegung – und eben das Rauchen. Früher, sagt der Arzt, sei es ein Tabu gewesen, dass junge Leute in Gegenwart ihrer Eltern rauchten, oder dass Frauen oder junge Mädchen zur Zigarette griffen. „Heute sehe ich ganze Familien, die mit der Shisha zusammensitzen, da ziehen sogar die Kinder an dem Gift“, wettert Tabbalat. Und während mit der Zigarette wenigstens „nur“ der Tabak inhaliert wurde, seien es bei der Wasserpfeife auch noch die Chemikalien, die das Aroma erzeugen. Den süßlichen Geruch bemerkt man schon von weitem, auch auf dem Waldspaziergang. Die Hubbly-Bubbly, wie die Wasserpfeife in Jordanien genannt wird, gehört einfach zu jedem Picknick dazu. Allerdings wird das oft kunstvoll verzierte Gerät nach Aufbruch auf jeden Fall im Auto verstaut – anders als all die Coladosen, Plastikverpackungen und Servietten. Die werden vom Winde verweht, klemmen sich zwischen die Steine oder treten sich fest. Meistens bleibt der Müll jahrelang liegen. „Wir haben bei unseren Putzaktionen schon Dinge gefunden, die älter als 20 Jahre waren“, erzählt Tabbalat, der mit seinem Team schon mal darüber nachgedacht hat, ein Müllmuseum zu eröffnen, mit besonders exotischen Fundstücken. Dieses Mal war das Außergewöhnlichste, was sich zwischen den Abfallbergen fand, eine kleine Schildkröte.

Und noch während Dr. Tabbalat erzählt, wie viele Müllsäcke bei der Putzaktion am Vormittag zusammengekommen sind – immerhin 298 in zwei Stunden – kommt ein etwa neunjähriger Junge dazu und lässt im Gehen seine Limoflasche auf den Waldboden fallen. Offenbar ohne es zu merken. Tabbalat bittet ihn darum, sie aufzuheben. Gleichzeitig wundert er sich, wie es sein kann, dass ein Kind, das an seinem freien Tag mit seinen Eltern zum Müllsammeln in den Wald kommt - dort direkt wieder Müll fallen lässt.

Picknick im Wald mit Shisha und Grill

Schon deshalb setzt er seine Initiative fort, die er vor genau drei Jahren mit der Facebook-Gruppe gestartet hat. „Cleaning Jordan“ bringt Menschen zusammen, die gerne wandern und sich dabei für die Umwelt engagieren wollen, egal, ob Jordanier oder Ausländer. Zwischen 30 und 50 Menschen, oft auch Familien, treffen sich regelmäßig zu den Kampagnen, bei denen nicht nur eifrig aufgeräumt wird. Es gibt natürlich auch ein Picknick und eine Wanderung durch die Natur mit atemberaubenden Aussichten, frischer Luft und schönen Landschaften. Natürlich immer dabei: genug Müllsäcke, damit nichts liegen bleibt.

Je weiter man in den Wald kommt, egal ob in Amman oder in Ajloun, dem größten Wald Jordaniens, wo Tabbalat üblicherweise seine Touren startet, desto sauberer wird es. Nur noch vereinzelt liegt etwas herum. Grund dafür sei ebenfalls die Bequemlichkeit, sagt Tabbalat mit einem sarkastischen Lachen.

Die meisten Wochenendausflügler – und das lässt sich gut beobachten – fahren mit dem Auto direkt zu ihrem Ziel. Entweder nur bis zur nächsten Brache in der Nachbarschaft. Oder in den vor einigen Jahren angelegten King Hussein Park, der tatsächlich ein bisschen als grüne Lunge am Rande der Sandsteinfassaden und Asphaltpisten von Amman fungiert. Oder eben in die Wälder am Stadtrand oder im Norden des Landes. Dort wird die Decke ausgerollt, der Grill und die Shisha aufgestellt, Kaffee aufgegossen und das Essen drapiert. Dann kann das Wochenende beginnen.

    Zur Geschichte

    November 2016
    Land & Stadtnatur
    Jordanien, Amman

    Cleaning Jordan

    Autorin

    Dana Ritzmann

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