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KULTURELLE ENERGIE NAHE DER ENTFREMDUNGSZONE

Foto (CC BY-NC-ND): ENLIGHT Slawutytsch

KULTURELLE ENERGIE NAHE DER ENTFREMDUNGSZONE

Slawutytsch „verdankt“ seine Existenz der Tschernobyl-Katastrophe. Nach dem Abschalten des Atomkraftwerks droht der Kleinstadt ein langsamer Tod – wäre da nicht das Filmfestival „86“.

Die Explosion im Kernkraftwerk Tschernobyl am 26. April 1986 brachte vielen Menschen den Tod – und sie führte zur Geburt von Slawutytsch. 116.000 Menschen mussten nach dem Super-GAU evakuiert werden. Darunter 45.000 Einwohner der Stadt Prypjat´, hauptsächlich Werksangestellte. Sie mussten ihre Arbeit fortsetzen, denn das Kernkraftwerk produzierte mit den drei verbliebenen Reaktorblöcken weiterhin Strom. Die Arbeiter mussten an einem anderen nahegelegenen Ort untergebracht werden, außerhalb der radioaktiven Zone: in Slawutytsch. Seit 1986 beherbergt die Kleinstadt Menschen, die die Katastrophe im Atomkraftwerk überlebt haben.

Die Stadt gilt als „die letzte sowjetische Utopie“. Architekten aus diversen Sowjetrepubliken setzten hier für ihre Heimaten typische Wohnungsbauprojekte um mit für diese Regionen charakteristischen Materialien: rosafarbenes armenisches Tuffgestein, Holz, Teile von keramischen Wandbildern und Stahlbetonplatten. Das gemeinsame Großprojekt und die Hilfe aus anderen Teilen des riesigen Vielvölkerstaates, um die Folgen der Katastrophe zu überwinden, wurden seinerzeit als Beispiel für die sowjetische „Völkerfreundschaft“ inszeniert. Doch seit die Union zerfiel, blieb Slawutytsch übrig als Reservat eines modernistischen Städtebaus und Architektur aus den unterschiedlichen Teilen des gewaltigen Landes. Gelegen inmitten eines schier endlosen Waldes, erinnert die Stadt an ein Sanatorium oder einen Hotelkomplex.


  • Das Kernkraftwerk Tschernobyl nach der Katastrophe. Foto: Colourbox

  • Die Stadt Slawutytsch zeichnet sich unter anderem durch die besondere Architektur aus. Foto (CC BY-NC-ND): Taras Kaidan

  • Nicht alle Häuser in Slawutytsch sind rosa. Foto (CC BY-NC-ND): Taras Kaidan

  • Die Gründer des Filmfestivals 86, Illja Hladstejn und Nadija Parfan, bei der Eröffnung des ersten Festivals im April 2014. Foto (CC BY-NC-ND): 86 Festival

  • Das Filmfestival 86 zieht jedes Jahr mehr Menschen in die Kinosäle von Slawutytsch. Foto (CC BY-NC-ND): 86 Festival

  • Präsentation der Schule junger Optimisten im Rahmen des Filmfestivals 86 im Mai 2016. Foto (CC BY-NC-ND): 86 Festival

  • Musikveranstaltung auf dem ENLIGHT-Areal. Foto (CC BY-NC-ND): ENLIGHT Slawutytsch

  • Auf dem ENLIGHT-Areal wird auch Yoga praktiziert. Foto (CC BY-NC-ND): ENLIGHT Slawutytsch


Im Jahre 2000 erleben die Einwohner eine zweite „Katastrophe“ – das Kernkraftwerk Tschernobyl wird endgültig abgeschaltet und die Menschen verlieren ihre Arbeitsplätze. Einige wurden beschäftigt beim Bau des so genannten Sarkophags, mit dem eine französische Firma den zerstörten Reaktorblock ummantelte. Aber der Sarkophag ist seit November 2016 fertig. Für die mittlerweile rund 25.000 Einwohner Slawutytschs gibt es kaum noch Jobs.

Vom Kino zum Strukturwandel

So blickt die jüngste Stadt der Ukraine, nämlich die Stadt mit dem niedrigsten Durchschnittsalter, in eine Zukunft voller Herausforderungen. Doch in ihrer Entstehungsgeschichte liegt eine Chance. Slawutytsch, wo sowjetische Architekten und Stadtplaner Ende der 1980er Jahre mit einer maximalen Bauhöhe von fünf Stockwerken, der Nutzung des öffentlichen Raumes, administrativen Gebäuden und Grünanlagen experimentierten, ist heute von großem Interesse für Architekturforscher und Urbanisten. Und viele Flächen, die damals für Kultur- und Bildungsveranstaltungen vorgesehen wurden, machen die Stadt für die Kreativwirtschaft interessant.

Die Kulturmanagerin Nadija Parfan und ihr Kollege Illja Hladstejn wurden 2014 auf die Stadt aufmerksam und gründeten dort ein Festival für Film und Urbanistik: „86“. Der dritte Jahrgang fand im Mai 2016 statt – mit einem Programm aus Dokumentarfilmen zum Thema Stadtraum, ukrainischen Wettbewerbsbeiträgen sowie einer Schule des urbanistischen Films. Die Organisatoren freuen sich von Jahrgang zu Jahrgang über eine Verdopplung der Zuschauerzahlen: Waren es 2014 noch 500 Besucher und 2015 1000 Besucher, so kamen 2016 schon 2000 Zuschauer zu den Filmvorstellungen von „86“. Auch der Anteil der Stadtbewohnerinnen und -bewohner unter den Festivalbesuchern nimmt beständig zu. Ebenso beginnen sich mehr Einwohner anderer ukrainischer Städte für Slawutytsch zu interessieren. Viele lernen die Stadt während des Festivals zum ersten Mal kennen, kommen aber immer wieder zurück.

Über das Kinoprogramm hinaus laden die Veranstalter Architekten, Urbanistinnen, Soziologinnen und diverse Forscher ein. So wächst die Gemeinschaft der „Freunde Slawutytschs“ über den Kreis der Dokumentarfilmliebhaber hinaus. „86“ hat wichtige Prozesse des strukturellen Wandels in Gang gesetzt. Von einigen Einwohnern werden diese als Antworten auf die Fragen der Zukunft gesehen.

Katalysatoren des Wandels

Dmytro Kortschak, der stellvertretende Direktor der Agentur für regionale Entwicklung in Slawutytsch, berichtet von Untersuchungen zur Stadtidentität, die von seinem Team durchgeführt wurden. Es stellte sich heraus, dass die Einwohner für die Zukunft eine intellektuelle und kulturelle Entwicklung von Slawutytsch favorisieren, weiterhin die Schaffung komfortabler Wohnbedingungen sowie eines hohen Bildungsniveaus, das Zusammenwirkung von einzigartiger Architektur, untypischer Geschichte und dem jungen Alter der Einwohner. Die entsprechende Konzeption mit dem Namen „Slawutytsch eine Stadt kultureller Energie“ ist zwar weniger ein strategisches Entwicklungsprogramm als vielmehr ein city branding. In jedem Fall haben die Einwohner begonnen, Visionen für die Zukunft ihrer Stadt zu entwickeln.

Als Katalysator dieses Wandels macht Dmytro Kortschak das Festival „86“ aus. Er lernte Architekten und Aktivistinnen während des Festivaljahrgangs 2015 kennen, als Nadija Parfan und Illja Hladstejn mit Unterstützung der Heinrich-Böll-Stiftung einen urbanistischen Workshop organisierten. Bei dieser Veranstaltung entwickelten Fachleute von außerhalb einen Plan zur Entwicklung einzelner Stadträume. Als noch wichtiger erwies sich allerdings der persönliche Kontakt zwischen den Einwohnern von Slawutytsch und den Aktivisten.

Später im selben Jahr gewann ein Team aus Kiewer Architekten und Einheimischen einen Wettbewerb des örtlichen Bierherstellers, mit dem die Errichtung des öffentlichen Raumes ENLIGHT für Arbeit und kulturelle Events unter freiem Himmel direkt am Hauptplatz der Stadt finanziert werden konnte.

Es wurden moderierte Gesprächsrunden durchgeführt, bei denen sich eine Gruppe von lokalen „Agenten des Wandels“ herauskristallisierte. Sie lernten sich bei der gemeinsamen Arbeit kennen und einige von ihnen arbeiten immer noch gemeinsam an unterschiedlichen kleineren Kulturveranstaltungen in Slawutytsch. Auch die Zahl der Eigeninitiativen in der Stadt hat zugenommen: regelmäßige Straßenmusikkonzerte, morgendliches Yoga auf dem ENLIGHT, private Filmabende und viele weitere geplante Kulturevents.

Sogar eine kleine Stadt wie Slawutytsch, unweit der radioaktiven Entfremdungszone, kann den Anspruch haben, zu einem Kulturzentrum zu werden. Es genügt, eine aktive Gemeinde mit jungen Aktivistinnen und Aktivisten aus anderen Städten zusammenzubringen und ihnen einen Anlass zum Austausch zu geben. In Slawutytsch übernahm diese Rolle das Kinofestival „86“.

    Zur Geschichte

    Dezember 2016
    Kultur
    Ukraine, Slawutytsch

    Filmfestival 86
    Schutzmantel für Tschernobyl

    Autor

    Taras Kaidan
    ist Mitbegründer und Chefredakteur des Kiewer Online-Magazins Hmarochos, das sich auf urbane Kultur, Urbanismus und Stadtentwicklung konzentriert.

    Übersetzerin

    Ksenija Syrota

    Partner

    Hmarochos

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