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Krumme Gurke, cool und ökologisch

Foto: Zachraň jídlo

Krumme Gurke, cool und ökologisch

Wenn die Gurke zu krumm ist, bekommen wir sie im Supermarkt gar nicht erst zu Gesicht – die Initiativen Querfeld und Zachraň jídlo wollen das ändern.

Das Auge isst mit – und es kauft sogar mit. Wenn wir vor Gemüse- und Obstregalen stehen, greifen wir zu den schönsten Exemplaren. Diese Schönheitsideale führen aber zu Lebensmittelverschwendung und lassen uns vergessen, welche Vielfalt die Natur produziert. „In Supermärkten und großen Lebensmittelketten finden wir nur Gemüse und Obst, das standardisiert aussieht. Die Händler behaupten, dass die Konsumenten andere Ware nicht kaufen“, erklärt Anna Strejcová, Mitgründerin und Pressesprecherin der tschechischen Initiative Zachraň jídlo (Rette das Essen).

In Tschechien sind es 20, in Deutschland sogar bis zu 30 Prozent der Ernte, die nicht auf unseren Tellern landen – nur aufgrund von Normen, die Größe, Form und Farbe von Obst und Gemüse festlegen. „Aber das Essen wächst nicht immer so gleichmäßig, und deshalb muss es jemand sortieren“, so Strejcová. Und das geschehe oft schon während der Ernte auf dem Feld.

Ursprünglich war es gar kein ästhetisches Argument, das zu den Schönheitsidealen unter Gurken, Äpfeln und Co. führte: Gleichmäßig Gewachsenes braucht beim Lagern und Transportieren weniger Platz. Es entstanden interne Normen bei Händlern, aber auch zum Beispiel die oft zitierte Gurkenkrümmungsverordnung. Doch die Schuld am einheitlichen Aussehen auf die EU-Vorschriften abwälzen mag Amelie Mertin von der deutschen Initiative Querfeld nicht: „Was viele nicht wissen: die Gurkenkrümmungsverordnung gibt es seit 2009 gar nicht mehr!“ Doch es sei ein Teufelskreis: Die Konsumenten sind auf gerade Gurken getrimmt. Der Supermarkt stellt nichts anderes hin. So kann der Kunde sich nicht an unterschiedliche Formen und Größen gewöhnen – oder vergisst sogar, dass es sie gibt.


  • Die Kunden sind immer noch auf gerade Gurken getrimmt. Der Supermarkt stellt nichts anderes hin. Foto: Kreativagentur LAUTHALS

  • Auch wenn er genauso gut schmeckt wie seine geraden Artgenossen, taugt dieser Porree nicht für den Handel. Foto: Kreativagentur LAUTHALS

  • Diese Kohlrabi sind zu groß für den Handel und müssen deshalb von Zachraň jídlo gerettet werden. Foto: Zachraň jídlo

  • Krumme Möhren bleiben automatisch auf dem Feld. Querfeld und Zachraň jídlo wollen das ändern. Foto: Zachraň jídlo


„Da ist Aufklärung nötig! Fordert es ein, kauft es!“, rät Amelie Mertin. Ihr persönlich liegt das Thema am Herzen: In den Semesterferien ihres Wirtschaftsstudiums arbeitete sie auf Biobauernhöfen und war schockiert über die „Abfälle“. „Viele Leute wissen gar nicht, wie viel weggeschmissen wird.“ Insgesamt werden in Deutschland jährlich circa 18 Millionen Tonnen Lebensmittel verschwendet – das entspricht 450.000 voll beladenen LKW.

Tomaten mit Nase dienen als Sympathieträger

Zachraň jídlo will ebenfalls nicht länger mitansehen, dass ein größerer Wert auf das Aussehen als auf den Geschmack gelegt wird. Die Kampagne Jsem připraven – Ich bin bereit – soll das Argument der Supermärkte widerlegen, „die Kunden seien nicht bereit, Gemüse und Obst zu kaufen, das nicht dem Standard entspricht“. Schon fast 10.000 Unterstützerinnen und Unterstützer haben sich in Tschechien für das Anliegen gefunden

Querfeld entstammt der Berliner Startup-Szene und soll die breite Masse ansprechen: „Wir wollen niemanden ‚bekehren‛ und mit erhobenem Zeigefinger dazu drängen, unser krummes Gemüse zu kaufen, sondern mit unseren Kampagnen Lust auf unsere Erzeugnisse machen“, erklärt Amelie Mertin. Kommunikation sei wichtig, die Kampagnen müssten cool und lustig sein. Tomaten mit Nase oder Wurzelgemüse in seinem Facettenreichtum dienten als Sympathieträger. „Wenn wir mit Witz kommunizieren, erreichen wir viele Menschen“, sagt die junge Frau, die seit Anfang 2016 für den Münchener Ableger von Querfeld tätig ist.

Auch Zachraň jídlo spielt mit der Ästhetik des Nonkonformen. Auf der Artwall entlang des Prager Moldau-Ufers stellten die Aktivisten großformatige Fotos des deutschen Künstlers Uli Westphal aus. Dieser fotografiert schon seit 2006 ungewöhnlich geformtes Obst und Gemüse: „Obst und Gemüse sind zu Designprodukten geworden. Wir beurteilen unser Essen nach Schönheitsidealen. Wenn etwas von der Norm abweicht, sind wir misstrauisch.“

Westphals Ausstellung aber soll zeigen, dass die krummen Stücke nicht nur lecker sind, sondern auch eine eigene Ästhetik besitzen. „Wir freuen uns, wenn die Konsumenten das cool finden – doch dabei darf es nicht bleiben“, betont Anna Strejcová. Zachraň jídlo will sich darum bemühen, dass sich das gesamte Produktionssystem ändert. „Deshalb veranstalten wir Runde Tische, an die wir Vertreter des Landwirtschaftsministeriums, Landwirte, Händler und Fachleute einladen. Wir möchten mit ihnen darüber sprechen, welche konkreten Schritte wir unternehmen können, um diesen Teil der Produktion zu verwenden.“

Die Qualität muss stimmen

Querfeld hat dafür schon eine Verwendung gefunden: Sie beliefern Geschäftskunden wie Catering-Firmen, Kantinen und Großküchen, denen es völlig egal ist, wie die Gurke ursprünglich als Ganzes aussah. Gegenüber Produzenten und Händlern musste Querfeld erst Überzeugungsarbeit leisten. Wenn junge Leute aus der Großstadt mit einem Startup kommen, stoße dies bei Landwirten auf Skepsis. „Wichtig war, dass unser Vorhaben keine einmalige Aktion bleibt“, erklärt Amelie Mertin. Inzwischen sei das Verhältnis zu den Erzeugern sehr gut, diese müssten aber auch geduldig sein mit Querfeld: „Wir können im Moment noch nicht so viel abnehmen, wie sie hätten“, bedauert die Aktivistin. Schließlich sei es für die Landwirte auch schlimm, ihre Produkte wegzuschmeißen und dadurch Ressourcen nicht zu Wert machen zu können.

Oberste Priorität ist für die Initiativen in Deutschland und in Tschechien, Lebensmittel zu retten. Ganz gleich, welche Form das Gemüse und Obst hat, die Qualität muss stimmen. „Regional und bio ist uns sehr wichtig“, betont Amelie. „Wir vermitteln nichts Altes, Schimmliges, sondern nur Produkte mit optischen Abweichungen.“ So werden die Lebensmittelverluste reduziert, die Erzeuger erhalten ein Zusatzeinkommen und die Kundinnen und Kunden Lebensmittel in bester Bioqualität zu günstigen Preisen.

    Zur Geschichte

    Januar 2017
    Essen & Trinken
    Tschechien & Deutschland, diverse Orte

    Zachraň jídlo
    Querfeld

    Autorin

    Christine Bertschi
    studierte Osteuropastudien und arbeitet als freie Journalistin. Sie schreibt regelmäßig für jádu.

    Partner

    jádu

    Auf Tschechisch

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