Geschichten für morgen – schon heute, von überall

Gemeinsam gegen den programmierten Verschleiß

Foto (CC BY-SA): Club de Reparadores

Gemeinsam gegen den programmierten Verschleiß

Menschen mit kaputten Dingen treffen im argentinischen Reparaturklub auf Menschen, die sie reparieren können.

Man kann sie samstagnachmittags auf Plätzen oder in Geräteschuppen antreffen, mitten in einer seltsamen Choreographie: Sie verkaufen oder kaufen nicht etwa, tanzen oder essen nicht. Nein, sie reparieren! Kleidung, Elektrogeräte, Möbel, Spielzeuge, Bücher, Fahrräder – alles wird wieder in Gang gebracht. Eine dynamische und mobile Truppe von Freiwilligen trifft sich regelmäßig im Club de Reparadores (Reparaturklub), um dem vorprogrammierten Verschleiß und dem etablierten Konsumverhalten den Kampf anzusagen.

Marina Pla und Melina Scioli haben den Klub im Rahmen ihrer ökologischen Initiative Artikel 41 ins Leben gerufen. „ Wir haben mit Recycling-Projekten begonnen, aber dies brachte uns zu der Frage, wie die ganzen Abfälle entstanden sind. Oft werfen wir Dinge weg, nur weil ein kleiner Teil davon defekt ist oder ein Ersatzteil fehlt, oder weil wir nicht wissen, wie wir sie reparieren können. Viele traditionelle Kenntnisse, wie man etwas reparieren kann, sind verloren gegangen, und wir wollten diese wiederbeleben“, erzählt Marina Pla.

So treffen im Club de Reparadores Leute, die etwas zu reparieren haben, auf solche, die wissen, wie man es macht, und solche, die es lernen wollen. Das fühlt sich an wie eine Fiesta, aber ist natürlich auch Arbeit. Dabei geht es nicht darum, etwas gratis zu erhalten, sondern darum, Fähigkeiten gemeinsam zu nutzen.

Versteckte Talente

Das erste Klubtreffen fand an einem sonnigen Tag im November 2015 im Parque Lezama, im Boca-Viertel im Süden von Buenos Aires statt. Es folgten Stationen in fast allen Stadtvierteln von Buenos Aires, in Córdoba und Bariloche, in Montevideo und sogar in London und New York. Bisher gab es 18 Treffen. Dank Mundpropaganda nimmt die Zahl der freiwilligen Mitglieder beständig zu. Sie haben im Club de Reparadores die Chance, sich nützlich zu machen und ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen.

Deshalb kam auch Pablo Giordano, einer der Pioniere und Spezialist für Lichtinstallationen. Er erfuhr vom Reparaturklub durch Facebook. Seit den Anfängen kümmert er sich um alle Fragen der Elektrik. Gabriela und Adriana sind mit ihren Werkzeugen und Nähkästchen die guten Feen für Handtaschen und Schmuck. Diego ist eigentlich Biologe, kennt sich aber auch mit Elektronik aus. Und Sabina, Soundtechnikerin im Radio, stieß zur Gruppe, nachdem sie erfuhr, dass hier auch Kopfhörer repariert werden, und dachte, dass sie dabei helfen könnte. Lamari wiederum vermittelt das Know-how zum Reparieren von Kleidung: „Hier müssen wir etwas stopfen, ohne dass man es sieht. Soll ich es dir beibringen?“ Sie hilft die Nadel einzufädeln, nimmt den Strumpf und beginnt mit breitem Lächeln ihren Individualkurs.


  • Pfadfinder lernen im Club, ihre Kleidung zu stopfen. Foto (CC BY-SA): Club de Reparadores

  • Am Reparaturtisch für Fahrräder wird besonders viel zusammengearbeitet: Jeder kann etwas beitragen. Foto (CC BY-SA): Club de Reparadores

  • Bewaffnet mit Werkzeugen arbeiten die jungen Frauen am Elektronik-Tisch im Parque Centenario, Buenos Aires. Foto (CC BY-SA): Club de Reparadores

  • Ein Objekt gehört dir nicht, wenn du es nicht öffnen kannst und sehen, wie es funktioniert – besagt das Manifest des Do-It-Yourself. Foto (CC BY-SA): Club de Reparadores

  • Die Karte der lokalen Reparateure im Viertel Retiro. Foto (CC BY-SA): Club de Reparadores

  • Marta, Enthusiastin für Leichtmechanik, untersucht ihren Staubsauger zusammen mit Pablo Giordano, Chef-Reparateur für Haushaltsgeräte. Foto (CC BY-SA): Club de Reparadores

  • Marta posiert mit den Eingeweiden ihres Staubsaugers. Foto (CC BY-SA): Club de Reparadores

  • Melina Scioli, Gründerin des Reparatur-Clubs, mit einem Hammer in der Hand beim ersten Treffen in Montevideo, Uruguay. Foto (CC BY-SA): Club de Reparadores

  • Nahaufnahme eines Tellers auf dem Weg der Genesung. Foto (CC BY-SA): Club de Reparadores

  • Der riesige Reparaturtisch für Textilien bei einem der Treffen auf dem Markt in Tecnópolis. Foto (CC BY-SA): Club de Reparadores

  • Der Tisch für Textilreparaturen beim ersten Club im Parque Lezama unter Aufsicht von Flor Dacal. Foto (CC BY-SA): Club de Reparadores

  • Ein Vintage-Ventilator wird mit Hilfe eines Schraubenziehers, Schmieröl, Geduld und Konzentration zu neuem Leben erweckt. Foto (CC BY-SA): Club de Reparadores


Schon öfters brachte jemand etwas zum Reparieren mit, half dann aber auch anderen, deren defekte Dinge zu reparieren. Melina Scioli erzählt von Pelado, der anderen hilft, ihre Fahrräder zu reparieren. „Beim Klubtreffen im Viertel Colegiales, zu dem sehr viele Leute kamen, fühlte er sich zunächst überfordert, bis er merkte, dass drei andere auch mithalfen, Fahrräder zu flicken.“

Keine Geiseln von Fabriken und Herstellern mehr

Warum so viele Menschen ihre Freizeit investieren, um anderen beim Reparieren ihrer defekten Dinge zu helfen, versteht man am besten, wenn man selbst dabei ist. Jedes defekte Teil ist ein Rätsel. Die Freude, es zu lösen, vermischt sich mit dem schönen Gefühl, gemeinsam für ein Ziel zu arbeiten und etwas Konkretes und Greifbares mit den eigenen Händen zu vollbringen. Es entsteht ein Gemeinschaftsgefühl als Gegenpol zu den Launen des Marktes, ein Akt des zivilen technologischen Ungehorsams. Man wird wieder zum Herrn der eigenen Lage, nicht zur Geisel der Fabriken und Hersteller. Die Arbeit im gleichberechtigten Team ersetzt die Logik des Marktes durch das Ambiente eines unterhaltsamen Spiels.

Der Klub funktioniert analog, im direkten Kontakt und sehr menschlich. Reparateurinnen und Begünstigte begegnen sich auf Augenhöhe. Marina Pla berichtet etwa von einem Herrn, der einen kaputten Elektroherd mitbrachte und sich wenig Hoffnung machte, dass man ihn wieder in Gang bringen könnte. „Pablo hat ihn repariert, und der Herr ging zur Bäckerei und kaufte dort chipas (landestypische Käsebrote), die wir dann im Ofen aufwärmten.“

Die Schönheit der Narbe

Der Reparaturklub wurde inspiriert von den Repair Cafés, die schon seit neun Jahren auf fünf Kontinenten existieren und ihren Ursprung in Amsterdam sowie bei den Restart-Festivals für Elektroniker hatten.

Die Idee, die Reparatur selbst in die Hand zu nehmen – Do It Yourself oder kurz DIY – wird überall populärer, beeinflusst von den Antikonsum- und Umweltschutzbewegungen, die den programmierten Verschleiß als eine Provokation des Kapitalismus sehen. In Lateinamerika ist die eigenhändige Reparatur auf dem Land eine alte Tradition. In den letzten Jahren hat sie sich auch in den Städten ausgebreitet und erhält nun durch den Club de Reparadores neue Impulse. Nach einem Jahr können Marina Pla und Melina Scioli schon die „Hits“ unter den kaputten Objekten benennen: Taschen und Accessoires, Lampen, Kopfhörer, Stabmixer. In der Zwischenzeit wurden Reparaturklubs in weiteren argentinischen Städten ins Leben gerufen, auch ohne die Anwesenheit der Gründerinnen.

„Uns interessierte besonders, der Reparatur eine neue Bedeutung zu geben – wegzukommen von der Idee, dass Reparieren etwas Lästiges und Fremdes sei – und das in Verbindung zu bringen mit der Einsicht, dass wir für unsere Sachen und unseren Konsum verantwortlich sind“, erläutert Marina Pla. Vor jedem Treffen erkunden sie das betreffende Viertel und laden professionelle Reparateure ein, die dort leben: Schreiner, Änderungsschneider, Uhrmacher… „Das sind meistens Rentnerinnen und Rentner, die sich nicht mehr wertgeschätzt fühlen. Wir möchten so das Reparieren wieder gesellschaftsfähig machen“.

Pla bezieht sich auf das japanische Konzept des kintsugi, das die „Schönheit der Narbe“ propagiert. Sie zeigt einen Sofakissenbezug, den sie gerade mit goldenem Faden stopft. „Wir versuchen das Reparieren mit der Idee der Fürsorge, der Liebe und des Tauschens zu verbinden. Die Dinge tragen auch menschliche Züge in sich. Wenn dir jemand hilft, sie zu reparieren, kommen sie noch menschlicher und wichtiger zu dir zurück“.

    Zur Geschichte

    Februar 2017
    Material
    Argentinien, Buenos Aires

    Club de Reparadores

    Autorin

    Marcela Basch
    ist die Herausgeberin von El Plan C, dem ersten Webnachrichtenportal zur Share Economy in Südamerika. Seit 2014 organisiert die Journalistin und Dozentin die „Woche der kollaborativen Wirtschaft“, seit 2016 arbeitet sie am Projekt Comunes des Goethe-Instituts Argentinien mit.

    Übersetzer

    Uwe Mohr

    Partner

    El Plan C

    Weitererzählen

    Weitere Themen

    Kultur
    Energie
    Essen & Trinken
    Gemeinschaft
    Land & Stadtnatur
    Material
    Mobilität
    Öffentlichkeitsarbeit
    Raum & Wohnen