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GEMEINSCHAFTLICHE STADTKULTUR

Foto (CC BY-SA): Kalle Kervinen

GEMEINSCHAFTLICHE STADTKULTUR

Am Sauna Day öffnen sich die Türen von Saunen in Privathäusern, Hotels und öffentlichen Gebäuden in Helsinki. Zusammen zu schwitzen vertieft die Beziehung der Helsinkier zu ihrer Heimatstadt und bringt Menschen zusammen.

An einem Badestrand in Ost-Helsinki liegt die Temperatur bei ein paar Grad über Null. Ein Lagerfeuer knistert im eisigen Wind, und auf der benachbarten Brücke saust die U-Bahn über das eisige Meer. Trotz der Kälte sitzen draußen Leute in Badeanzügen. Im Freien kühlen sie sich nach dem Saunabad in einer Jurtasauna ab und nehmen eine kleine Stärkung zu sich.

Der Saunatag Helsinki fand Ende Oktober 2016 bereits zum zweiten Mal statt, der dritte Saunatag ist für den 11. März 2017 geplant. An diesem Tag stellen Einzelpersonen, Vereine und Unternehmen ihre Saunen der Öffentlichkeit kostenlos zur Verfügung. Mehr als 50 Saunen in verschiedenen Teilen der Stadt sind während des Tages geöffnet, und ein jeder kann sich ein passendes Ziel auf der Event-Website auswählen.

Die Leute am Lagerfeuer meinen, sie hätten die Jurtasauna gewählt, weil sie interessant klang. Das im Auftrag des städtischen Kulturzentrums Stoa aufgestellte Saunazelt sieht schon sehr merkwürdig aus am Badestrand des Stadtteils Puotila, der zu dieser Jahreszeit normalerweise vollkommen einsam daliegt. Don McCracken, der die Sauna gebaut hat, findet den Ort großartig, denn er entspricht dem Wesen Helsinkis: „Meer, Wald und U-Bahn. Das ist Finnland im Jahr 2016.”

NEUE BLICKWINKEL AUF DIE STADT

Gemeinschaftliche Aktionen scheinen mehr und mehr der Trend des gegenwärtigen Helsinkis zu sein. Am „Restauranttag“ kann jeder ein Pop-up-Restaurant aufmachen — ob zu Hause oder an einer Straßenecke. Am „Aufräumtag“ verwandelt sich ganz Helsinki in einen Riesenflohmarkt und Marktplatz.

Der Saunatag Helsinki, der zweimal im Jahr stattfindet, wurde vom Verein Yhteismaa initiiert. Dessen Ziel ist es, eine gemeinschaftlichere, freiere und verantwortungsvollere Stadtkultur zu entwickeln, die zudem Spaß macht. Laut Event-Organisator Jaakko Blomberg sind solche Treffpunkte, wie sie am Saunatag entstehen, wichtig, weil Finnland sich recht spät erst urbanisiert hat: „Wir haben zum Beispiel keine tausendjährigen Karnevaltraditionen. Jetzt werden solche geschaffen.“


  • Eine Osthelsinkier Landschaft: Meer, Wald, U-Bahn – und Sauna. Foto (CC BY-SA): Kalle Kervinen

  • Paula Kallioniemi und Anu Ansolahti im Wintergarten des Malta-Hauses. Foto (CC BY-SA): Kalle Kervinen

  • Paula Kallioniemi und Anu Ansolahti im Wintergarten des Malta-Hauses. Foto (CC BY-SA): Kalle Kervinen

  • Arto Torgoutsa überlegt sich, ob er Lust hat, ins eiskalte Meer einzutauchen. Foto (CC BY-SA): Kalle Kervinen

  • Arto Torgoutsa überlegt sich, ob er Lust hat, ins eiskalte Meer einzutauchen. Foto (CC BY-SA): Kalle Kervinen

  • Nach der Sauna hat man Lust, etwas Kleines zu essen. Foto (CC BY-SA): Kalle Kervinen

  • Nach der Sauna hat man Lust, etwas Kleines zu essen. Foto (CC BY-SA): Kalle Kervinen

  • Die Stimmung in der Jurtasauna ist fröhlich. Foto (CC BY-SA): Kalle Kervinen

  • Veke kühlt sich ab vor Huilaamo in Suvilahti. Unto Ruokolainen guckt herein. Foto (CC BY-SA): Kalle Kervinen

  • Teemu Suhonen hat die Hälfte seines Saunamarathons hinter sich gebracht. Foto (CC BY-SA): Kalle Kervinen


Der Saunatag eignet sich besonders gut dafür, die Gemeinschaftlichkeit zu fördern, da die Sauna in Finnland traditionell ein Ort ist, an dem man neue Leute kennen lernt. Man könnte vermuten, dass die Sauna aufgrund des Nacktseins ein zu intimer Ort wäre, aber in der Tat fällt ein Gespräch dort allen leichter, stellt Blomberg fest: „In der Sauna herrscht Gleichberechtigung, weil sich alle ausziehen.“

Der Saunatag Helsinki fördert die Gleichstellung auch in dem Sinne, dass er Türen öffnet. „Es gibt mehr als drei Millionen Saunen in Finnland, aber trotzdem eine Menge Leute, die keine Möglichkeit haben zu saunieren“, sagt Blomberg. Bei dieser Veranstaltung können alle Interessierten in die Sauna gehen. Blomberg begrüßt auch die vielen kommerziellen Anbieter, einschließlich Hotels. Sie eröffnen neue Blickwinkel auf das Leben in Helsinki, denn normalerweise besucht man als Einwohner ja keine Hotels.

Auch Aino Toiviainen-Koskinen vom Jugendverein Oranssi findet es großartig, dass man am Saunatag Orte besuchen kann, die der Öffentlichkeit normalerweise nicht zugänglich sind. Sie heizt als Freiwillige des Saunatags die gasbeheizte Sauna des ehemaligen Industriegebiets Suvilahti. „Die Leute standen schon vor der Tür, bevor wir aufgemacht haben“, meint sie.

Toiviainen-Koskinen glaubt, dass der Saunatag Helsinki verschiedene Menschen unterschiedlichen Alters zusammenbringt, die sich sonst nicht begegnen würden: Die ältesten Badegäste in der gasbeheizten Sauna sind Rentner, die jüngsten sind Babys von unter einem Jahr. Einige Saunagäste sind Bewohner des neuen Wohngebiets Kalasatama, andere sind von weiter her angereist.

NEUE BEKANNTSCHAFTEN

Das Malta-Haus im Stadtteil Jätkäsaari ist etwas in Finnland seltenes, nämlich ein gemeinschaftliches Wohnhaus, dessen Bewohner meist zusammen essen und auch saunieren. Die Teilnahme am Saunatag Helsinki entspricht insofern gut der gemeinschaftlichen Idee des Gebäudes. Mervi Mäkelä, eine der Bewohnerinnen des Malta-Hauses, hat die Saunen bereits zum zweiten Mal geöffnet. Sie befinden sich in der zehnten Etage und bieten einen spektakulären Blick auf die Stadt. In der Sauna-Lounge sitzen glückliche Menschen mit rosigen Wangen im Gespräch und essen gemeinsam mitgebrachte Snacks. Das Beste an diesem Saunaevent, so finden sie, sind die anderen Menschen und neue Bekanntschaften.

Der Saunatag Helsinki wird in Zusammenarbeit mit der Touristik-Website Visit Helsinki organisiert, weshalb auch ausländische Gäste kommen. In diesem Jahr sind die Besucher überwiegend aus Argentinien, Polen und Russland angereist. Im Malta-Haus gab es Badegäste unter anderem aus Frankreich und Japan. Die internationale Dimension trägt zum Charme der Veranstaltung bei.

Viele, die sich am Saunatag beteiligen, besuchen regelmäßig auch die öffentlichen Saunen in Helsinki. An einem Saunatag wird, so Mäkelä, jedoch mehr diskutiert und es kommen mehr neue Leute als sonst. Die einen kommen in die Sauna, um sich zu entspannen, für andere wiederum ist es eine Art Festival, wie zum Beispiel für Teemu Suhonen, der gleich im Bademantel gekommen ist — er hat vor, gleich sechs verschiedene Saunen zu besuchen.

Der Saunatag Helsinki bringt Wärme und Leben in die herbstliche, farbenarme Stadt. Man wollte den Tag gerade in einer Jahreszeit organisieren, in der es weniger gemeinsame Aktivitäten gibt als im Sommer. Für Paula Kallioniemi, die sich nach einer Frauensauna im Malta-Haus abkühlt, könnte es solche Tage häufiger geben. Die Veranstaltung hat ihr auf jeden Fall neue Möglichkeiten eröffnet, die Wärme der Sauna zu genießen. Ihre neuen Saunabekannten haben sie nämlich eingeladen, Mitglied der Saunagesellschaft Helsinki zu werden.

    Zur Geschichte

    Februar 2017
    Raum & Wohnen
    Finnland, Helsinki

    Helsinki Sauna Day 
     Yhteismaa 

    Autorin

    Silvia Hosseini  
    ist Lehrerin, Essayistin und Doktorandin und lebt in Helsinki.  

    Übersetzerin

    Marjukka Mäkelä

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