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Die etwas andere Mafia

Foto (CC BY-SA): Czinder Mónika

Die etwas andere Mafia

Bei dem Wort Mafia denkt jeder sofort an unheimliche Gestalten, die krummen Geschäften nachgehen. Die Budapest Bike Maffia hat aber ganz anderes im Sinn.

Besuch im Hauptquartier

Die Budapest Bike Maffia ist in Wahrheit eine legal tätige Zivilorganisation, deren Mitglieder, nämlich Budapester Jugendliche, auf dem Fahrrad unterwegs sind. In ihrer Freizeit bringen die Freiwilligen Essen zu bedürftigen Menschen, helfen in Tierheimen oder nach Naturkatastrophen aus. Der Verein hält neben zahlreichen anderen Programmen zweimal pro Woche ein Treffen unter dem Namen Vitaminkommando ab, bei dem am Sitz des Vereins in der Tűzoltó Straße in Budapest Sandwiches zubereitet werden. An einem Abend Anfang Oktober haben wir die Organisation besucht und uns aktiv an der Freiwilligenarbeit beteiligt. Die Truppe versammelte sich nach und nach in einem Raum im Obergeschoss des Gebäudes des Craft-Beer-Lokals namens Élesztő Kézműves Söröző. Manchmal kommen bis zu 20 Leute, doch an diesem Tag nahmen wir nur zu neunt an der Aktion teil. Der Grund dafür war wahrscheinlich das schlechte Wetter, denn bei Regen setzen sich auch die Freiwilligen weniger gern aufs Fahrrad.

Als erstes hieß es, Grundzutaten besorgen – da kam der Aldi zwei Straßen weiter gerade recht. Man kauft nicht alle Tage so viel Brot auf einmal, doch nun landeten nach dem Bezahlen an der Kasse um die zehn Kilo geschnittenes Brot in der großen Einkaufstasche. Zurück an der Basis ging es dann an die Zubereitung dieser Industriemenge an Sandwiches. Die Organisatorinnen und Organisatoren sind auf eine abwechslungsreiche, gesunde und nahrhafte Ernährung bedacht: Die schmackhaften Sandwiches wurden mit Käse, Leberaufstrich, Wurst, Salat, Zwiebeln und Spitzpaprika belegt. In unserem kleinen Team von Freiwilligen herrschte Arbeitsteilung: Während einer den Käse aufschnitt, wusch die andere den Salat. Eine Pro-Kopf-Portion bestand aus zwei Sandwiches aus ganzen Brotscheiben, die wir für die Obdachlosen in Frischhaltefolie packten. Während der Arbeit herrschte lockere, heitere Stimmung: Wir plauderten, blödelten herum und tranken dabei auch das eine oder andere Gläschen Weinschorle oder Bier.

  • Die Maffia schmiert Sandwiches. Foto (CC BY-SA): Czinder Mónika

  • Bereit zur Lieferung. Foto (CC BY-SA): Czinder Mónika

  • Gleich geht’s los. Foto (CC BY-SA): Czinder Mónika

  • Eine Spende von der Maffia. Foto (CC BY-SA): BBM

  • Geschenke, die auch gebraucht werden. Foto (CC BY-SA): BBM

  • Groß ist die Freude! Foto (CC BY-SA): BBM

  • Budapester Obdachlosenleben in Schwarz-Weiß. Foto (CC BY-SA): BBM


Dann wurde noch schnell ein Gruppenfoto von den Freiwilligen geschossen, bevor sich die Mitglieder der Maffia aufs Rad schwangen, um als eine Art alternative Pizzaboten den bedürftigen Menschen das Essen „nach Hause“ zu liefern. Diesmal verteilten wir zwar nur Essen, doch manchmal helfen die Freiwilligen auch mit Isomatten und Decken aus. Unser erster Stopp war die Unterführung der nahegelegenen U-Bahn-Station Corvin-Viertel. Eine der Obdachlosen hier lebt noch nicht so lange auf der Straße, davor hatte sie eine Arbeit und ein Dach über dem Kopf. Sie befand sich gerade in einem großen Tief, weshalb wir ihr auch etwas seelischen Trost spendeten. Auch zwei Männer bekamen hier Sandwiches, sie posierten sogar für ein Foto. Nach der U-Bahn-Station Corvin-Viertel setzten die Radfahrer der Budapest Bike Maffia ihre Tour fort, um auch Obdachlose in anderen Teilen der Stadt mit den schmackhaften Sandwiches zu versorgen.

Die Anfänge

Die Organisation wird von einer der für Budapest typischen, sogenannten „Ruinenbars“ beherbergt. Hier unterhielten wir uns bei einem Bier mit Zoltán Havasi, dem geistigen Vater der Budapest Bike Maffia, über die Geschichte und die Ziele der Organisation. 2011 erstellte er die Facebook-Seite der Organisation und bat dann anlässlich der Weihnachtsfeiertage seine Freunde, für die Obdachlosen in Budapest zu spenden und Weihnachten mit ihnen zu verbringen. Die Idee für den griffigen Namen, der auch die Jugend anspricht, stammt ebenfalls von Zoltán – und der Name wurde mit diesem besonderen Hilfsprogramm gepaart, welches weltweit einzigartig war. Heute folgt man dem Beispiel der Organisation bereits in anderen ungarischen Städten und im Ausland, zum Beispiel in Kolumbien, doch auch in anderen Ländern interessiert man sich schon für das Modell. Das Wort „Maffia“, das ja allgemein negativ besetzt ist, wählte die Organisation bewusst, um es mit positivem Inhalt zu verbinden. Der Name spielt außerdem auf den familiären Zusammenhalt in der Organisation an.

Den Freiwilligen schweben zwei Ziele vor: Einerseits möchten sie bedürftigen Menschen und Tieren das Leben ein wenig erleichtern, andererseits beziehen sie Jugendliche unterschiedlichen Alters mit ein. Sie sollen so das Schicksal von Menschen, die auf der Straße leben, besser nachempfinden können, einfühlsamer werden und gerne freiwillige Arbeit leisten. Außerdem entstehen rund um die Organisatorinnen und Organisatoren eine tolle Truppe und gute Gemeinschaft.

Bisherige Erfolge

Der Verein zählt heute 30 bis 40 aktive Mitglieder, die insgesamt 11 Projekte managen.

Im Rahmen des Projekts „+1 Szendvics“ werden Schülerinnen und Schüler gebeten, ab und zu ein Sandwich mehr zur Schule mitzubringen. Das so gesammelte Essen bringt der Verein dann in Tages- und Nachtquartiere für Obdachlose. Dieses Programm ist inzwischen so erfolgreich geworden, dass heute in 21 Schulen jede Woche insgesamt fast 2000 Sandwiches zusammenkommen. Wenn es mit dem Projekt so weitergeht, könnten damit laut Zoltán Havasi in zwei Monaten sogar 20 Prozent der Obdachlosen in Budapest mit Essen versorgt werden.

Die Mitglieder der Budapest Bike Maffia besuchen auch regelmäßig Tierheime, wo sie ebenfalls Essen, zum Beispiel Hundefutter, abliefern. Außerdem gehen sie auch mit den Hunden, die dort in Zwingern gehalten werden, spazieren. Im Rahmen eines anderen Programms brachte die Organisation vor kurzem ein gespendetes Fahrrad in die nordungarische Kleinstadt Szendrő. Der glückliche neue Besitzer ist ein sechsfacher Vater, der bis dahin täglich zwölf Kilometer zu Fuß gegangen war, um arbeiten zu können.

Für ihr Engagement wurde die Budapest Bike Maffia bereits viermal ausgezeichnet, 2015 zum Beispiel wurde sie zum Freiwilligenprogramm des Jahres in Ungarn gewählt.


    Zur Geschichte

    Februar 2017
    Gemeinschaft
    Ungarn, Budapest

    Budapest Bike Maffia – Projekte
    Die BBM auf Facebook

    Autoren

    Mónika Czinder und Bálint Bajomi
    Mónika Czinder hat Biologie studiert und schreibt Artikel zu Nachhaltigkeit und Umwelt- und Verbraucherschutz.
    Bálint Bajomi beschäftigt sich als Doktorand mit der Wiederansiedlung gefährdeter Tierarten und arbeitet freiberuflich als Umweltjournalist und Naturfotograf.

    Übersetzerin

    Sandra Rétháti

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