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Kunst der Verwandlung

Fotografin: © Julia van den BroekFoto: Julia van den Broek

Kunst der Verwandlung

Durch den niederländischen Designer Piet Hein Eek werden aus Industrieschrott oder Abfallholz Design-Produkte, die ein Leben lang halten.

Es geht schon auf halb drei zu, aber an den grob gezimmerten Tischen und Bänken aus Baustellenholz lassen sich die meisten Gäste noch das Mittagessen schmecken. Dazwischen stehen zierliche Vintage-Sessel mit grünem und rotem Samtbezug, auf denen ein paar Besucher bereits die abschließende Tasse Kaffee genießen. An der Decke der Fabrikhalle baumeln zu Kronleuchtern arrangierte alte Glaslampen neben Lampenschirmen, die aus den Seidenstoffresten einer italienischen Krawattenfirma genäht wurden. Der Tresen, hinter dem die freundliche Bedienung Gläser poliert, besteht aus übereinandergeschichteten bunten Eisenröhren, von denen an vielen Stellen die Farbe abgeblättert ist – gelb, rot, blau. „Das sind die alten Gas- und Wasserleitungen, die hier vor kurzem noch überall an Decken und Wänden hingen”, erklärt Piet Hein Eek vergnügt, als er sein Restaurant durchquert, um sich in die nächste Fabrikhalle mit den Atelierräumen zu begeben.

Erst das MoMA, dann das Universum

Aus alt mach’ neu – das ist die Spezialität des bekannten niederländischen Designers, dessen Arbeiten inzwischen nicht nur auf Design- und Kunstmessen zu sehen sind, sondern auch in Museen wie dem MoMA in New York. Egal, ob Abfallholz, Industrieschrott, Textilrestposten, ausrangierte Türen oder Fenster: Wie kein anderer weiß der 49-Jährige das, was andere wegwerfen und als ausgedient betrachten, in neue Produkte zu verwandeln – rau, robust und schroff, aber verblüffend schön.

Diese Kunst der Metamorphose stellte Eek auch unter Beweis, als er Ende 2010 mit seinen 90 Mitarbeitern auf das 11.000 Quadratmeter große Gelände einer ehemaligen Philips-Fabrik am Stadtrand von Eindhoven umzog, um sich hier, wie er es nennt, sein eigenes Universum zu schaffen. Mit Ateliers, Büros, Vertriebs- und Verkaufsräumen, mit Werkstatt, Manufaktur, Restaurant und obendrein auch noch seiner riesigen sogenannten Wunderkammer im Obergeschoss der zweiten Fabrikhalle: „Da zeige ich neben eigenen Entwürfen auch die Arbeiten zeitgenössischer Künstler und Fotografen”, erklärt er und steuert an den Atelierräumen vorbei auf die Treppe zu. Seine Kunden kommen von weit her – aus ganz Europa, manche sogar aus Japan. „Denen muss ich schon etwas bieten”, findet er, als wir oben in der Wunderkammer ankommen.

Dinner in der Wunderkammer

Eek hat seine Wunderkammer wie eine kunterbunte skurrile Wohnung eingerichtet, mit Schlafzimmern, Büros, verschiedenen Lounge-Ecken und einer großen Wohnküche. Dort können sich bis zu 24 Personen an dem von Eek entworfenen Tisch bei einem privaten Dinner bekochen lassen und gleichzeitig nach unten in die Werkstatthallen blicken, wo die neusten Möbelstücke entstehen und wo gesägt, gehobelt und gehämmert wird. Denn etwas zu bieten, das heißt für den fröhlichen energischen Niederländer mit dem braunen Wuschelkopf nicht nur Essen und Trinken, sondern auch Einblicke in seine Arbeit zu gewähren.


  • Klassischer Schrank in Altholz | Foto: Julia van den Broek

  • Balkenstuhl mit Kissen, unlackiert | Foto: Julia van den Broek

  • Balkentisch | Foto: Julia van den Broek

  • Grüner runder Tisch | Foto: Julia van den Broek

  • Mensatisch in Altholz | Foto: Julia van den Broek

  • Fliesenschrank | Foto: Julia van den Broek

  • Offener Fliesenschrank | Foto: Julia van den Broek

  • Fliesen-Würfel-Schrank | Foto: Julia van den Broek

  • Balkenschrank | Foto: Julia van den Broek



Auf diese Weise hat er alles unter einem Dach – und alles unter Kontrolle: angefangen beim Konzept, über Herstellung, Vertrieb und Verkauf bis hin zum direkten Kontakt mit den Kunden. Kein Händler kommt dazwischen, keine unbekannte Fabrik am anderen Ende der Welt: „Niemand redet uns rein.” Denn Eek gehört zu den wenigen Designern, die es nicht dabei belassen, ein Produkt nur zu entwerfen – er will es auch selbst herstellen. Dass seine Entwürfe dadurch nur in kleiner Stückzahl oder als Unikate auf den Markt kommen, nimmt er dafür gerne in Kauf.

Nicht glatt und makellos, sondern rau und ungehobelt

Den Durchbruch erlebte der Absolvent der renommierten Design Academy gleich mit seiner Examensarbeit 1989: dem scrapwood cupboard, einem aus den verschiedensten Bretterresten zusammengeschraubten Schrank. Damit verursachte er in der Designwelt ein kleines Erdbeben – nicht glatt und makellos, sondern rau und ungehobelt, mit abblätternder Farbe und sichtbaren Schrauben.

Seitdem gilt er als „Brett Piet” oder auch als der „Mann auf dem Holzweg”. Dabei arbeitet er längst nicht mehr nur mit Holz, sondern auch mit Metall, Glas und Textilien. Aber egal, ob daraus Lampen, Sessel oder Schränke entstehen, folgt Eek dem gleichen Grundsatz: „Ich gehe nach wie vor vom Material aus. Grundsätzlich.” Gleich zu Beginn stellt er sich die Frage, was er mit den Mitteln und Maschinen, die ihm zur Verfügung stehen, daraus machen kann. Think simple! lautet seine Devise: „Ich suche immer den einfachsten Weg.”

Denn wer in Europa überleben und mit einer eigenen Kollektion auf den Markt kommen will, muss effizient sein. Komplizierte Lösungen kann sich Eek ebenso wenig leisten wie Verschwendung. Sowohl Material- als auch Zeitverlust müssen möglichst gering gehalten werden.

Eine Welt, in der Recycling überflüssig ist

Mit jedem Kunden kommt der Niederländer seinem Ideal etwas näher: eine Welt, in der niemand mehr etwas wegwirft und Recycling überflüssig ist. „Stattdessen jedoch konzentrieren sich bislang alle unsere Anstrengungen darauf, so weiter zu konsumieren wie bisher.” Holz werde mit dem FSC-Siegel versehen, um neue Ankäufe zu rechtfertigen, „und anstatt weniger Auto zu fahren, setzen wir uns in ein umweltfreundliches Auto”.

Das Etikett des nachhaltigen Upcyclers unter den Designern, mit dem er gerne versehen wird, findet Piet Hein Eek deshalb wenig aussagekräftig: „Ein Produkt ist doch nicht deshalb gut oder schlecht, weil es aus gutem oder schlechtem Material gemacht ist”, stellt er klar. „Was nützt mir ein 100-prozentig umweltfreundlich produzierter Stuhl, wenn er weggeworfen wird?”

Nichts mehr wegzuwerfen bedeute keineswegs das Ende des Handels: „Eine Jeans, die zehn Jahre hält, kostet auch zehnmal mehr – belastet die Umwelt aber zehnmal weniger.” Selbst ist er dafür der beste Beweis: Auch ein Eek-Möbelstück hat seinen Preis. Doch Eeks Kunden sind bereit, dafür zu zahlen und bleiben einem Eek-Tisch oder -Schrank in der Regel ein Leben lang treu: „Einer meiner jüngsten Auftraggeber ist der Sohn meines allerersten – er benutzt dieselben Büromöbel wie sein Vater!”

    Zur Geschichte

    Februar 2017
    Material
    Niederlande, Eindhoven

    Piet Hein Eek

    Autorin

    Kerstin Schweighöfer
    arbeitet als freie Benelux-Auslands-Korrespondentin für deutsche Medien in den Niederlanden. Sie berichtet u.a. für die ARD-Hörfunkanstalten, den Deutschlandfunk, FOCUS und das Kunstmagazin art.

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