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Wie “grün“ ist Ihr Fahrrad?

Foto (CC BY-SA): Buteina Shalan

Wie “grün“ ist Ihr Fahrrad?

Weltweit etablieren sich Fahrräder aus nachwachsenden Rohstoffen. Ein Ägypter experimentiert dafür mit lokalen Gewächsen, unterstützt von Fahrradexperten mit dem nötigen Knowhow.

Das Fahrrad ist die bekannte umweltfreundliche Alternative zum Auto. Haben Sie sich aber jemals gefragt, wie „grün“ der Produktionsprozess Ihres Fahrrads ist? Laut dem Weltstahlverband WSA werden im Durchschnitt 1,8 Tonnen von Kohlendioxid für jede produzierte Tonne Stahl emitiert. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur ist die Eisen- und Stahlindustrie alleine für ungefähr 6,7 Prozent der gesamten CO2-Emissionen der Welt verantwortlich.

Weltweit arbeiten immer mehr Einzelpersonen und Unternehmen daran, Fährrader umweltfreundlicher zu machen, darunter der 24-jährige Ägypter Karim Creta, der derzeitig Internationale Beziehungen und humanitäre Logistik in Frankreich studiert. „Alles begann vor zwei Jahren, als ich auf einer Reise nach Bangladesch war. Dort hat mir jemand ein Foto von einem Bambusfahrrad gezeigt“, sagte er. „Ich war sehr beeindruckt von der Idee und fing dann sofort an, zu forschen. Ich habe herausgefunden, dass Craig Calfee, Gründer von Calfeedesign, der erste war, der das Konzept der Bambusfahrräder 1995 auf den modernen komerziellen Fahrradmarkt eingeführt hat. Bambusfahrräder werden nun weltweit produziert.“ Bambus ist leichter, dennoch stabiler, kostengünstiger und bietet eine bessere Stoßabdämpfung als Stahl. Bambusfahrräder wurden erstmals in England von der Firma Bamboo Cycle Company patentiert und 1894 der Öffentlichkeit vorgestellt. Mit der Entwicklung von härteren Industriematerialien wie etwa Stahl und Aluminium kam es jedoch erst 1995 zum unfangreichen Einsatz von Bambus zur Herstellung von Fahrrädern.

Technische und sozioökologische Vorteile

Als Karim Creta vergangenes Jahr in den Sommerferien Ägypten besuchte, beschloss er, einen Bambusrahmen zu bauen. „Ich habe Videos gesehen, in denen gezeigt wurde, wie man Holzrahmen bauen kann.“ Der Student beschäftigte sich allerdings nicht lediglich mit den technischen Aspekten der Bambusfahrräder, sondern war auch von der sozioökologischen Seite dieser Fahrräder fasziniert. Ihn haben zwei Wissenschaftler an der Columbia University in New York inspiriert. Unter dem Motto „Made in Africa, for Africa“ („Hergestellt in Afrika, für Afrika“) haben sie das Bamboo Bike Projekt gegründet. Ihr Ziel: kostengünstige und qualitativ hochwertige Bambusfahrräder in Subsahara-Afrika unter dem Einsatz von Bambus, dem dortigen lokalen Rohstoff, zu produzieren. Die große Bambus-Produktionsstätte befindet sich in Ghana unter der Leitung von Bamboo Bikes Limited (BBM), einem in Ghana ansässigen Unternehmen. Sie haben auch Experimente in Uganda, Tansania und Sri Lanka durchgeführt.


  • Die Maße werden vom Computer übernommen. Foto (CC BY-SA): Buteina Shalan

  • Das Fahrrad ist die Lösung. Foto (CC BY-SA): Buteina Shalan

  • Die Maße werden übertragen. Foto (CC BY-SA): Buteina Shalan 

  • Messen, ob alles stimmt. Foto (CC BY-SA): Buteina Shalan

  • Palmen sind stabil. Foto (CC BY-SA): Buteina Shalan

  • Stoffstreifen für das Überziehen von einzelnen Teilen des Fahrrads. Foto (CC BY-SA): Buteina Shalan

  • Präzisionsarbeit in der Werkstatt. Foto (CC BY-SA): Buteina Shalan

  • Ein Fahrradmodell aus Bambus. Foto (CC BY-SA): Buteina Shalan

  • Alle Generationen bei der Arbeit. Foto (CC BY-SA): Buteina Shalan



So erklärte Karim seine Faszination für das Projekt: „Die Fahrräder werden als günstiges Transportmittel dienen, in Dörfern, die nicht mit den öffentlichen Verkehrsmittel vernetzt sind. Außerdem wird die Produktion der Fahrräder vor Ort dazu beitragen, dass mehr Beschäftigungsmöglichkeiten in den Ländern mit hoher Arbeitslosenquote geschaffen werden.“

Das Handwerk lernen

Als Karim selbst angefangen hat, Rahmen zu bauen, hatte er viele Schwierigkeiten. Bald ist er aber jemandem begegnet, der dafür sorgte, dass diese Probleme wieder aus dem Weg geräumt wurden. „Das war ein Zufall“, sagte Karim Abdallah, einer der Mitbegründer von Ain Bicycles, einem Fahrradgeschäft für maßgefertigte Fahrräder in Kairo. „Dirk Wanrooij, mein Mitgründer, traf Karim in einem Geschäft in Kairo. Karim hatte einen Bambusfahrradrahmen dabei. Deswegen kamen die beiden miteinander ins Gespräch. “ Karim erklärte, dass das Know-how für den Bau von Fahrradrahmen nicht so üblich in Ägypten sei. Die Rahmen, die derzeit in Ägypten hergestellt werden, werden in kleinen Werkstätten gebaut und haben große Mängel, die sie unbrauchbar machen.

Bis zur Begegnung mit Karim Creta hatte sich Ain Bicycles nur mit Stahlrahmen beschäftigt. Sie haben Karim eingeladen, seine Arbeit bei ihnen im Atelier fortzusetzen. Karim Creta sagte, dass Ain Bicycles ihm das Wissen über die Fahrradmontage vermittelt hat und ihm beim Herstellungsprozess seiner Prototypen geholfen hat.

Der Umstieg vom Bambus zu den Palmen

Das war allerdings nicht das Ende von Karims Innovationszyklus. „Ich glaube, Karim ist der erste, der auf die Idee gekommen ist, ein Fahrrad aus Mittelrippen von Palmen zu bauen. Das ist etwas, was ich noch nie gesehen oder gehört habe. Ich war von seiner Idee und Fantasie sehr begeistert“, sagte Karim Abdallah.

Karim Creta erklärte, warum er sich für die Verwendung von Palm-Mittelrippen entschieden hat, anstatt weiter mit Bambus zu arbeiten: „Palmrippen sind viel kostengünstiger und einfacher zu finden in Ägypten. Um ein Fahrrad zu bauen, bedarf es eineinhalb Mittelrippen. Ich möchte die Mittelrippen aus Oberägypten oder dem Delta im nördlichen Ägypten holen. Dort besitzen die Palmen starke und stabile Mittelrippen.“

In Ägypten hat die Verwendung von Palm-Mittelrippen lange Tradition. Diese werden oft bei der Überdachung und bei der Produktion von Kisten und Möbeln eingesetzt. Einem im Jahr 2009 von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) veröffentlichten Bericht zufolge gibt es rund 16 Millionen Palmen in Ägypten. Es wird auch geschätzt, dass eine Palme in einem Jahr 12 bis 15 Mittelrippen produziert.

Neue Perspektiven zur Ökologisierung der Radszene

„Bambusrahmen waren zu Beginn ein Experiment mit einem unterschiedlichen Material. Jetzt sind sie sehr bekannt. Wenn sich beweisen lässt, dass Mittelrippen von Palmen genauso langlebig und stabil sind wie Bambus, und gleichzeitig standardisiert werden können, denke ich, dass Fahrräder auf jeden Fall zu einem kommerziellen Erfolg werden könnten“, schätzte Karim Abdallah.

Mohamed Hassan dagegen findet die Idee zwar interessant, wünscht sich aber immer noch Beweise für die Stabilität, Langlebigkeit sowie Dauerhaftigkeit und Zweckmäßigkeit der Holzfahrräder, bevor er sich für den Kauf eines solchen Fahrrads entscheidet. Hassan ist einer der Mitbegründer der Gruppe Assiut cyclists (Assiut-Radfahrer), die 2014 in Assiut, der größten Stadt in Oberägypten, ins Leben gerufen wurde. In dieser Gruppe sind Menschen aus verschiedenen Altersgruppen, unterschiedlichen Hintergrunds und unterschiedlicher Geschlechter vertreten. „Wir haben uns jeden Freitag versammelt, um zusammen als Gruppe zu fahren.

Mittlerweile haben wir viele andere Aktivitäten. Die meisten von uns besitzen eigene Autos, aber aufgrund häufiger Staus fahren wir lieber unsere Fahrräder“, sagte Mohamed Hassan.

Karim Abdallah von Ain Bicycles äußerte sich zur Fahrradbewegung. Er sagte, „Wir sind es gewohnt, Menschen auf der Straße zu sehen, die verschiedene Arten von Fahrrädern fahren, weil dies Teil ihres Jobs ist. Ein Beispiel dafür ist der Milchmann. Was aber neu in der Radszene ist, ist die Ausweitung der Tendenz auf höhere soziale Schichten. Diese Entwicklung hat schon in den frühen 2000er-Jahren begonnen und ist seitdem schnell gewachsen, vor allem in den letzten paar Jahren.“ „Wir warten nun auf die Testergebnisse der letzten Version des Palmenfahrrads, um dessen Ausdauer, Stabilität und Dauerhaftigkeit festzustellen.“ Mit diesen Worten fasst Karim Creta den aktuellen Stand des Unternehmens zusammen. „Leider muss ich nach Frankreich zurückreisen. Deswegen habe ich zukünftig vor, eine Organisation zu gründen oder mein Wissen an andere in Ägypten weiterzugeben, damit sie das Projekt fortsetzten können, um kommerziell aufzutreten.“ Karim hat eine klare Vorstellung von dem Weg, den sein Unternehmen gehen soll: „Der Fahrradpreis sollte niedrig gehalten werden, damit das Fahrrad erschwinglich wird und das Projekt seine entwicklungspolitische Seite nicht verliert.“

    Zur Geschichte

    Mai 2017
    Material
    Ägypten, diverse Orte

    Bamboo Bike Project
    Ain Bicycles
    Assiut cyclists

    Autorin

    Bassent Atef
    ist freie Journalistin in Alexandria.

    Übersetzerin

    Hala Moustafa

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