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Klein, fein und werbefrei

Foto: Edouard Hartigan

Klein, fein und werbefrei

Musikfestivals sind zu lukrativen Veranstaltungen geworden – vor allem für Sponsoren. Die Künstler und ihre Musik werden da fast zur Nebensache. Beim französischen Festival MIMI dagegen steht die Musik im Mittelpunkt.

Von Teenagern über junge Familien bis hin zu älteren Musikenthusiasten drängt sich ein buntes Publikum auf einer großen Terrasse im Kreativzentrum La Friche. Hier, im Herzen der französischen Hafenstadt Marseille, ist inmitten der Terrasse eine Bühne aufgebaut, sie ist nur eine von vielen Spielorten des Festivals MIMI. Zehn Tage lang geben die unterschiedlichsten Bands jährlich Musik zwischen Rock, moderner Klassik und Avantgarde zum Besten. Im vergangenen Jahr, im Juli 2016, begann das Festival vor traumhaft schöner Kulisse. Über dem Golf du Lion ging malerisch die Sonne unter, und als die französische DJane Pépé mit dem Programm begann, nahm der Abend schnell Fahrt auf.

Das Festival MIMI gibt es seit 1985. Musik ohne Scheuklappen könnte sein Motto sein, sowohl was die vielen verschiedenen Musikrichtungen angeht, die hier gespielt werden, als auch die Aufmachung der Konzertorte selbst betreffend. Denn abgesehen von ein paar Bierständen dient jede Bühne, jeder Veranstaltungsort rein der Musikdarbietung: Keine Banner verstellen den Blick. Keine Promotion-Teams verteilen Produktwerbung. MIMI ist ein Musikfestival ohne Werbeunterbrechung.

Lieber klein und fein

„Stay small, be true“, sagt der Britische Performance-Künstler Genesis P. Orridge gern bei seinen Konzerten. Eine Ansage, die zum Trend passt, dem auch MIMI folgt: Lieber klein und unabhängig bleiben. „Wir haben jedes Jahr 700 bis 800 musikalische Bewerbungen, und wir können nur zwölf Gruppen buchen. Das ist gut so, denn wir wollen nicht mit den großen Agenturen zusammenarbeiten. Wir sprechen die Künstler, deren Musik wir passend für MIMI empfinden, direkt an“, verrät Ferdinand Richard, Gründer und Leiter von MIMI, selbst Musiker und einstiges Mitglied der französischen Avant-Rock-Band Etron Fou Leloublan. Ihm ist der direkte Kontakt zu den Künstlern wichtig, der nicht nur gute Beziehungen herstellt, sondern vor allem auch die seiner Ansicht nach völlig durchkapitalisierte Sphäre der Musik-Kulturindustrie durchbricht.


  • Panoramasicht über das Krankenhaus Caroline, im Hintergrund Marseille. Foto: Mathieu Mangaretto

  • Das ehemalige Krankenhaus Caroline bei Nacht und mit Licht von oben wie unten. Foto: Edouard Hartigan

  • Das Krankenhaus Caroline und das Château d’If bei Tag. Foto : Mathieu Mangaretto

  • Konzert vor der Kulisse des ehemaligen Krankenhauses Caroline auf der Ile de Frioul. Foto: Edouard Hartigan



Musikfestivals sind in den letzten Jahren Veranstaltungen mit enormem wirtschaftlichen Wert geworden – nicht unbedingt für die Künstler und die Veranstalter, sondern für Unternehmen, die als Sponsoren nahezu alles von Technik bis Künstlergagen finanzieren und als Gegenleistung am Konzertort großflächige Leinwände mit Werbung bespielen, ihre Logos auf Tickets und Flyern drucken, ihre Produkte als nützliche Festivalaccessoires unter die Leute bringen und ihren Namen im Festivaltrubel ins Szene setzen dürfen. Zweistellige Millionenbeträge geben Unternehmen zum Beispiel in Deutschland allein für Sponsoringverträge bei Musikfestivals oder Tourneen aus, noch höhere Summen werden zusätzlich dafür bezahlt, vor Ort zum Beispiel mit einem Promotion-Team aktiv werden zu dürfen. Die Firmen versprechen sich davon eine Aufwertung ihres Images und Absatzsteigerung – und die Rechnung scheint aufzugehen. Doch die Macht der Geldgeber ist enorm. Nur Stars können ein Massenpublikum anziehen, deshalb setzen viele große Festivals mittlerweile ausschließlich auf bekannte Namen.

Ferdinand Richard möchte bei dieser Dynamik nicht mitmachen. Das Festival MIMI wurde daher bis heute nicht dem Diktum des Wachstums unterworfen, durch das anfangs einzigartige Veranstaltungen oft beliebig werden. Bei MIMI soll allein die Musik zählen – eine Qualität, die der Festivalchef nur bei wenigen weiteren europäischen Veranstaltungen sieht, wie dem Rewire Festival in Den Haag, dem Meakusma Festival in Eupen oder dem Unsound in Krakau.

Musikalische Heterogenität

Unterstützung bekommen die Festivalorganisatoren nur von der Stadt Marseille sowie vom regionalen wie nationalen französischen Kulturministerium. Die öffentlichen Förderer lassen den MIMI-Organisatoren bei der Programmgestaltung freie Hand. So kann sich das Festival, anders als die meisten Musikfestivals, gleich mehreren Musikstilen widmen. Seit 31 Jahren verantwortet Ferdinand Richard als kreativer Kopf des MIMI-Festivals ein Programm, das Jazz-Avantgarde mit World Music tanzen lässt, das Minimal-Klassik und Art-Punk verbrüdert und stets auf Trends und die üblichen Vermarktungsmechanismen wie die Einbindung großer Sponsoren verzichtet.

Die Künstler dieses unkonventionellen und unkommerziellen Programms sind zum Teil nur in Spezialistenkreisen, zum Teil aber auch bei einem breiteren Publikum bekannt, wie zum Beispiel Elliot Sharp, Ghedalia Tazartes, Moondog, Lydia Lunch oder Suicide.

„Wenn Künstler in ihrer Ästhetik stilistische Grenzen niederreißen und sich nicht an musikalische Regeln halten, dann sind sie bei MIMI willkommen. Egal, welcher Stilistik sie nachgehen“, erklärt Ferdinand Richard. 2016 war zum Beispiel die spanische Sängerin, Stimmkünstlerin und Phonetikforscherin Fátima Miranda zu Gast, die das Publikum mit theatralischer Mimik, tiefschürfendem Gesang und poetischen Geschichten in ihren Bann zieht. Das gelang auch mit der Weltpremiere des non-narrativen Films „Partir to live“ von Domingo Garcia Huidobro und seinem sphärischen Soundtrack. Die Belgier Aksak Maboul und die multikulturelle Band Rêve Général präsentierten eine Mischung aus Streicherklängen, afrikanischen Grooves und futuristischem Minimalismus, während der US-amerikanische Poet, Spoken-Word-Künstler und Sänger Saul Williams und das südafrikanische Performance-Art-Ensemble The Brothers Moves On wieder ganz andere musikalische Akzente bei ihrem Auftritt setzten. Die musikalische Heterogenität lässt Brücken zwischen Musikstilen entstehen und eröffnet neue Perspektiven auf die vielseitigen Musikströmungen unserer Welt. Wer auf diesen Brücken wandeln und den eigenen Blick schweifen lassen möchte, der hat dieses Jahr wieder die Gelegenheit: Vom 19. bis zum 29. August geben hochkarätige Künstlerinnen und Musiker in der Friche la Belle de Mai, dem ehemaligen Krankenhaus Caroline auf der Ile de Frioul und bei Estaque ihre Musik zum Besten.

    Zur Geschichte

    Juni 2017
    Kultur
    Frankreich, Marseille

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    Autor

    Michael Leuffen
    ist freischaffender Journalist in Köln und schreibt bevorzugt über Musik. Er hat bereits mehrfach in nationalen und internationalen Musikzeitschriften veröffentlicht und war im Rahmen von MiMi 2016 nach Marseille eingeladen worden.

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