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Bitte den Rasen betreten!

Piseagrama

Bitte den Rasen betreten!

Die brasilianische Zeitschrift „Piseagrama“ bringt mit Kritik und Kreativität neuen Schwung in die Debatte über den öffentlichen Raum und regt Bürger zu konkreten Aktionen sowie zum Austausch an.

Die letzten Jahre waren in Brasilien durch das Aufkommen von Bewegungen gekennzeichnet, die die Rolle der zeitgenössischen Architektur neu überdenken wollten. Die in Belo Horizonte von Mitgliedern der Architekturfakultät an der Universität von Minas Gerais (EA-UFMG) gegründete Zeitschrift Piseagrama (wörtlich „den Rasen betreten“) ist eine dieser Initiativen, die zu einer Debatte über den öffentlichen Raum anregen. Indem die Zeitschrift unterschiedliche Sichtweisen zu Themen wie Nachbarschaft, Freizeit und Selbstverwaltung versammelt, versucht sie die Fantasie der Bürger über ihr Wohnumfeld hinaus zu stimulieren.

Rückeroberung des öffentlichen Raums

Piseagrama erschien erstmals im Kontext einer Ausschreibung des Kulturministeriums im Jahr 2010, erzählt Renata Marquez, Dozentin und Forscherin der Architekturfakultät der UFMG und eine der vier Herausgeber der Zeitschrift. Zu jener Zeit wurde in Brasilien auf unterschiedliche Weise für die Rückeroberung des öffentlichen Raums demonstriert, erinnert sich ihr Kollege Roberto Andrés. „Zur Wiederaufnahme des Straßenkarnevals in brasilianischen Städten, den unzähligen Bewegungen von Aktivisten und den sozialen Kämpfen kam es in einem Moment, in dem die Privatisierung des städtischen Lebens drohte, unerträglich zu werden. Es ist kein Zufall, dass ‚Piseagrama‘ zu dem Zeitpunkt entstand, in dem Brasilien begann, tatsächlich eine öffentliche Sphäre zu haben“, erzählt Andrés.


  • Piseagrama

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Die seit 2011 halbjährlich erscheinende Zeitschrift dient als kollaborative Plattform, die verschiedenen Praktiken, Kulturen, Ideen und Experimenten eine Stimme verleiht, indem sie über die gemeinsam genutzten Räume der Stadt spricht und die brasilianische Situation reflektiert. „Wir wollen den Begriff des Öffentlichen in Brasilien mithilfe vieler Wissensgebiete einschließlich der Kunst diskutieren. Wir versuchen eine Zeitschrift mit einer allgemeinverständlichen, nicht-akademischen Sprache zu machen, die jeder lesen kann“, erklärt Marquez.

Mehr als nur eine Zeitschrift

Durch den Dialog, den die Zeitschrift mit verschiedenen Polit- und Kunstkollektiven führt, entstehen auch Ideen für Aktionen auf der Straße: „Im Lauf der Zeit haben wir festgestellt, dass die Zeitschrift eine Plattform für Forschung und Aktion ist, und wir erweiterten sie um andere Publikationen wie z.B. Bücher, die Organisation von Seminaren, städtische Interventionen, die Kuratierung von Ausstellungen und Werbekampagnen“, so Marquez.

„Carnaval de Rua“ (Straßenkarneval), „Filmes de Quintal“ (Filme im Hinterhof), „Cidade que Queremos“ (Die Stadt, die wir wollen) und „Tarifa Zero“ (Nulltarif) sind einige der Bewegungen, die in Belo Horizonte entstanden sind und mit denen die Herausgeber von Piseagrama in Verbindung stehen. Dieses heterogene Netz, das von als gemeinsam empfundenen Herausforderungen bewegt wird, hat die Fantasie der Bürger beflügelt und zu einer Lokalpolitik von allen für alle beigetragen. Beweis dafür war in Belo Horizonte 2016 die Wahl von zwei Kandidatinnen der Plattform „Cidade que Queremos“ zu Stadträtinnen – die eine von ihnen, die die überhaupt höchste Stimmenzahl bei den letzten Kommunalwahlen auf sich vereinen konnte, ist Sozialwissenschaftlerin, Erzieherin und setzt sich für Minderheiten ein.

Über die akademische Welt hinaus

Zweifellos hat Piseagrama dazu beigetragen, kritisches Denken zu fördern und die politische Phantasie in- und außerhalb der akademischen Umgebung anzuregen. „Ich denke, dass die Zeitschrift einen Kanal der Reflexion geschaffen hat, der unser Wirken als Dozenten systematisiert und diversifiziert. Als Architekten haben wir eine ziemlich weit gefasste und interdisziplinäre Rolle eingenommen. Das wirkt sich direkt darauf aus, wie wir im Fakultätsalltag in verschiedenen Instanzen handeln. Ich sehe in dieser Öffnung die Grundlage dafür, dass die Studenten eigene Aktionen starten und sich entfalten“, erklärt Marquez.

Piseagrama hat als Forschungsgruppe neben anderen wie „Cosmópolis“ (Kosmopolis), „Morar Indígena“ (Indigenes Wohnen) und „Cozinha Experimental“ (Experimentelle Küche), die in der EA-UFMG entstanden sind, sicher einen Einfluss auf die Ausbildung der jungen Architekten. Das bemerkt man, wenn man das Zusammenleben innerhalb der Fakultät beobachtet: am erhöhten Interesse rund um das Thema Essen, am kritischen Nachdenken über Architektur und Stadtleben oder am Respekt gegenüber anderen Kulturen. Alle eint die Unzufriedenheit mit den öffentlichen Institutionen und ihren unpopulären Entscheidungen sowie der Wunsch, andere Lebens- und Handlungsformen zu erfinden und auszuprobieren – nicht nur als Experten, sondern auch als Bürger, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.

Die Auswirkungen der Zeitschrift über die Fakultät und das lokale Umfeld hinaus sind schon sichtbar, erzählt Andrés: „Wir bekommen oft Zuschriften von Leuten aus Macapá, Recife, São Paulo, Brasília, aus Portugal, die uns erzählen, dass es für sie wichtig war, Piseagrama kennenzulernen. Eine Zeitschrift ist eine Möglichkeit, um kontinuierlich in Debatten einzugreifen, und wir lernen gerade damit umzugehen. Die Zeitschrift hat ihre Zeit und die Leute wiederum ihre, um die Dinge aufzunehmen. Oft sieht man die Auswirkung erst sehr viel später an anderen Orten und zu anderen Zeitpunkten“, so der Dozent.

    Zur Geschichte

    August 2017
    Öffentlichkeitsarbeit
    Brasilien, Belo Horizonte  

    PISEAGRAMA

    Autorin

    Larissa Nunes ist Architektin und Stadtplanerin. Sie studierte in Recife und São Paulo und absolvierte einen Master im Programm „COOP Design Research“ der Hochschule Anhalt und der Stiftung Bauhaus-Dessau.

    Übersetzer

    Timo Berger

    Auf Portugiesisch

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