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Wir sind Verbindung

Foto (CC BY-SA): Eticom

Wir sind Verbindung

Eticom ist eine Seltenheit unter den spanischen Telefon- und Internet-Anbietern: Die Mitglieder der gemeinnützigen Genossenschaft setzen auf Unternehmenspraktiken, die dem Gemeinwohl dienen.

Zwei Nachrichten waren der Auslöser dafür, dass sich Adriana B. im Herbst 2016 einen Ruck gab und über die Telefon- und Internetgenossenschaft Eticom informierte. Zum einen kam ans Licht, dass der ehemalige Präsident des weltweit tätigen spanischen Telekommunikationskonzerns Telefónica (mit den Marken Movistar, O2 und Vibo) Druck auf Politiker ausübte, um die Bildung einer aus fortschrittlichen Parteien bestehenden Regierungskoalition in Spanien zu verhindern. Zum anderen streikten die Angestellten der Telemarketing-Branche, um auf ihre prekären Arbeitsverhältnisse aufmerksam zu machen, und baten die Bürger um ihre Unterstützung: Massenweise Anrufe bei Callcentern von Movistar und Vodafone sollten diese zusammenbrechen lassen.

Von der Empörung zur Suche nach Alternativen

Solche Nachrichten nähren in Spanien das Misstrauen gegenüber großen Unternehmen. Die Bürger sind empört angesichts von Millionengewinnen, äußerst zweifelhafter Arbeitspraktiken, politischer Einflussnahme und der hohen Zahl von Verbraucherreklamationen.


  • Die Gründungsversammlung der Genossenschaft Eticom im Jahr 2014. Foto (CC BY-SA): Eticom

  • Bei Eticom stimmen die Genossen über unternehmerische Entscheidungen ab, hier im Oktober 2015. Foto (CC BY-SA): Eticom


  • „Wir sind Energie. Wir sind Verbindung.“ Das verstehen auch Kinder. Foto (CC BY-SA): Eticom

  • Die Verbindung funktioniert wie bei jedem anderen Anbieter auch – aber das Unternehmen dahinter ist gemeinwohlorientiert. Foto (CC BY-SA): Eticom



Diese Empörung verschärfte sich 2011, als eine schlagkräftige soziale Bewegung (die sogenannte „Bewegung 15M“ oder „Bewegung der Empörten“) die spanische Gesellschaft aufwühlte. Auf dem Höhepunkt der Bewegung kam es zu einem Ansturm auf die Filialen der Bank Triodos. Die Bank war zu diesem Zeitpunkt die größte ethische Bank des Landes. Ende 2011 hatte das Institut 60.000 Kunden.

Anfang 2016 waren es schon 200.000.

Mittlerweile ist die spanische Gesellschaft nicht mehr ganz so aufgewühlt wie 2011. Dennoch können Alternativen wie die ethischen Banken zuversichtlich in die Zukunft blicken. Für viele Bürger ist es inzwischen normal, sich nach anderen Möglichkeiten umzusehen, die eher ihren Wertvorstellungen entsprechen. Die beeindruckenden Wachstumszahlen ethischer Banken sind bei Telefon- und Internetgenossenschaften allerdings nicht zu erwarten. Eticom ist noch nicht besonders alt – die Genossenschaft gibt es erst seit 2014, und Ende 2016 hatte sie etwa 3.000 Verträge. Zurzeit bietet die Initiative nur mobile Telefon- und Internetdienste über das Mobilnetz von Orange (weitere Netzbetreiber in Spanien sind Movistar, Vodafone und Yoigo). Bald sollen aber auch Festnetzdienste angeboten werden.

Carme P. gefällt Eticom vor allem, „weil die Preise nicht nur wettbewerbsfähig sind, sondern gleich bleiben; weil es bei Verträgen keine Mindestlaufzeit gibt; weil man nicht von Werbung oder irreführenden Angeboten belästigt wird und weil der Umgangston offen und freundlich ist. Außerdem kann man sich sicher sein, dass alle Zahlungen dazu dienen, den Service zu verbessern.“

Eticom und die Solidarökonomie

Eticom-Mitglied Andrea C. findet es „ungemein befriedigend, ein Projekt zu unterstützen, das dem Gemeinwohl dient und bei dem man Teil einer Gemeinschaft ist. Man nimmt nicht nur eine Dienstleistung in Anspruch, sondern kann auch über die Arbeits- und Geschäftspraktiken mitbestimmen. Man vertraut einer Einrichtung, die ähnliche Wertvorstellungen hat“.

„Eticom will positive soziale und ökologische Effekte erzielen und das Wirtschafts- und Telekommunikationssystem über den Konsum verändern“, erklärt der Vorsitzende von Eticom Oscar Rando. Die Genossenschaft hat transparente Arbeitspraktiken: „Der durchschnittliche Monatslohn der derzeit sechs Mitarbeiter liegt bei 1.300 Euro (in 12 Monatszahlungen)“, so Rando.

Der vollständige Name des Projektes lautet „Eticom – Somos Conexión“. Der zweite Teil des Namens, der als „Wir sind Verbindung“ übersetzt werden kann, ist laut Rando eine „klare Anspielung auf Som Energia“, eine Ökostromgenossenschaft mit inzwischen mehr als 40.000 Verträgen: „Wir sind Energie“. Sie hat „Maßstäbe gesetzt und zahlreiche ähnliche Projekte inspiriert, die nicht auf Wettbewerb, sondern auf Kooperation basieren“, etwa Eticom oder der Ableger Som Mobilitat. Alle erwähnten Initiativen sind Teil des übergreifenden Netzwerks für Solidarökonomie Economia Solidaria, einer Bewegung aus Hunderten von Einrichtungen und Unternehmen, die sich an den zuvor genannten Prinzipien orientieren.

Wie kann man teilnehmen?

Für Noè M. stand die Sache fest: Er entschied sich für die weitreichendste Form der Beteiligung und wurde Genossenschaftsmitglied von Eticom. Dabei muss man 100 Euro als Genossenschaftskapital einzahlen. Wenn man die Genossenschaft verlässt, erhält man das Geld wieder zurück. Jedes Genossenschaftsmitglied hat fünf Telefonanschlüsse. Die Telefonanschlüsse, die Noè nicht nutzt, stellt er Freunden und Bekannten zur Verfügung. „Viele Leute wollen es ausprobieren, aber nicht Genossenschaftsmitglied werden. Über Soziale-Netzwerk-Seiten biete ich die Anschlüsse Bekannten an, die ich nicht so oft sehe und mit denen ich nicht so oft über dieses Thema spreche.“ Die Mitbestimmung bei Entscheidungen der Genossenschaft ist jedoch nur den Mitgliedern vorbehalten.

Eticom gehört dem „Interkooperations-Projekt“ mésOpcions an, das die Angebote verschiedener Genossenschaften bündelt (neben Eticom die zuvor genannte Som Energia oder etwa Fiare). „Für nur sechs Euro im Monat hat man Zugang zu Produkten und Dienstleistungen verschiedener Projekte der Solidarökonomie und muss nicht gleich Mitglied jeder einzelnen Genossenschaft werden“, so der Koordinator von mésOpcions Jordi Rojas.

Alle Initiativen haben den gleichen Grundgedanken. Es geht nicht darum, einfach nur den Anbieter zu wechseln. Es geht darum, sich an einem Projekt zu beteiligen, das Teil eines alternativen Ökosystems ist und zuverlässige und nachhaltige wirtschaftliche Alternativen aufzeigt, bei denen die Menschen im Mittelpunkt stehen.

Die Zeitschrift Opcions veröffentlichte Themenhefte über mobile Telefondienste (Nummer 32 und 33), Sharing Economy (44) und Onlinekonsum.

    Zur Geschichte

    Oktober 2017
    Gemeinschaft
    Spanien, Barcelona

    Eticom
    mésOpcions
    Economia Solidaria

    Autor

    Toni Lodeiro
    ist Publizist und Berater für neue Konsumkultur. Er schreibt für die Zeitschrift Opcions und veröffentlicht auf seiner Website http://tonilodeiro.net/

    Übersetzer

    Thomas Pauly

    Weitere Themen

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