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Indigene Kultur für die Welt

Foto (CC BY-NC-ND): Rádio Yandê

Indigene Kultur für die Welt

Die indigenen Völker in Brasilien haben eine große mündliche Erzähltradition. Ihren Geschichten und ihrer Kultur widmet sich das Online-Radio Yandê und hilft so, ihre Traditionen zu erhalten.

Das Wort „yandê“ der indigenen Sprachfamilie Tupi-Guarani bedeutet sowohl „wir“ als auch „unser“. Daher lag es nahe, dieses Wort auch als Namen für das erste indigene Online-Radio Brasiliens zu wählen. Gegründet wurde es 2013 von drei Freunden: von der Journalistin Renata Machado aus dem Volk der Tupinambá, dem Künstler, Werbefachmann und Designer Denílson Monteiro aus dem Volk der Bainiwa und Anápuáka Muniz, Marketingfachfrau aus der Ethnie der Tupinambá. „Unser Gedanke war, einen kollektiven Raum zu schaffen, in dem Indigene aus unterschiedlichen Gegenden Brasiliens Protagonisten ihrer eigenen Geschichte sein können“, erläutert Machado. „Einer Geschichte, die fünf Jahrhunderte lang, seit dem Beginn der Kolonisierung Brasiliens durch die Portugiesen, verschwiegen und unterdrückt wird.“

Mündliche Tradition

Ein Großteil der Inhalte für Rádio Yandê mit Sitz in Rio de Janeiro wird anderswo in Brasilien produziert, dank einer Gruppe von 150 Personen aus unterschiedlichen indigenen Ethnien, die sich seit etwa eineinhalb Jahren per Handynachrichten austauschen. „Darunter sind Journalisten, Lehrende, Studierende und sogenannte Caciques, also Leute, die sich mit der indigenen Bewegung verbunden fühlen“, erzählt Machado. „Jede Person sendet aus ihrer Region, manchmal bereits mit Foto, Audio und Video.“ Ziel sei es, sagt die Journalistin, so wenig wie möglich in die Inhalte der Nachrichten einzugreifen, um die originale Erzählung nicht zu verfälschen. „Wir sind ein extrem mündlich orientiertes Volk“, sagt sie. „Oft erhalten wir Aufnahmen von älteren Leuten, die gar kein Portugiesisch sprechen, doch auch dieses Material senden wir, weil ja die Mitglieder dieser Ethnie es verstehen können.“


  • Im Vordergrund das Equipment von Rádio Yandê bei den Feierlichkeiten zum Internationalen Tag der Indigenen Völker im August 2015 im Parque Lage (Bundesstaat Rio de Janeiro). Dahinter Vertreter der Ethnie Caiapó. Foto (CC BY-NC-ND): Rádio Yandê

  • Von links nach rechts: Anápuáka Muniz, Mitbegründer von Yandê, und die Korrespondentin des Radios Vavá Terena während eines Workshops in Ethnomedia in Paraty (Bundesstaat Rio de Janeiro). Foto (CC BY-NC-ND): Rádio Yandê

  • Im Hintergrund: Denilson Baniwa, ein weiterer Gründer von Yandê. Im Vordergrund spielt der Caiapó-Sänger Mokuká Kayapó anlässlich des Internationalen Tags der Indigenen Völker 2015 mit „Forró“ zum Tanz auf. Foto (CC BY-NC-ND): Rádio Yandê



Informationen kommen auch von festen Mitarbeitern, wie zum Beispiel von der Lehrerin und Künstlerin Daiara Tukano aus Brasília oder dem Historiker Vavá Terena aus Mato Grosso do Sul. Neben Nachrichten sendet das Radio auch Gespräche, wie etwa zwischen dem indigenen Anführer Ailton Krenak und dem Anthropologen Eduardo Viveiros de Castro, aufgenommen 2015 im Lage-Park von Rio de Janeiro, „eine der meist angewählten Aufnahmen in unserem Programm“, wie Machado sagt.

Von Heavy Metal bis Forró

Das Programm mit seinem Bildungs- und Kulturauftrag wurde in den letzten drei Jahren bereits von rund 500.000 Personen gehört. Rund 40 Prozent der Hörerschaft sind Indigene. Doch „viele Gemeinschaften an entlegenen Orten, die nur schwer Zugang zum Internet haben, können auf unser Programm nicht zugreifen“, berichtet Machado. Daher sind die meisten Zuhörer (also 60 Prozent) letztlich keine Indigenen. „Man hört uns mittlerweile in 40 Ländern, wie etwa in den Vereinigten Staaten, England, Deutschland oder Russland“, freut sich die Gründerin, ganz zu schweigen von den mehr als 35.000 „Likes“, die Yandê auf Facebook hat, sowie seinen Kanälen auf YouTube und Twitter. „Wir glauben, das Zusammenspiel von Medien ist eine wichtige Form des Empowerments und der Erhaltung von Kultur“, sagt die Journalistin. Und natürlich gibt es im Programm auch Musik. „Aber wir möchten mit dem Klischee brechen, dass die Indigenen Brasiliens nur eine einzige Art von Musik machen würden“, fährt sie fort. „In Brasilien haben wir heute mehr als 300 Ethnien, deren Mitglieder in Dörfern, isoliert oder in Städten leben.“ Diese Diversität spiegelt sich auch in der Musikproduktion. Das Repertoire reicht von Heavy Metal bis Forró, gesungen in indigen Sprachen. „Der Sender hat ein großes Musikarchiv. Ich habe dort bereits sehr interessante Musik entdeckt, wie etwa die Rapper von Brô Mc’s, deren Mitglieder aus der Ethnie der Guarani-Kaiowá stammen“, erzählt Luciana Rennó, Künstlerin und Hörerin von Yandê.

Radio als Herzensangelegenheit

Wer die Website des Senders anklickt, findet dort auch einen ganz besonderen Link: das „Programa de Índio“, produziert zwischen 1985 und 1991 vom Zentrum für indigene Kultur (Núcleo de Cultura Indígena), einem Pionier auf diesem Gebiet. Das Archiv umfasst an die 200 Sendungen, moderiert von Ailton Krenak und anderen indigenen Anführern, die seinerzeit von brasilianischen Bildungssendern, wie Radio USP der Universität São Paulo, ausgestrahlt wurden. „Ich bin ein großer Bewunderer von Yandê, weil es den indigenen Gemeinschaften eine Stimme gibt und qualitätsvolle Information liefert inmitten von so viel Desinformation, wie wir sie heute erleben“, lobt Krenak. „Ganz zu schweigen davon, wie kreativ und aktiv das Team arbeitet: Es versucht sich auch ohne Unterstützung zu helfen und tritt nicht auf der Stelle.“

Yandê hat bis heute keinerlei Sponsoren oder Werbepartner akquirieren können. Daher werden die Kosten mithilfe von Freunden getragen, über Vorträge an Schulen oder bei Institutionen, sowie durch den Online-Verkauf von Souvenirs, wie etwa T-Shirts oder Kissen mit dem Logo des Senders. „Wir haben das Radio aus dem Boden gestampft, weil es ein Projekt ist, an das wir glauben, das mit unserer Herkunft zu tun hat und mit unserer Realität“, fast Renata Machado zusammen. „Und wir geben nicht auf!“

    Zur Geschichte

    Oktober 2017
    Öffentlichkeitsarbeit
    Brasilien, Rio de Janeiro

    Rádio Yandê
    Rádio Yandê auf Facebook

    Autorin

    Ana Paula Orlandi
    studierte Journalismus an der PUC-MG und arbeitete als Redakteurin in den Bereichen Kultur und Gesellschaft. Sie ist Herausgeberin von Büchern zu zivilgesellschaftlichen Themen.

    Übersetzer

    Michael Kegler

    Auf Brasilianisch

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