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Umweltschutzbeitrag einer Damenbinde

Damen von „Buzhidao-Ökobinde“ in den Baumwollfeldern | © Buzhidao

Umweltschutzbeitrag einer Damenbinde

Selbst mit einer Kleinigkeit wie einer Damenbinde kann man einen Beitrag zum Schutz von Boden, Wasser und Umwelt leisten. Die Naturfreundin Xie Keman und ihre Mitstreiterinnen zeigen mit ihrer Initiative, dass man jetzt und sofort etwas für den Umweltschutz tun kann und dass jedes Unternehmen ökologische Verantwortung übernehmen sollte.

Xie Keman (谢可曼) und Mai Yatang (麦芽糖) besuchten noch die Universität, als ihnen Ende 2013 bewusst wurde, wie unökologisch es war, Einmalbinden zu verwenden. Vor allem aber trug sich auch deren Material nicht angenehm und löste teilweise sogar Allergien aus. „Mai Yatang suchte eine Lösung für das Problem. Sie ist die geborene Aktivistin und wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat, will sie es auch umsetzen. Da auch ich der Meinung war, dass man in dieser Sache gemeinsam etwas bewegen könnte, waren wir uns schnell einig. Wir beschlossen eine waschbare und umweltfreundliche Hygienebinde zu entwickeln“, erzählt die eher zurückhaltende Xie Keman.

Die Erfindung der „Buzhidao-Ökobinde“

Die zwei Naturfreundinnen aus der Generation der sogenannten „Post-90er“ begannen erst einmal zu recherchieren und die Machbarkeit ihrer Idee zu prüfen, bevor sie sich an einen Entwurf, das Design und die Suche nach dem geeigneten Rohstoff machten. Es folgte eine Reihe von Tests bis sie die erste „Buzhidao-Ökobinde“ (布知道, etwa: „der Stoff weiß Bescheid“) entwickelt hatten. Ein halbes Jahr später, nachdem die ökologische Stoffbinde einen Markttest durchlaufen hatte und weiter verbessert worden war, war die erste Version des Produkts marktreif. Xie Keman und Mai Yatang gründeten im selben Zug die Firma Chengdu Happylife Sustainable Technology Limited (成都乐活永续科技有限公司). Seitdem ist es nicht nur ihr Job, die von ihnen entwickelte Stoffbinde den Verbraucherinnen vorzustellen, es ist ihnen vor allem ein Anliegen, dadurch ihren Respekt für die Erde und das Leben der Bauern zum Ausdruck zu bringen.

Die Familie von Xie Kemans Großvater lebt auf dem Land. Vor der Haustür erstrecken sich ausgedehnte Felder, eingebettet in grüne Berge. Immer wenn Xie Keman, die als echtes Landkind aufgewachsen ist, hierher zurückkehrt, sind der Stress und die Sorgen, die sie von der Arbeit in der Stadt mitbringt, wie weggeblasen. Mit der Nähe zum Ackerboden und Natur stellt sich ganz automatisch Entspannung ein. Wenn der Mensch hingegen zu lange keinen Kontakt zur Natur hat, wird er körperlich und seelisch krank. Das trifft auch die Unternehmen. Deshalb hofft Xie Keman, dass in Zukunft mehr Firmen Verantwortung für die Umwelt übernehmen, anstatt aus Profitgier Raubbau an den natürlichen Ressourcen zu betreiben. Das ist die eigentliche Idee hinter der Buzhidao-Ökobinde.

Das Umweltschutzpotenzial einer Hygienebinde

Verglichen mit einer handelsüblichen Wegwerfbinde leistet jede Buzhidao-Ökobinde einen ganz realen Beitrag zum Umweltschutz.

Der Rohstoff der Ökobinden ist Baumwolle. Obwohl im globalen Anbau von Feldfrüchten nur fünf Prozent auf die Baumwolle entfallen, verschlingt der Baumwollanbau ein Viertel der Pflanzenschutzmittel und ein Fünftel künstlicher Düngemittel. Boden, auf dem Baumwolle angebaut wurde, ist deshalb viel stärker vergiftet als die Äcker anderer Kulturpflanzen. Hinzu kommt, dass Baumwolle mit einer hohen Frequenz mit Pestiziden besprüht wird, in der Reifezeit teilweise alle zwei bis drei Tage. Den Baumwollbauern fällt es also schwer, auf den Einsatz von Chemie zu verzichten. Die übermäßige Verwendung von Pestiziden erhöht aber auf Dauer nicht nur die Resistenz der Schädlinge, sie bewirkt auch, dass das Gift in den Boden sickert, das Grundwasser verseucht oder in die Flüsse gelangt. Es verursacht starke Wasserverschmutzungen und schädigt das gesamte Ökosystem. Manche Baumwollbauern sind durch den fehlerhaften oder übermäßigen Einsatz von Pestiziden im unterschiedlichen Ausmaß von chronischen Krankheiten betroffen. Das reicht von Allergien bis hin zu schweren Hautekzemen. Da den Bauern das Geld für eine medizinische Behandlung fehlt, kränkeln sie häufig vor sich hin. Irgendwann geht ihnen die Kraft aus und die Familien rutschen immer mehr in die Armut ab. Ein fataler Teufelskreis.

Buzhidao-Ökobinden | © Buzhidao

Um der schädlichen Wirkung von Pflanzenschutz- und Düngemitteln auf Boden und Umgebung Einhalt zu gebieten, die Interessen der Baumwollbauern zu schützen und um Biobaumwolle zur Produktion der Ökobinden zu bekommen, suchten Xie Keman und ihr Team in der Provinz Shandong nach Bauern, die offen für eine ökologische Umstellung und die Anbautechniken einer ökologischen Mischkultur waren. Sie lieferten den Bauern das technische Knowhow und gaben Hilfestellung für die schwierigen Anbauphasen. Sie zeigten ihnen, dass man auch ohne Pestizide und künstliche Düngemittel Baumwollerträge haben kann; dass man den Boden schützen kann ohne dabei wirtschaftliche Einbußen zu erleiden. War die Baumwollernte schlecht, übernahmen sie mit dem Team fünf Prozent der Verluste, bei einer guten Ernte nahmen sie die Baumwolle zum 2,5-fachen Marktpreis ab. Diese Maßnahmen ermutigten die Bauern sich auf einen ökologischen Anbau einzulassen. „Und da der Boden nicht durch Pestizide und Düngemittel belastet ist, können die Bauern auf demselben Acker mit ökologischen Methoden auch andere Feldfrüchte anbauen.“, erklärt Xie Keman.

Sie stellte noch eine andere Rechnung an: Gegenwärtig leben in China über 200 Millionen Frauen, die Monatsbinden brauchen. Angenommen, dass die Mädchen durchschnittlich mit elf Jahren ihre Menstruation bekommen und mit um die fünfzig die Menopause einsetzt, benutzen Frauen etwa vier Jahrzehnte lang monatlich Hygienebinden. Eine Buzhidao-Ökobinde hat eine Lebensdauer von zwei Jahren. Angenommen, dass man bei jeder Periode zehn Binden benötigt, käme jede Frau in ihrem Leben mit nur gut zweihundert Ökobinden aus. Verwendet man jedoch Wegwerfbinden, verbraucht jede Frau etwa 10.000 bis 13.000 Stück. „Dazu kommt, dass sich die benutzten Einmalbinden nicht recyceln lassen. In der Regel werden sie vergraben oder verbrannt. Eine Binde benötigt hundert Jahre bis sie ökologisch abgebaut ist und auch die Verbrennung ist nicht ohne Schaden für die Umwelt möglich. Es fallen giftige Schadstoffe wie beispielsweise Dioxin an“, so Xie Keman, „das Material der Buzhidao-Binden ist hingegen ein natürlicher Rohstoff – Baumwolle. Nach dem Wegwerfen hat sie eine sehr kurze Abbauzeit und auch bei der Verbrennung werden keine Giftstoffe freigesetzt. Das ist, wie wenn man Holz verbrennt, der Schaden für die Umwelt ist ziemlich gering.“

Mit beiden Beinen auf dem Boden und dem Blick in die Zukunft

Hinter jeder Buzhidao-Ökobinde steht ein langer Herstellungsprozess von mindestens fünf Monaten: angefangen beim Pflücken der Baumwolle von Hand, dem Abtrennen der Baumwollfasern von den Samenkernen, der Reinigung von Fremdfasern, der Pressung zu Ballen und des Spinnens der Baumwolle bis hin zu Produktdesign, Qualitätstests, Lagerung und Versand. Auch wenn das Kernteam von Xie Keman von ursprünglich zwei Leuten auf acht erweitert wurde, haben die Mitarbeiter alle Hände voll zu tun. Dabei setzt jeder seine Liebe zur Umwelt an einem anderen Ort um, etwa in Peking und in der Provinz Shandong oder in Nanchong und Chengdu in der Provinz Sichuan. Bemerkenswert ist außerdem, dass man sich bei der Rekrutierung von Personal auch immer wieder offen für behinderte Bewerber mit den entsprechenden Kompetenzen gezeigt hat. So sind unter den Mitarbeitern des derzeitigen Teams ein Körperbehinderter und zwei Schwerhörige.

Auch wenn die Buzhidao-Ökobinde mittlerweile in einer dritten verbesserten Ausführung vorliegt, spricht Xie Keman ganz offen über die Vorbehalte, die man ihrem Produkt entgegenbringt, und über den unternehmerischen Druck, der auf ihr lastet. Ein Knackpunkt liegt beispielsweise in der Eindeckung mit dem Rohstoff Biobaumwolle. Weil es dafür keinen fest etablierten Markt gibt, kann bei der Produktion der Ökobinden nicht einfach auf marktübliche Baumwolle zurückgegriffen werden. Zudem muss, um das optimale Material zu bekommen, möglichst die noch im selben Jahr angebaute Baumwolle verwendet werden. Verglichen mit dem Aufkaufen von Rohstoffen auf einem Markt gestaltet sich die Suche nach dem geeigneten Rohstoff hier also nicht so einfach. Außerdem konkurriert die Ökobinde mit anderen Markteilnehmern nicht als ein rein kommerzielles Produkt. Zum einen müssen die Bauern technologisch unterstützt werden, zum anderen beteiligt man sich auch an etwaigen Verlusten. Der Verbraucher, für den Biobaumwolle von herkömmlicher Baumwolle kaum zu unterscheiden ist, trifft seine Kaufentscheidung aber meist nach dem Preis. All das stellt für die Buzhidao-Binden eine große Herausforderung dar. Manche Konsumenten haben erst einmal das Gefühl, dass sie mit den waschbaren Hygienebinden wieder in das Zeitalter ihrer Großeltern zurückfallen. Sie sehen das beinahe als Rückschritt an. Ein Vorurteil, das für die Ökobinde zur größten Hürde wurde.

Trotz dieser Herausforderungen hat das Projekt auch seine positiven Seiten: Wenn man „ein Problem identifiziert, aktiv wird, etwas entwickelt und schließlich die Bestätigung durch den Kunden bekommt“, mag sich das wie ein ganz normales Erfolgserlebnis anhören, aber Xie Keman und ihr Team schöpfen daraus viel Freude. „Wir machen uns zwar keine großen Hoffnungen, dass jede Frau unsere Ökobinde benutzen wird. Es würde uns aber schon freuen, wenn die Leute, wenn sie von dieser Marke hören, nicht gleich erstaunt reagieren oder uns ihre Skepsis und Vorurteile entgegenbringen würden.“, so Xie Keman. „Auch wenn die Binde vielleicht noch nicht ganz so praktisch ist, aber für ihre Sicherheit und ihren Komfort können wir garantieren. Wir möchten den Menschen eine Alternative geben: ein Produkt, das der Umwelt nutzt und mit dem man sich auch noch wohlfühlt.“

„Selbst mit einer Kleinigkeit wie einer Damenbinde kann man etwas für die Umwelt tun. Auch wenn es dabei nur um ein Nischenprodukt geht, stehen wir voll hinter dem Produkt. Ich hoffe, dass in Zukunft noch mehr Unternehmen Verantwortung für die Umwelt übernehmen werden und eine Revolution in Gang setzen: Man muss ab sofort alles gegen den übermäßigen Verbrauch von Umweltressourcen tun, indem man hochwertige und langlebige Produkte herstellt“. Xie Keman wirkt dazu hundertprozentig entschlossen.

    Zur Geschichte

    November 2017
    Material
    China, Chengdu, Sichuan

    Interview mit Xie Keman von "Buzhidao" 布知道 (auf Chinesisch)

    Autorin

    Yang Min (杨敏) ist freie Redakteurin und war 2015 Teilnehmerin des Austauschprogramms Medienbotschafter China-Deutschland.

    Übersetzerin

    Julia Buddeberg

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