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Euer Müll ist euer Luxus

Foto (BY-NC-ND): Instituto Guandu

Euer Müll ist euer Luxus

Das Instituto Guandu bietet Küchenchefs und Köchen an, ihre Küchen mit dem Kompost ihres eigenen Abfalls zu versorgen.

2010 arbeitete die Journalistin Fernanda Danelon in einem Verlag und war zuständig für die Verleihung eines brasilianischen Preises für Menschen, die ihre Realität verändern. Bei dieser Gelegenheit lernte sie Ana Maria Primavesi kennen, eine mit diesem Preis ausgezeichnete in Brasilien lebende österreichische Agrarwissenschaftlerin. Die Begegnung mit der Expertin, die bedeutende Bücher über Bodengesundheit und ökologische Landwirtschaft verfasst hat, inspirierte Danelon, ihr persönliches und berufliches Leben zu verändern. „Einige dieser Ideen beschäftigten mich zwar schon vorher, etwa die Gedanken des Wirtschaftswissenschaftlers Ladislaw Dowbor, der vom Übergang der Konsumgesellschaft zur Wissensgesellschaft spricht. Aber nach der Begegnung mit Primavesi erwachte mein Interesse für das Verhältnis von Müll und Lebensmittelproduktion in Großstädten,´das eines der größten Herausforderungen unserer Zeit darstellt“, erzählt sie.

Danelon wollte ihr Leben unbedingt ändern. Sie kündigte ihre Arbeit im Verlag und suchte nach neuen Formen, ihre Kenntnisse über die Erzeugung von Lebensmitteln zu vertiefen: Sie schloss sich der Gruppe Hortelões Urbanos (Stadtgärtner) an, die heute mehr als 60.000 Mitglieder hat (zu jener Zeit waren es knapp 500). Die Gruppe diente als Inspiration für neue – solidarische, konstruktive und nachhaltige – Geschäftsmodelle. Eine Wende sollte aber im Jahr 2013 kommen: In São Paulo lagen radikale Veränderungen in der Luft. Kollektive forderten „Tarifa Zero“, einen Nulltarif in öffentlichen Verkehrsmitteln, und eine Umdeutung des städtischen Raums. Demonstrationen und Polizeigewalt beherrschten die Straßen und die Schlagzeilen der Zeitungen. „Im Oktober erblickte das Instituto Guandu das Licht der Welt“, erinnert sich Danelon.

Wiederverwertung der Ressourcen

Das Institut bietet Umweltlösungen für große Restaurants auf der Grundlage des Konzepts „Vom Teller auf den Teller“ an und will zur Genesung unseres Planeten beitragen. Wie? Durch die Kompostierung des organischen Abfalls, der Essensreste, die bei der Zubereitung und nach dem Ende einer Mahlzeit anfallen und bislang auf Deponien landen. Die Kompostierung hilft zum einen, die Abfallmenge auf den Deponien zu verringern – und Deponien sind verantwortlich für die Kontamination des Bodens und des Grundwassers und unter anderem auch für die globale Erwärmung, da sie riesige Mengen Methangase in die Atmosphäre freisetzen. Zum anderen entsteht durch die Kompostierung auch Dünger, ein fundamental wichtiges Hilfsmittel für die Lebensmittelproduktion. Durch die Arbeit der Regenwürmer wird der Kompost zu einem Nutzmittel für die Landwirtschaft und vervollständigt als Dünger den Kreislauf, der von den Essenresten auf dem Teller wieder zu neuen Lebensmitteln auf dem Teller führt. Letztere liefert Danelon ihren Kunden in Töpfen mit Thymian, Petersilie, Koriander und Kirschtomaten neben einem Dutzend weiterer Zutaten, die sie in dem bei sich zu Hause angelegten Gemüsegarten selbst anbaut.


  • Fernanda Danelons Augen zeigen eindeutig, dass es sich lohnt, sich ab und an die Hände schmutzig zu machen. Foto (BY-NC-ND): Instituto Guandu

  • Ein Kräuterbeet auf kompostierter Erde. Foto (BY-NC-ND): Instituto Guandu



Der erste Kunde, der auf die Arbeit des Instituto Guandu setzte, war Alberto Landgraff, der Küchenchef des Restaurants Epice. „Meine Routine hat sich vollständig verändert“, erzählt Danelon. Sie kaufte ein Auto und sammelte jeden Tag fünf Kilo Abfall ein, packte ihn in den Kofferraum und brachte ihn zur Kompostanlage. „Ich habe das ganz allein gemacht. Ich fuhr die Kinder in einem Auto zur Schule, das noch von einem starken Geruch imprägniert war. Alle dachten, ich sei verrückt, aber es war das, was ich machen wollte, und ich bin dran geblieben.“ Heute, drei Jahre nach der Gründung des Instituto Guandu, beliefert Danelon 15 Restaurants, darunter das des Goethe-Instituts von São Paulo, das schon einen Gewürzgarten hat, und darüber hinaus zwei Hotels. Das Instituto Guandu sammelt am Tag durchschnittlich 1,5 Tonnen Müll, der danach in einem Werk in Campinas kompostiert wird.

Überschuss an Müll und Abfällen

Während die brasilianische Bevölkerung von 2010 bis 2014 laut Danelon um sechs Prozent wuchs, stieg die Abfallmenge um 29 Prozent an. Allein in São Paulo entstehen täglich 7.000 Tonnen organischer Abfälle. Es ist noch viel zu tun, aber es gibt auch einige Lichtblicke wie das Programm Composta São Paulo (São Paulo Kompost), durch das im Jahr 2014 2000 Kompostbehälter an Einwohner der Stadt verteilt wurden, oder die neue zentrale Kompostanlage für Wochenmarktabfälle. Wäre das nicht die Lösung dafür, die Abfallmenge auf den Deponien zu verringern, die Bedingungen für die Entwicklung der urbanen Landwirtschaft zu verbessern, degradierte Böden und Quellen zu sanieren und neue Gewohnheiten zu stiften? Auch der Hunger in der Welt könnte so in Angriff genommen werden. „Die Stadt Berkeley in Kalifornien kompostiert 40 Prozent des organischen Abfalls, und die Stadtverwaltung verteilt Dünger an die Bauern“, erzählt Danelon.

„Mehrere verschwundene Mikroorganismen sind zurückgekehrt und die Grasqualität hat sich verbessert. Jetzt werden diese Ergebnisse ausgewertet, um sie in öffentliche Politik umzusetzen. Wir müssen wieder mit den Naturkreisläufen arbeiten und aufhören, Energie aus natürlichen Ressourcen zu produzieren. Der Schlamm von Samarco kann als Baumaterial genutzt werden“, fügt sie hinzu und nimmt Bezug auf die große Umweltkatastrophe im Jahr 2015, bei der in Minas Gerais nach einem Dammbruch 32 Millionen Kubikmeter giftiger Schlamm, der aus der Eisenerzmine Samarco stammte, in den Rio Doce gelangte. Für die nächsten Jahre wünscht sich Fernanda Danelon eine eigene Anlage für die Kompostierung, eine Art Stadtfarm, wo sie auch Besuchergruppen zu Fortbildungen empfangen kann.

    Zur Geschichte

    November 2017
    Material
    Brasilien, São Paulo

    Instituto Guandu
    Hortelões Urbanos

    Autorin

    Carol Ramos ist Journalistin und Umweltaktivistin. Sie ist Mitglied von Slow Food und von MUDA SP – ein Netzwerk, das städtische Landwirtschaft unterstützt.

    Übersetzer

    Timo Berger

    Auf Brasilianisch

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