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EIN STADTTEIL VOM REISSBRETT

Foto: Goethe Institut / Irina Ginsburg

EIN STADTTEIL VOM REISSBRETT

In Helsinki entsteht auf einen Schlag ein Viertel für 30.000 Bewohner. Die Stadtplaner legen Wert auf Gemeinschaft und Umwelt und sind dabei Tradition und Innovation gleichermaßen verpflichtet.

Das Meer war für ein paar Wochen zu sehen, jetzt ist es weg. Man kann die Möwen hören, wenn gerade niemand hämmert, sägt, Bolzen einschlägt, Verpackungen aufreißt. Wenn gerade kein Metall kreischt, oder ein Kran wimmert. Der Seewind entscheidet, von wo er die Töne hinaufschickt auf den langen Balkon in der Malagankatu 3, vierte Etage. Die Straße liegt auf Jätkäsaari, einer Insel in der Ostsee, kanalbreit vor Helsinki gelegen. Aber wo bis vor ein paar Wochen noch Meer zu sehen war, wächst jetzt aus grauen Betonplatten der nächste Rohbau.

Jätkäsaari ist eine der größten Baustellen Europas, 20 Prozent aller Wohnungen Helsinkis werden hier auf einen Schlag gebaut. Da gehört ein wenig Lärm dazu, ein wenig Staub und einiges an Plastikfolie, die der Wind abends durch die Straßen drückt.

Vom Containerterminal zur Utopiestadt

In Jätkäsaari sollen bald 30.000 Menschen leben, viele auch hier arbeiten. Kinder sollen zur Schule gehen können, ohne eine große Straßenkreuzung überqueren zu müssen, sondern stattdessen durch Parks und über Fußgängerbrücken laufen. Dabei war Jätkäsaari bis vor knapp zehn Jahren ein Containerterminal am Westhafen. Nach der Verlegung des Containerverkehrs im Jahr 2008 blieb eine betonierte, fast ebene Fläche zurück – ein Traum für Stadtplaner. Sogar Hügel und Erhebungen konnten sie am Reißbrett entwerfen. Wenn man einen begeisterten Stadtplaner treffen will, muss man bei Matti Kaijansinkko vorbeischauen. Er ist der oberste Projektmanager: „Wir wollten uns Jätkäsaari als Verlängerung des Bulevardi, dem zentralen Boulevard Helsinkis, vorstellen.“


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In der Baugeschichte Helsinkis kann man historische Entwicklungen stadtviertelweise nachvollziehen: Holz wich Stein, der Klassizismus des 19. Jahrhunderts und der finnische Jugendstil wuchsen in den besseren Nachbarschaften. Die sparsamen Bauformen der Moderne fingen in Arbeitervierteln wie Kallio den Wohnraumbedarf hinter nüchternen Fassaden ein, Mittelschichts-Nachbarschaften wie Töölö schmückten die Außenwände mit minimalistisch verzierten, aber auch schon mal bis zum Fassadenabschluss gerundeten Balkonen. Über allem dominieren Grautöne, ab und an Pastell. In den Nachkriegsjahren kehrten die Finnen der Stadt den Rücken. Das Automobil war die Verbindung zum Traum: dem Häuschen auf dem Land. In der Stadt blieb die Zurückhaltung, Traufhöhe, ein schmaler Katalog von Formen, die Architekten verwenden durften.

In Jätkäsaari ist all das über Bord geworfen. „Bitte benutzt Farben! Das war eine der wenigen Anweisung an die Architekten“, erzählt Kaijansinkko. Außerdem sollten sie unterschiedliche Materialien und Formen verwenden.

Skandinavischer Modernismus in abgewandelter Form

Es gibt tatsächlich schwarze Ziegelwände, graue Ziegelwände, hellbraune und weiße Ziegelwände. Es gibt Sichtbeton und Wellblech. An der Stelle, die vom feuchten Seewind am weitesten abgewandt ist, entsteht ein Block aus Holz. Dächer schließen flach ab oder neigen sich zum Pult, es gibt Gauben, Galerien, Dachterrassen, bodentiefe Fenster. Es gibt eigentlich alles – aber wenn man sich gewöhnt an all die Farben und Materialien, sieht man auch hier: Die eingehängte Ziegelfassade ist schon selbst der ganze Schmuck, es gibt kaum Fensterstürze, wenig Zierrat. Erker aus Glas leiten mehr Licht nach innen. Kein Gebäude gleicht dem nächsten.

Vor ein paar Wochen wurden Brücken eingehängt, sie sollen Fahrräder und Fußgänger führen, wuchtiges Eisen unterstreicht die Körperlichkeit ihrer Statik. Die Brücken selbst bestehen nur aus tragenden Elementen, sind leuchtend orange lackiert. „Wir wollten experimentieren. Aber die Ideen der Gebäude sind der finnischen Tradition eng verbunden“, sagt Kaijansinkko. Er meint damit die praktischen Innenräume, die funktionalen Wohnungen, aber auch Platz für Gemeinschaft in Saunas, Waschkellern und Kulturräumen.

Dennoch steht Jätkäsaari auch gegen eine finnische Architekturhaltung. Kaijansinkko formuliert es freundlich: „Der Umstand, dass Menschen in den Zentren der Städte wohnen wollen, ist sehr jung. So ein dichtes Stadtviertel zu bauen, bei dem wir das Auto an den Rand drängen, ist sogar noch jünger.“ Im provisorischen, geflickten Asphalt kann man es schon erahnen: Die Fahrbahnen sind schmal, die drei Straßenbahn-Linien sind wichtiger. Kaijansinkko rechnet damit, dass durch die neue Siedlung etwa 2,5 Millionen Autokilometer im Jahr gespart würden – auch weil jetzt Familien aus Vororten nach Jätkäsaari zögen. Denn mit dem Rad ist man von hier aus schneller in der Innenstadt.

Gemeinschaft statt Individualismus

Rund sechzig Prozent der Wohnungen gehören der Stadt, Mieten zielen auf mittlere Einkommen, auf Familien, die zurück in die Stadt ziehen, oder gar nicht erst an den Rand weichen müssen. Auch für Geringverdiener gibt es Wohnungen, zum Beispiel für Studenten, sowie Häuser mit Lösungen für Wohnformen jenseits der klassischen Familie.

Dazwischen mäandert ein überschaubarer Park quer durch die Inselsiedlung. Er nimmt mit 88 Metern exakt die Breite des Bulevardi auf. In den weiten Innenhöfen warten schon Spielgeräte auf die Kinder. Bereits im nächsten Sommer werden Eltern von den Balkonen zum Essen rufen. Soziale Kontrolle soll Unsicherheit und Ängste gar nicht erst aufkommen lassen.

Technische Lösungen erleichtern zudem eine Reduzierung des Service-Verkehrs um 92 Prozent – zum Beispiel bei der Müllentsorgung. Die Luken des Müllschlucker-Systems in jedem Erdgeschoss lassen sich mit dem Wohnungstür-Chip aufsperren. Hier trennt man Biomüll von Plastik oder Papier. „Nur die Pizzakartons machen den Leuten noch Schwierigkeiten. Bis sie darauf gekommen sind, dass sie die zerschneiden müssen“, lacht Kaijansinkko. Die Luke ist mit Bedacht klein gehalten.

Auf dem Balkon in der Malagankatu 3 ist es still geworden, die Baustelle ruht am späten Nachmittag. Als die Sonne untergeht, greifen Strahlen durch den Rohbau gegenüber, malen rote Schatten auf den Balkon, der hinter der Wellblechfassade wie ein Laubengang zum Innenhof blickt. Es gibt einige charmante Ideen im Block: Eines der bereits fertiggestellten Häuser ist eine Art Altersheim für Musiker. „Wir wussten, dass die nie viel Geld verdienten oder es häufiger vertrunken haben“, meint Kaijansinkko mit einem Augenzwinkern. Im Erdgeschoss ist schon ein lukratives Lokal in Betrieb. Es ist Zeit hinunterzugehen: Wie an den meisten Abenden gibt es in der Malaga-Bar ein Konzert.

    Zur Geschichte

    Dezember 2017
    Raum & Wohnen
    Helsinki, Finnland

    Autor

    Lennart Laberenz (*1976) lebt und arbeitet in Berlin.

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