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Survival-Techniken und Verbindungen zur Urzeit

© CC, Foto: Erik Assadourian

Survival-Techniken und Verbindungen zur Urzeit

Das Erlernen von Survival-Fähigkeiten, den sogenannten Primitive Skills, erlaubt es dem Menschen, wieder ein Gefühl zu seiner Umgebung aufzubauen und zu verstehen, was nachhaltiges Leben wirklich bedeutet. Die US-Organisation MAPS Meet bieten allen, die diese Fertigkeiten erlernen möchten, Gelegenheit dazu.

Das Treffen Mid-Atlantic Primitive Skills (MAPS) 2017 begann mit einer großen Demonstration, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Das erste, was Neulinge hier gewöhnlich lernen, ist das Feuermachen – neben Unterschlupf bauen, Wasser finden und Essen einteilen eine der vier Fähigkeiten, die Leben retten können. Die Teilnehmer lernen hier, eine handgroße Feuerstelle, eine Spindel und einen Bogen zu machen und dann geduldig, um nicht zu sagen liebevoll, allein durch Reibung aus Holz ein Stück Kohle zu erzeugen. Auf diesem MAPS Treffen hat Bill Kaczor, Leiter der Organisation Ancestral Knowledge und von MAPS, mit seiner Trainer-Truppe aus diesem Unterfangen eine echte Show gemacht: Man präsentierte den Teilnehmern ein mannsgroßes Set zum Feuermachen, für das es ein halbes Dutzend Helfer brauchte, um es zu entzünden. Die Symbolkraft dieser Aktion lag auf der Hand: Solche Fähigkeiten sind eine große und wichtige Sache, und es braucht manchmal ein ganzes Dorf, damit das Ganze funktioniert.

An einem langen Wochenende im Mai kamen über 200 Interessierte aus der gesamten mittelatlantischen Region der USA zusammen, um ihre „primitiven“ bzw. traditionellen oder auf die Ureinwohner zurückgehenden Fähigkeiten auszubilden: Wie häute ich ein Kaninchen? Wie erkenne ich essbare und gefährliche Pflanzen? Wie baue ich mir aus Fundstücken eine Notunterkunft? (Praktischer Hinweis: Wer einmal in der Wildnis verloren geht, sollte sich eine Unterkunft bauen, bevor er sich um Feuer, Essen oder Wasser kümmert, denn wer nachts erfriert, kann nicht mehr verdursten oder verhungern.)

In nur vier Tagen unterrichteten 25 Lehrer über 80 Klassen. Einige Teilnehmer lernten, wie man Steine behaut und daraus Werkzeuge macht oder aus Tierfellen Kleidung anfertigt; anderen wurde gezeigt, wie man Seile und Farbstoffe herstellt, und wieder andere bauten Behältnisse jeglicher Größe aus Bambus, Rinde, Ästen, Lehm, Kalebassen und Rohleder. Schnell stellte man dabei fest: Es ist gar nicht so leicht, einen Behälter ganz ohne Plastik herzustellen.

Zurück in die Wildnis

Bill Kaczor ist auf Umwegen zum Anhänger und Experten in Sachen Survivaltraining geworden. Seine Karriere begann er als Tourbegleiter der Band Grateful Dead und irgendwann besaß er auf einmal mehrere Skateboard-Shops in und um Washington, D.C. Im Jahr 1989 drückte ihm ein Freund ein Buch des bekannten Wildnisexperten Tom Brown jr. in die Hand. Es brauchte jedoch noch weitere fünf Jahre sowie das gute Zureden eines anderen Freundes, bis er sich 1994 entschloss, einen Kurs bei Brown zu absolvieren und sich näher mit Überlebenstechniken zu beschäftigen.


  • Der Leiter von Ancestral Knowledge Bill Kaczor (Mitte, in Wildfelle gekleidet) spricht im Morgenkreis. (CC, Foto: Erik Assadourian)

  • Die Trainer blasen auf ein Stück Kohle, um Feuer zu machen (CC, Foto: Erik Assadourian)

  • Eine MAPS Teilnehmerin malt mit aus Steinen gewonnenen Pigmenten. (CC, Foto: Assadourian)



Kurz darauf sah man Kaczor regelmäßig auf der Veranda seines Skate-Shops im College Park bei der Ausübung diverse Survival-Techniken: Körbe flechten, Feuer machen, Felle gerben – natürlich unter irritierten Blicken seiner Kundschaft. Bald darauf wurde er Dozent in Browns Fährtenleserschule, verkaufte seine Läden und gründet 2002 mit seiner Frau und einigen anderen die Organisation Ancestral Knowledge (Wissen der Vorfahren), um dort traditionelle und moderne Technologien, Aktivitäten und Philosophien weiterzugeben, die einen nachhaltigen Lebensstil fördern. Etwa zur gleichen Zeit entwickelte die Organisation MAPS auch das Treffen MAPS Meet, das nach ein paar Jahren im Rahmen von Ancestral Knowledge angeboten wurde.

Wie man mit überdimensionalen Werkzeugen ein Feuer entfacht: (CC, Video: Erik Assadourian)

Kaczor, der bei Meet in einem Anzug aus Hirschleder erscheint (selbst erlegt, gegerbt und genäht), erklärt: „Ich habe mir als Kind schon immer gewünscht, solche Dinge zu können.“ Schon als kleiner Junge spielte Kaczor liebend gern in den umliegenden Feldern und Wäldern. „In der Fährtenleserschule habe ich gemerkt: Genau das ist es, was ich schon von Kindesbeinen an machen wollte.“

Wie sieht der typische MAPS-Teilnehmer aus?

Was bringt Hunderte von Menschen aus Washington, D.C. (einer Großstadt, die so geschäftig und karriereorientiert ist wie kaum eine andere in den USA) dazu, raus in den Wald zu gehen und diese offenbar altmodischen und kaum noch erforderlichen Fähigkeiten erlernen zu wollen? Wer opfert freiwillig sein freies Wochenende, um an einem MAPS-Treffen teilzunehmen?

„Es gibt hier weder viele notorische Katastrophenvorbeuger noch Müsli-Hippies“, erklärt Kaczor. Seine Zielgruppe beschreibt er als „Menschen, denen klar geworden ist, dass diese Dinge äußerst nützlich sind und dass sowohl unsere Agrarmethoden als auch Wirtschaftspraktiken aus dem Gleichgewicht geraten sind. Nachhaltigkeit ist das große Stichwort.“

In unmittelbarer Nähe zu einer so großen Stadt gibt es laut Kaczor natürlich „eher viele typische Großstädter, die aus dieser hektischen Mentalität fliehen wollen und dieser etwas völlig anderes entgegensetzen wollen.“ Maps bietet jedoch, so Kaczor, eher eine „Seelenreinigung“, nämlich die Chance, den Stress und das ganz und gar nicht nachhaltige moderne Leben hinter sich zu lassen.

Darum sind Survival Skills so wichtig

Laut Kaczor spielen die Begriffe „Nachhaltigkeit und Führung“ innerhalb der Mission von Ancestral Knowledge eine zentrale Rolle. Außerdem ist es der Organisation sehr wichtig, Menschen am besten schon in jungen Jahren dazu zu bringen, eine Beziehung zur Natur aufzubauen. Viele Teilnehmer von MAPS Meet haben Kinder und bringen diese jedes Jahr mit, damit sie frei im Wald herumtoben können. Und freier könnten sie wirklich nicht sein. Es gibt zwar für die Kinder morgens Unterricht, die meiste Zeit rennen sie jedoch einfach im Wald herum – eine Gelegenheit, die sie in ihrem von zu vielen Schul- und Sportveranstaltungen, durchorganisierten Spielverabredungen, Stadtverkehr und ständiger Angst vor Fremden geprägten Alltag nicht oft haben. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass viele Eltern die Natur aus ihrem Alltag völlig verbannt haben. Einmal kamen sogar Eltern zu Kaczor und sagten „Wir sind so froh, dass Sie das hier anbieten, wir selbst gehen ja nie raus!“ Die Kinder, so Kaczor, sind unsere Chance, die Verbundenheit mit der Natur wieder herzustellen.

Es gibt bei MAPS nicht nur diverse Outdoor-Aktivitäten für Kinder, Ancestral Knowledge hat auch viele Gruppenangebote, etwa Sommercamps oder Hausunterricht-Konzepte. Kaczor beschreibt die Organisation als einen Ort, der Kindern Fähigkeiten, Wissen und Forschergeist vermittelt. Und noch mehr als das: „Wir fördern Teamwork, Kommunikations- und Führungsfähigkeiten bei den Kindern. Wir lehren die Kinder quasi, selbst Lehrer zu sein, ohne dass sie davon etwas merken.“ Diese Art des experimentellen Lernens bzw. Coyote Teachings bezeichnet Bill als „das Gegenteil der Methoden der Helikopter-Eltern“.

Auch für Erwachsene gibt es viele Kurse, wenn sie sich denn nach draußen wagen. Dazu gehören kurze Lehrgänge wie bei MAPS, aber auch Intensivkurse wie etwa „Der Geist der Jagd“, wo die Teilnehmer mehrere Monate lernen, wie man Pfeil und Bogen macht, auf die Pirsch geht, das Fleisch zubereitet und Tierfelle gerbt. „Das ist unser Geburtsrecht“, erklärt Bill. „Dieses Wissen müssen wir haben. Wenn es einmal verlorengeht, werden uns unsere eigenen Instinkte fremd, und wenn diese Entfremdung erst einmal eingetreten ist, ist das das Ende unserer Spezies.“ Zum Glück werden diese uralten Fähigkeiten von Organisationen wie Ancestral Knowledge und MAPS Meet aufrechterhalten, bewahrt und weiterentwickelt, damit wir sie in Zeiten, in denen wir sie wieder bitter nötig haben, wieder anwenden können.

    Zur Geschichte

    Dezember 2017
    Stadt & Landnatur
    Washington DC area, USA

    Autorin

    Erik Assadourian ist leitender Wissenschaftler am Worldwatch Institute und hat als Teilnehmer von Survival-Kursen bereits erste Fähigkeiten erlangt. 

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