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Die eigene umweltfreundliche Studentenbude bauen

Pierre von Hélicity auf der Baustelle seines Passivhauses © Foto (Ausschnitt): Julie Lallouët-Geffroy

Die eigene umweltfreundliche Studentenbude bauen

Anstatt jeden Monat 500 Euro für eine knapp 30 Quadratmeter kleine Wohnung auszugeben, beschlossen drei angehende Ingenieure, sich zum selben Preis ihr eigenes Passivhaus in der Nähe von Rennes zu bauen.

Die drei jungen Studenten Pierre, Lucas und Martin beginnen gerade ihr drittes Studienjahr an der Hochschule für Umweltberufe in Bruz am Rande der Ringautobahn um Rennes. Die künftigen Ingenieure machten folgende simple Feststellung: „Eine Unterkunft auf dem Campus kostet jeden Monat 350 bis 500 Euro“, erklärt Martin, „aber die bestehenden Gebäude leiden unter starken Energieverlusten“. „Da haben wir uns gesagt, mit dem gleichen Geld könnten wir uns doch unsere eigene Behausung bauen, und zwar passiv und nachhaltig“, ergänzt Lucas.

Also beschlossen die drei jungen Männer, die es eigentlich eher gewöhnt sind, im Hörsaal zu sitzen, als den Hammer zu schwingen, diese ebenso einfache wie wahnwitzige Idee zu ihrem Studienabschluss-Projekt zu machen. Mit vier weiteren Studenten gründeten sie die Vereinigung Hélicity. Dann zückten sie den Taschenrechner: Vier Mieten über fünf Jahre hinweg ergaben ein Gesamtbudget von 80.000 bis 120.000 Euro. Davon ausgehend erarbeiteten sie zwei Jahre lang die Pläne, das Konzept und die Finanzierung. Seit August 2017 sind sie nun auf der Baustelle am Werk. Die Kurse an der Uni laufen seit September wieder, Zeit ist also Mangelware und vergeht dazu noch wie im Fluge. Jeden Tag tauschen sie zwischen Mittag und 14 Uhr und dann noch einmal abends nach den Vorlesungen den Bleistift gegen die Bohrmaschine. Einweihung soll im November sein, die Zeit drängt also. „Anfangs waren die Leute skeptisch, weil sie dachten, drei Studenten sind doch nicht in der Lage, ein eigenes Haus zu bauen“, erinnert sich Lucas. „Darum sind wir sehr stolz, beweisen zu können, dass das durchaus geht. Die Mauern stehen, die Isolierung ist fertig.“


  • Für die nächsten drei Jahre werden die Studenten in diesem Prototyp leben, der an das Studentenwohnheim angrenzt. © Foto (Ausschnitt): Julie Lallouët-Geffroy

  • Familie, Freunde und Bekannte wechseln sich ab, um dem Trio zu helfen. © Foto (Ausschnitt): Julie Lallouët-Geffroy

  • Lucas von Hélicity auf der Baustelle seines Passivhauses © Foto (Ausschnitt): Julie Lallouët-Geffroy

  • Martin, beraten von seinem Vater, installiert die Wasseranschlüsse. © Foto (Ausschnitt): Julie Lallouët-Geffroy

  • Pierre ist auf der Baustelle im Einsatz. © Foto (Ausschnitt): Julie Lallouët-Geffroy



Es sind zwei sich gegenüberliegende Gebäude, jedes verfügt über zwei Zimmer zu je 19 Quadratmetern mit eigenem Bad und einer Gemeinschaftsküche. Draußen gibt es einen quadratischen Innenhof. „Da werden wir uns einen Tisch hinstellen, um gemeinsam zu essen und den Aperitif einzunehmen, davon träumen wir schon ein Weilchen“, scherzt Lucas, der für uns eine Führung macht, beginnend beim künftigen Gemüsegarten und Fahrradstellplatz. „Eine Heizung werden wir nicht haben, wir haben das Haus als Passivgebäude konzipiert. Der echte Härtetest kommt dann also im Winter.“ Damit das auch klappt, haben die Studenten ihre fertigen Pläne Branchenexperten vorgelegt. „Wir haben viele Fenster eingebaut, um möglichst viel Licht einzufangen und eine gute Thermikleistung zu erzielen,“ führt Martin aus, „und wir nutzen auch eine Dampfsperre und einen Regenabweiser, damit die Wand atmen kann, das heißt, die Feuchtigkeit zirkuliert zwar, gerät aber nicht ins Gebäudeinnere.“ Noch zwei weitere Kriterien wurden berücksichtigt: die überdurchschnittliche Wanddicke und die Deckenhöhe, die nicht zu hoch sein darf, damit die Wärme nicht zu weit steigt.

„Nötig wäre ein Pauschalangebot für Studenten“

Ihr Haus steht am Rande einer Studentenwohnanlage mit mehreren Hundert Zimmern. Auf dem Campus stehenden insgesamt 1.000 Plätze für die fast 6.000 Studenten zur Verfügung. „Eines der größeren Studentenapartments auf dem Campus ist nicht einmal 30 Quadratmeter groß und kostet fast 500 Euro im Monat“, erzählt Martin. „Dazu kommen noch Transportkosten. Wir befinden uns ja am Rande von Rennes, in die Innenstadt kommt man nur mit dem Zug oder dem Auto. Und es gibt nur ein einziges Restaurant in der Nähe. Zum Einkaufen muss man den Bus nehmen.“

Für 500 Euro im Monat bekommt man als Student im Stadtzentrum von Rennes zwar durchaus eine Wohnung mit 50 Quadratmetern, dann kommen allerdings die Kosten für das tägliche Pendeln zur Hochschule hinzu. Martin findet, „es bräuchte ein Pauschalangebot für studentisches Wohnen, bei dem Unterkunft, Transport und Verpflegung schon inbegriffen sind, und vor allem qualitativ bessere Unterkünfte, besonders in Sachen Isolierung“, bekräftigt der angehende Ingenieur mit dem ausgeprägten Umweltbewusstsein — was ja bei seinem Studiengang auch nicht weiter überrascht.

Weil jedes Jahr Studenten kommen und gehen, legen nur wenige Wert auf die Qualität ihrer Wohnung. Ganz selten erwägt man, selbst Wohnungseigentümer zu werden. Im Alter von 20 Jahren ein Studentenzimmer zu besitzen scheint eine recht sonderbare Idee, vor allem, weil dem Trio das Grundstück gar nicht gehört, sondern sie es für fünf Jahre von der Stadt Rennes gemietet haben. „Das hier ist ein Experiment, ein Prototyp“, erklärt Lucas. „Uns gehören die Mauern, und wenn wir in drei Jahren mit dem Studium fertig sind, können wir unsere Unterkunft noch zwei Jahre lang weitermieten. Danach lässt sich das Gebäude ja modulieren. Wir haben da schon einige Ideen, wie zum Beispiel ein anderes Grundstück finden und die Unterkunft in einen Gemeinschaftsraum für Studenten, einen Lebensmittelladen oder sonst etwas zu konvertieren. Das sehen wir dann schon.“

Etwa zehn Unternehmen aus dem Großraum Rennes beteiligt

Um diesen Prototyp einer Wohnung zu finanzieren, haben sie von Verwandten und Bekannten Geld geliehen, das sie mithilfe von Zuschüssen der Familienbeihilfe für erstmalige Immobilienbesitzer zurückzahlen werden. Um Kosten zu senken, haben Sie lokale Unternehmen als Partner gewonnen. Etwa zehn Firmen haben sich darauf eingelassen, steuern Materialien bei oder unterstützen beim Bau. Außerdem haben sie bei der Region Projekthilfe beantragt, mittels derer künftige Investitionen in das Gebäude finanziert werden können, wie etwa eine Windkraftanlage oder eine pflanzenbasierte Wasseraufbereitungsanlage. Die Stadt Rennes schaut sich diesen Prototypen genau an. Der Dialog zwischen Stadtvertretern und Studenten ist offen, und es heißt, „die Schlüsse aus dieser Initiative werden am Ende des Nutzungsvertrags gezogen“, also in fünf Jahren. Und Martin scheut sich nicht, groß zu denken: „Wenn das hier gut klappt, können wir vielleicht hier auf dem Campus Ker Lann Frankreichs ersten ökologischen Studentencampus errichten.“

    Zur Geschichte

    Dezember 2017
    Raum & Wohnen
    Rennes, Frankreich

    Die Vereinigung Hélicity  
    Der Campus Ker Lann 

    Autorin

    Julie Lallouët-Geffroy schreibt hauptsächlich zu Umweltfragen und Landwirtschaft. Sie wohnt in der Bretagne, wo sie erfolgreiche lokale Initiativen mitverfolgt, wie etwa dieses Passivhaus, das sich angehende Ingenieure erträumt haben.

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