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Eine Welt voller Zugänge

© Be. Accessible

Eine Welt voller Zugänge

Stellen wir uns doch einmal eine Welt vor, in der jede Umgebung, jede Erfahrung und jede soziale Gemeinschaft für jeden Menschen zugänglich wäre. Die soziale Initiative Be. Accessible in Neuseeland setzt diesen Wunsch in die Tat um.

Minnie Baragwanath war erst 15 Jahre alt, als sie die Grenzen dessen präsentiert bekam, was sie im Leben würde erreichen können. Ihre Diagnose: Morbus Stargardt, eine juvenile Makuladegeneration, die zur Erblindung führt. Damit folgte ihr Leben schlagartig anderen Regeln. Als man ihr sagte, dass sie wahrscheinlich keine bzw. nur eine sehr schlecht bezahlte Arbeit finden würde, erfuhr sie zum erstem Mal am eigenen Leib, was es bedeutet, das Etikett „anders“ aufgedrückt zu bekommen.

Aber Minnie hatte nicht die Absicht, sich an diese Regeln zu halten. Sie machte einen Hochschulabschluss, arbeitete als Forscherin und Moderatorin von Inside Out, einer TV-Serie für Menschen mit Behinderung, und wurde Behindertenbeauftragte in der Stadtverwaltung von Auckland.

Dort arbeitete sie an einem Projekt zur Inklusion von Menschen mit Behinderung bei der Rugby-Weltmeisterschaft 2011 und stellte sich in diesem Zusammenhang die Frage, ob nicht noch viel mehr erreicht werden könnte, wenn sie nur größer dächte. Ihr Wunsch war es, eine große Kampagne zu starten, die die gängigen Betrachtungsweisen von Menschen mit Behinderung und Inklusion in Frage stellt und damit einen landesweiten sozialen Wandel mit sich bringt. Die Antwort war Be. Accessible, eine Bewegung, deren Ziel so einfach wie ehrgeizig ist.

„Die Vision von Be. ist es, dass Neuseeland für alle Menschen der weltweit beste denkbare Ort wird, indem wir eine Kultur des Zugangs erschaffen“, erklärt Minnie. 25 Prozent der Bevölkerung in Minnies Heimatland und damit mehr als eine Million Menschen leben mit einer Behinderung. Wenn man dazu noch ältere Menschen rechnet, die in ihrem Alltag deutlich eingeschränkt sind, Eltern mit kleinen Kindern und Menschen mit Verletzungen oder temporären Krankheiten, macht diese Gruppe einen gigantischen Anteil an der Gesamtbevölkerung aus.


  • Das Be.-Wohnmobil unterwegs in Neuseeland, um zum Thema Barrierefreiheit zu informieren. Foto (CC BY-NC-ND): Be. Accessible

  • Das Be. Team während der Reise zur Barrierefreiheit-Kampagne. Foto (CC BY-NC-ND): Be. Accessible

  • Der Bürgermeister von Auckland, Len Brown, gratuliert Rena Savage zum Abschluss des Be.-Leadership-Programms. Foto (CC BY-NC-ND) Be. Accessible

  • Minnie Baragwanath wird mit dem New Zealand Order of Merit ausgezeichnet. Foto (CC BY-NC-ND): Be. Accessible

  • Minnie Baragwanath begrüßt Red Nicholson im Be. Fab 50 Netzwerk. Foto (CC BY-NC-ND): Be. Accessible

  • Kylie Shirtliff vom Be.-Team bei der Wellness-Messe in Hamilton. Foto (CC BY-NC-ND): Be. Accessible

  • Mit dem allerersten Be.-Welcome-Aufkleber wurde 2011 das Alleluya Bar & Café Auckland zertifiziert. Foto (CC BY-NC-ND): Be. Accessible

  • Minnie Baragwanath hält eine Rede beim Festival for the Future. Foto (CC BY-NC-ND): Be. Accessible

  • Minnie Baragwanath präsentiert ihre Vision bei TEDx. Foto (CC BY-NC-ND): Be. Accessible



Die Idee zu Be.Accessible, so erklärt Minnie, beruht auf ihren eigenen Erfahrungen: „Wenn ich für mich selbst etwas ändern kann, dann können wir hier in Neuseeland vielleicht zusammen etwas für all die vielen Menschen ändern, die aufgrund verschiedener Einschränkungen nicht an allen Lebensbereichen teilhaben können.“

Die Anfänge von Be.

Ohne finanzielle Unterstützung bleibt eine gute Idee oft nur eine gute Idee – nicht mehr. Die Gründungsmitglieder von Be. – nämlich die Auckland University of Technology, die örtliche Gesundheitsbehörde und die Stadtverwaltung – haben gleich bei der Gründung der Initiative im Januar 2011 eine Förderung gewährt. Auch das Ministerium für Soziale Entwicklung hat das Projekt mit Mitteln aus seinem Fonds Making A Difference („Etwas ändern“) erheblich unterstützt. Mit genügend Startkapital für die erste Wegstrecke machte das aus unterschiedlichsten Menschen zusammengesetzte Be.-Team sofort lautstark auf sich aufmerksam. Man hatte bereits führende Vertreter aus Interessensgemeinschaften von und für Menschen mit Behinderung an Bord. Mit im Boot war auch Borderless Productions, ein Unternehmen für sozialen Wandel. Alle hofften auf weitere Förderung, um die Kampagne landesweit auf die Beine zu stellen Die Vision von Be. sprach sich herum, Minnie wurde ins Parlament eingeladen, um vor einem Ministerausschuss ihre Ideen vorzustellen. Was als Erweiterung der Arbeit zur Rugby-Weltmeisterschaft begonnen hatte, wurde auf einmal zu etwas viel Größerem. Bald erkannten viele wichtige Entscheidungsträger in der Regierung, dass die Idee nicht nur für Auckland, sondern für ganz Neuseeland erhebliches Potential birgt. So stellte Minnie eine Frage, die auch die wirtschaftliche Dimension von Behinderung in den Fokus rückte: „Wie wäre es, wenn Neuseeland es sich zum Ziel setzte, das Land in punkto Barrierefreiheit zum fortschrittlichsten Reiseziel der Welt zu machen?“

Bei der offiziellen Eröffnungszeremonie im Mai 2011 sicherte die neuseeländische Ministerin für Behindertenfragen, Tariana Turi, der Bewegung Be. für die nächsten vier Jahre jährlich eine Million neuseeländische Dollar Fördergelder zu. Auf dieser Veranstaltung wurde auch das Be. Institute gegründet, eine eingetragene karitative Organisation, die auch als gemeinnütziges Unternehmen agiert. Die Aufgabe dieses Institutes besteht auch darin, das neuseelandweite Arbeitsprogramm umzusetzen, das Teil der Vision von Be. ist.

„[Be. Accessible] will, dass alle kleinen und großen Städte Neuseelands bis in den hintersten Winkel für alle Menschen gleich zugänglich und attraktiv sind … was alles mit BE möglich ist, liegt an UNS”, erklärte Ministerin Tariana Turia bei der Gründung. „Alle Menschen in diesem Land haben das Recht, ihr Potential zu verwirklichen. Und wir als Land entfalten unser Potential nicht voll, solange dies nicht der Fall ist“, so John Allen, Vorsitzender des Be. Institute, der die Kampagne für sozialen Wandel von Anfang an begleitet hat.

Be. auf Landesebene bekannt machen

Der nächste Schritt nach den Eröffnungsfeierlichkeiten war es, den Grundgedanken der Bewegung im Land bekannt zu machen. Das Team war darum drei Wochen lang in einem Wohnmobil landauf landab auf Reisen, um mit Menschen vor Ort zu sprechen und ein Netzwerk mit Befürwortern der Barrierefreiheit aufzubauen. Viele Neuseeländer haben gleich erkannt, welche Möglichkeiten dieses Konzept bietet, doch natürlich gab es auch andere, die das nicht taten. Minnie stieß oft auf Widerstand, sogar innerhalb der Interessensverbände von Behinderten, die bis dahin noch nicht in einer solchen großen Kampagne vereint gewesen waren. In dieser Situation hieß ihre Taktik: Zuhören, Respekt zeigen und immer den Glauben an das Potential von Be. bewahren.

Um dies zu erreichen, begann man damit, eine Gruppe von Führungspersönlichkeiten aufzubauen und hielt ab 2011 jedes Jahr zehn Klausurtagungen ab. „Hier kamen viele Leute zusammen, die wirklich Tolles leisten, und die hier ihr ganzes Wissen und ihre weitreichenden Erfahrungen austauschen konnten“, so Philip Patson, Direktor des Be. Leadership-Programms. „Und es war das erste Mal, dass Menschen zu einem solchen Prozess zusammenkamen, die von der Gesellschaft als behindert bezeichnet werden.“

„Für mich ist es besonders wichtig, hier dabei sein zu können“, sagte etwa Rena Savage, „ich bin jung, ich bin Maori, ich bin weiblich und ich bin behindert – das heißt normalerweise so viel wie: vier Mal das falsche Kästchen angekreuzt, leider verloren. Man kann das Ganze aber auch von der anderen Seite betrachten. Demnach habe ich vier wertvolle Schätze, an denen ich mich erfreuen kann.“ Ende 2011 gingen aus dem Be. Leadership-Programm die ersten 19 neuen Führungskräfte hervor. Vertreten waren verschiedene Altersklassen, Geschlechter und individuelle Lebensumstände – die Gruppe war damit quasi ein Spiegel aller Behinderten, die allesamt die nötigen Fähigkeiten und das Selbstvertrauen besaßen, eine barrierefreie Zukunft zu realisieren. Für alle Beteiligten war es eine sehr emotionale und fröhliche Zeit. Minnie selbst bezeichnete die Kampagne als einen „authentischen sozialen Wandel, der aus tiefstem Herzen kommt.“

Das zweite Programm, Be. Welcome, wurde ebenfalls 2011 auf den Weg gebracht. Dabei wurden Firmen und Organisationen dazu eingeladen, sich im Hinblick auf ihre Barrierefreiheit beurteilen zu lassen, und zwar in jeder Hinsicht: angefangen von der Barrierefreiheit der Räumlichkeiten über den Kundendienst bis zur Frage, welchen Stellenwert behindertenfreundliche Lösungen in der jeweiligen Unternehmenskultur spielen.

Die Programmdirektorin Lesley Slade hat dabei mit den einzelnen Firmen und Organisationen zusammengearbeitet, um gemeinsam herauszufinden, in welchen Bereichen man Verbesserungen erreichen kann. Dabei entstand auch ein Online-Verzeichnis von barrierefreien Orten. Auf der Grundlage von Minnies Erfahrung, dass behinderte Menschen bei der Vergabe von Arbeitsplätzen nicht gleichwertig behandelt werden, wurde im Jahr 2013 dann das Programm Be. Employed ins Leben gerufen. Das Partnerprogramm vermittelt junge, qualifizierte Fachleute an führende Firmen, die mit Leidenschaft daran arbeiten, ihre Mitarbeiterschaft vielfältig und chancengerecht zu gestalten.

Be. wird 5

Fünf Jahre später kann sich Be. viele beeindruckende Errungenschaften auf die Fahnen schreiben: Aus dem Be. Leadership-Programm sind 80 Führungskräfte hervorgegangen, immer mehr Organisationen und Firmen unterstützen Be. Welcome und Be. Employed, und der Dokumentarfilm To. Be. Me. – the Social Movement Of The 21st Century („Einfach ich sein – Die soziale Bewegung des 21. Jahrhunderts“) wurde von Tausenden von Menschen in ganz Neuseeland gesehen. Schließlich wurde Minnie 2014 von Queen Elizabeth II. mit dem Verdienstorden New Zealand Order of Merit ausgezeichnet.

Es war jedoch nicht immer alles eitel Sonnenschein. Einige geschätzte Absolventen des Leadership-Programms wie etwa Rena Savage sind inzwischen verstorben, und Minnies Engagement für die Initiative wird inzwischen von ihrer 2015 erhaltenen Brustkrebsdiagnose überschattet.

„Ich glaube, dass im Gesundheitsbereich 100 Prozent Zugänglichkeit gesetzlich vorgeschrieben werden muss, und das ist das Mindeste“, so Minnie. „Es ist einfach nicht in Ordnung, jemandem Medikamente auszuhändigen, deren Beipackzettel die Person nicht lesen kann, weil dieser kleingedruckt auf winzigen Flaschen steht, oder einem schwer kranken Krebspatienten Terminbestätigungen in Schriftgröße 10 zu schicken, die er nicht entziffern kann.

Was viele Menschen wohl einfach mit „so ist die Welt nun einmal“ abtun, wird ohne Zweifel bald die nächste Stufe auf der Be. Accessible-Leiter sein. Oder, wie Minnie es ausdrückt: „Was spricht denn gegen eine Welt, in der jeder Mensch einfach sein Potential verwirklichen und Erfolg haben, ja, einfach sein darf?“



    Zur Geschichte

    August 2016
    Gemeinschaft
    Neuseeland, Auckland

    Be.accessible  
    Die Be.-Eröffnungsveranstaltung
    Film To. Be. Me.
    DieEinladung  

    Autorin

    Rachel Smith
    ist freiberufliche Autorin und lebt in Christchurch.

    Übersetzerin

    Sabine Bode

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