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Neue Kommunikationsformen auf der Bühne

Neue Kommunikationsformen auf der Bühne

Das Theater Na Laga’at ist das weltweit einzige Ensemble aus blinden und gehörlosen Darstellern. Auf der Bühne finden sie eine gemeinsame Sprache.

„Na Laga‛at“ bedeutet aus dem Hebräischen übersetzt „bitte berühren“. Ein Sinnbild nicht nur für die direkte Kommunikation, die über das Tasten und Fühlen möglich wird, sondern auch für eine Berührung zweier Welten. Die meisten Mitglieder des Ensembles des Theaters Na Laga’at leiden am Usher-Syndrom, einer erblich bedingten Erkrankung, die sich durch einen angeborenen Verlust der Hörfähigkeit und eine im Verlauf des Lebens stark zunehmende Einschränkung des Sehfeldes kennzeichnet. Aufgrund dieser Symptome ist die klassische Zeichensprache oft nicht ausreichend, und es müssen Wege und Formen gefunden werden, die über diese hinausgehen. Daher findet in dem israelischen Theaterzentrum viel Kommunikation über Berührungen statt.

Ein Tastalphabet ermöglicht es blinden und gehörlosen Darstellerinnen und Darstellern, sich über Berührungen an den eigenen Händen und denen des Gegenübers auszudrücken und mit anderen zu verständigen. Aber nicht nur dieses Tastalphabet ist Ergebnis des ständigen Forschens am Center, auch auf der Bühne werden neue Kommunikationsformen erprobt. Da die meisten Darsteller keine akustischen Signale wahrnehmen können, schlagen die Übersetzerinnen und Übersetzer auf große Trommeln, deren Vibration für alle Beteiligten wahrnehmbar ist und so als gemeinsames Signal fungiert.

Selbstbefähigung statt Beschäftigungstherapie

Die Geschichte des Na Laga’at begann im Jahr 1999. Das Beth David Institute für blinde und gehörlose Menschen rief unter der Leitung von Regisseurin Rina Fadwa eine Theatergruppe zusammen. Diese bat Adina Tal um Unterstützung, und nach einem Jahr des Konzipierens und Probens feierte das Stück Light is heard in Zig Zag Premiere. In den folgenden Jahren tourte das Stück erfolgreich durch Israel und um die ganze Welt. Grund genug für die beiden Theatermacherinnen dieses außergewöhnliche Projekt weiterzuverfolgen.

Die Theatergruppe brauchte zunächst ein Zuhause, um die Aktivitäten und Proben vertiefen zu können. Sie fand nach langem Suchen ein altes Lagerhaus direkt am Hafen in Jaffa, einem südlichen Stadtteil Tel Avivs. Rina und Adina mieteten das Gebäude von der armenischen Kirche, renovierten es komplett und feierten dort 2007 die Geburtsstunde des Na Laga’at Centers. Gleichzeitig mit der Eröffnung begannen die Proben für die neue Produktion Not by bread alone, mit dessen Premiere sich im Dezember 2007 die Türen des Centers auch für Publikum öffneten.

Selfie beim Videodreh. Foto: Shai Hoffmann
Selfie beim Videodreh. Foto: Shai Hoffmann

Gleichzeitig erweiterte das engagierte Team von Na Laga’at sein Angebot um weitere Aktivitäten. So bietet das Kapish Event Center diverse Workshops von und mit blinden und gehörlosen Menschen, und das Blackout Restaurant verspricht mit einem gemeinsamen Essen in kompletter Dunkelheit ein Erlebnis der besonderen Art. Mittlerweile haben über 750.000 Interessierte das Na Laga’at Center besucht und Einblicke bekommen in die Lebenswelt der Menschen, die dort arbeiten. Seit 2015 zeigt das Ensemble sein neuestes Schauspiel Through the Spirit, das eine inhaltliche und künstlerische Weiterentwicklung erkennen lässt.

Raus aus der Isolation, ohne Mitleid zu erregen

Einzigartig machen diesen Ort aber nicht nur die Angebote, die sich nach außen richten, sondern auch die Arbeit innerhalb des Teams. Die Arbeitsmöglichkeiten am Na Laga’at Center fördern die Selbstbefähigung. Das heißt, es handelt sich nicht um Beschäftigungstherapie, sondern um Arbeit, die gerecht entlohnt wird. Diese Wertschätzung führt zu einem Arbeiten auf Augenhöhe und steigert das Selbstbewusstsein. Auf die Frage nach ihrem Beruf antworten die Ensemblemitglieder ohne zu zögern „Schauspieler“.

Um überhaupt einen künstlerischen Austausch herzustellen, werden alle Darsteller von Übersetzerinnen begleitet, die die Zeichensprache und andere Kommunikationsformen beherrschen. Mit deren Hilfe können Menschen mit unterschiedlichen Einschränkungen miteinander kommunizieren. Die Verbindung zwischen den Darstellerinnen und Übersetzern geht über die professionelle Arbeit hinaus. Es entstehen zwischenmenschliche Beziehungen, die zu jahrelangen Freundschaften werden und für beide Seiten eine große Bereicherung darstellen.

Wie wichtig für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kontakt und ein Zusammentreffen auf Augenhöhe ist, wird deutlich, wenn Majdi Jazmaui erzählt, dass der schlimmste Aspekt der Krankheit die Isolation sei. Wer nicht hört und nicht sieht, kann an vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens nicht teilhaben – bei Na Laga’at ist das anders. Die kreativen Angebote des Centers fördern die Aufmerksamkeit für andere Formen der Wahrnehmung, ohne dabei auf Mitleid zu setzen.

Die Mitarbeiter ohne Beeinträchtigungen lernen in diesem Team ebenso neue Formen der Auseinandersetzung. Die Leiterin Pony Brzezinski hat während ihrer Zeit bei Na Laga’at verinnerlicht: „The sky is the limit.“

    Zur Geschichte

    Oktober 2016
    Kultur
    Israel, Tel Aviv

    Na Laga’at Center

    Autorin

    Isabel Gatzke
    studiert Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis an der Universität Hildesheim.

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