Dossiers

FUTUREPERFECT erzählt von Initiativen und Projekten weltweit. So unterschiedlich deren lokale Voraussetzungen sein mögen, so ähnlich sind oft die Herausforderungen, denen sie begegnen. In den Dossiers haben wir jeweils mehrere Geschichten unter einem Titel versammelt. Damit möchten wir die Vielfalt der Lösungen und Ansätze zeigen, mit denen Menschen an den unterschiedlichsten Orten gemeinsamen Problemen entgegentreten.

Weg mit den Barrieren

Inklusion beginnt bei der Begegnung. Eine finnische Wohngemeinschaft zeigt, wie’s geht. Wie sonst könnten neue Erfahrungen entstehen, als im Austausch zwischen Menschen, die die Welt unterschiedlich wahrnehmen? Gerade durch ihre spezielle Form der Wahrnehmung vermitteln die taubblinden Schauspieler des Na Laga’at Center neue Arten der Kommunikation. Denn körperliche oder geistige Einschränkungen müssen einen Menschen noch lange nicht unmündig oder schutzbedürftig machen. Im Gegenteil: Wie ein tunesischer Bauernhof beweist, bedarf es nur des richtigen Rahmens, damit auch Menschen mit Behinderung zu Unternehmern werden können. Ganz hoch hinaus will die Gruppe um Be.accessible: Die Kampagne hat sich zum Ziel gesetzt, Neuseeland zum Spitzenreiter in Sachen Barrierefreiheit zu machen – damit das gute Leben nicht nur in abgezirkelten Räumen stattfindet, sondern immer und überall.

Im Helsinkier Wohnheim Sanervakoti wohnen Demenzkranke, psychiatrische Rehapatienten und Studierende unter einem Dach. Die Studierenden beteiligen sich am gemeinsamen Alltag und sorgen für Aktivitäten für die betreuten Bewohner.
Das Theater Na Laga’at ist das weltweit einzige Ensemble aus blinden und gehörlosen Darstellern. Auf der Bühne finden sie eine gemeinsame Sprache.
Im Dorf Sidi Thabet nimmt ein Bauernhof Behinderte aus sozial benachteiligten Familien auf. Die Jugendlichen bekommen die Chance auf eine Berufsausbildung. Und lernen nebenbei die Kunst des Pferdeflüsterns.
Stellen wir uns doch einmal eine Welt vor, in der jede Umgebung, jede Erfahrung und jede soziale Gemeinschaft für jeden Menschen zugänglich wäre. Die soziale Initiative Be. Accessible in Neuseeland setzt diesen Wunsch in die Tat um.

    Foto (CC BY-NC-ND 4.0): Seed

    Leben in Plastik

    Über 200 Millionen Tonnen Plastik werden weltweit jährlich hergestellt, davon wandert die Hälfte fast direkt auf den Müll. Dafür, dass dieser zumindest nicht in der Natur landet, sorgt kreatives Upcycling: In Australien, den USA und Ägypten räumen engagierte Menschen der Wegwerfgesellschaft hinterher und verwandeln ihren Abfall in Skulpturen, Skateboards und designtes Mobiliar. Rückgängig gemacht wird die Plastikproduktion so natürlich nicht, die Gebrauchsdauer unterschiedlicher Plastikartikel (für Tüten skandalöse 25 Minuten) wird damit aber immerhin um ein Weites ausgeweitet. Chapeau! an unsere Familie Zero-Waste aus Frankreich, die beweist, dass über 600 Kilogramm Plastikabfall pro Kopf und Jahr nicht sein müssen, indem sie ihre eigene Müllproduktion auf ein Hundertstel davon reduziert hat.

    Als Bildhauerei-Studentin konnte sich Alison McDonald Materialien wie Bronze oft nicht leisten. Dies inspirierte die australische Künstlerin dazu, aus der Wiederverwendung weggeworfener Gegenstände eine Karriere zu machen.
    Gegen die Verschmutzung der Meere und zur Unterstützung chilenischer Fischer fertigt das US-Start-Up Bureo Skateboards aus alten Fangnetzen.
    Zwei junge Ägypterinnen verbinden Tradition und Moderne, um Plastiktüten kreativ neu zu verarbeiten.
    Schluss mit Mülleimern, die alle zwei Tage mit Abfall überquellen: Weniger als fünf Kilo Müll im Jahr zu produzieren, das ist möglich, sogar mit Kindern. Eine französische Familie schafft genau das seit einigen Jahren, ohne Frust und mit guter Ernährung.



      Foto (CC BY-NC-ND): Raewyn Murray

      UNS GEHÖRT DIE STADT

      Verdreckt, grau und luftverpestet? Anonym, teuer und chaotisch? Oder doch offen, bunt und lebenswert? Die Städte sind so, wie wir sie gestalten – das zeigen urbane Initiativen aus São Paulo, Kiew, Montreal und Christchurch. Ihnen allen geht es darum, Räume der Gemeinschaft und Kreativität, Nachhaltigkeit und Solidarität zu schaffen. Denn sie haben begriffen, dass der eigene Wohnraum mehr ist als Bett und Küche. Dadurch, dass Menschen selbst Verantwortung für den Ort übernehmen, an dem sie leben, werden vermüllte Plätze und verdreckte Ufer zu grünen Oasen inmitten des grauen Betons und verfallene Gassen und selbst Erdbebentrümmer zu Orten nachbarschaftlichen Austauschs.

      Durch das Engagement aktiver Bürger wird in der Westzone von São Paulo ein Platz wiederbelebt und eine kleine Oase mitten in der Stadt geschaffen.
      © Creative-Commons-Lizenz BY-NC-ND 3.0
      Die Bevölkerung von Kiew erobert den öffentlichen Raum zurück. Die Uferpromenade des ehemals stark verschmutzten Flüsschens Lybid füllt sich dank einer Bürgerinitiative mit Leben.
      Montreal wird mit jedem Sommer etwas grüner. Bürgerinitiativen hauchen den stadttypischen Gassen Leben ein und tauschen Beton gegen Kletterpflanzen und Gemeinschaftsflächen.
      © Foto: Erica Austin (Lizenz: CC BY-NC-ND)
      Nach dem verheerenden Erdbeben in Christchurch hauchen diverse soziale und kreative Projekte dem von der Katastrophe gezeichneten Straßenbild wieder Leben ein.

        Foto (CC BY-SA): Masaya Tanaka

        GUTE JUGEND

        Dass Jugend gleichbedeutend mit Freiheit und Unbeschwertheit ist, gilt nicht immer und überall. Lebt die Familie in der falschen Stadt, dem falschen Bezirk, oder vielleicht überhaupt nicht mehr, kann die Jugend auch etwas sein, das man am liebsten schnell hinter sich bringen würde. Dagegen hilft das Gefühl, seine Umwelt selbst mitgestalten zu können. So bietet ein ägyptischer Radiomacher Jugendlichen eine Plattform, auf der sie berichten können, was sie bewegt – und das in der ihnen eigenen Sprache. In Marseille und Tel Aviv entwickeln Jugendliche auf eine ihnen jeweils eigene Art – ob im Rap oder auf der Bühne – neue Perspektiven. Und in der japanischen Stadt Chiba finden junge Menschen, die einen besonders schweren Start hatten, in einer betreuten Wohngemeinschaft eine neue Familie und neue Aufgaben. So werden Orientierungs- und Teilnahmslosigkeit durch Selbstbewusstsein und Eigenverantwortung aus dem Weg geräumt.

        In einem benachteiligten Viertel in der Nordstadt von Marseille hat die Zeitschrift Reporterre Umweltbewusstsein und Alltagsprobleme zusammengebracht. Eine Brücke zwischen beiden spannt der Rap.
        Mit Alltagssprache und einem breiten Themenspektrum erreicht Radio Antika junge Hörer. Sie setzen sich manchmal auch selbst hinter das Moderatorenmikrophon. - Eine Reportage zweier Schüler aus dem Jugendmedienprojekt Bashkatib.
        Ali Kawakita nimmt junge Menschen auf, die als Kinder von ihren Eltern misshandelt wurden. Mit schweißtreibender Feldarbeit oder beim handwerklichen Arbeiten hilft sein Projekt NOCA?! ihnen, ihren Weg zur Selbständigkeit zu finden.
        In einem Viertel Tel Avivs, das als sozialer Brennpunkt gilt, führen Jugendliche in einem Schauspiel-Studio Stücke auf. Davon profitieren auch ihre Eltern und die erwachsenen Studierenden des Studios.