Future Perfect

Es ist alle Tage Samstag!

Christopher Lewis, Gründer und Inhaber von Samstag Rad. Foto (CC BY-NC-ND 3.0 DE) Michael Schrenk/FUTURZWEI

Es ist alle Tage Samstag!

Jedes Fahrrad ein Kunststück: Aus alten Klassikern, die ihr erstes Leben bereits hinter sich haben, baut Christopher Lewis elegante Fahrradunikate. Auf zur Bolidenjagd!

Vielleicht ist es ein Samstag, an dem Marcel Duchamp nach München reist, im Jahr 1912. Er logiert in der Barerstraße, bleibt drei Monate. Später notiert er: „Der Aufenthalt in München war der Ort meiner völligen Befreiung.“ Duchamp macht das Malen keinen Spaß mehr, vom Terpentin-Geruch wird er „besoffen“, er will irgendetwas anderes tun. Er findet das Laufrad eines Fahrrads, nimmt es mit in seine Wohnung, montiert es auf einen Hocker und signiert es. Heute wissen wir: Diese Episode markiert den Beginn einer neuen Kunstgattung, des Readymades. Kunst, so Duchamps praktische Behauptung, ist schon da. Ein Künstler muss sie nicht schaffen; es genügt, sie zu zeigen.

Exakt 100 Jahre nach Duchamps Aufenthalt in der bayerischen Landeshauptstadt legt auch der Künstler Christopher Lewis seine Pinsel zur Seite. Während eines Landausflugs entdeckt er auf einem frisch gepflügten Acker ein in der Frühlingssonne blinkendes Objekt. Es handelt sich, man ahnt es bereits, um ein Fahrrad. Und zwar um eines aus den 1950er-Jahren: um einen Klassiker der Marke Peugeot. Genau so ein Rad wie es sein Vater fuhr, damals, und das er als Kind stets bewundert hatte.

Viel war vom einstigen Glanz des Rades nicht mehr übriggeblieben: der schwarz lackierte Rahmen verbogen, die ausladenden Schutzbleche lädiert und stellenweise rostig, der lederne Dunlop-Sattel zerfleddert. Aber schieben ließ sich das Gefährt noch. Also schob Lewis los, schob bis nach München-Haidhausen, in sein Atelier. Mit dem Werkzeug eines Restaurators – also mit Lupenbrille, Röntgenpistole, Skalpell und Wattestäbchen – legte Lewis die einzelnen Teile des Fahrrads frei und beseitigte selbst mikroskopisch kleine Schäden. Das Unglück des Rades wurde seine persönliche Herausforderung: Er wollte es retten. Und „weil Samstag der Tag Eins dieser Geschichte war, heißen meine Räder Samstag“, erinnert sich der Fahrrad-Nostalgiker.

Verwandlungen

Seit diesem Samstag fährt Christopher Lewis Fahrrad im alten Stil, und seit diesem ersten Meisterstück hat sich sein Blick verändert. Plötzlich entdeckte er verlassene, herrenlose Fahrräder an allen möglichen Stellen der Stadt: an S- und U-Bahnhöfen, an Laternen, vor Biergärten. Er sammelte sie ein und nahm sie bei sich auf. Auch Freunde hatten Fahrrad-Leichen im Keller, die sie nun an Lewis loswerden konnten. Peu à peu verwandelte sich der freischaffende Maler in einen freischaffenden Fahrradbauer.

Lewis’ Atelier, damals nicht mehr als 50 Quadratmeter groß, erlebte ebenfalls eine Metamorphose. Für die Fahrrad-Preziosen wurde es in eine Schraubergarage der besonderen Art umfunktioniert. Und weil Christopher Lewis feinste Maßarbeit leistete, herrschte bei ihm konsequente Ordnung und Übersichtlichkeit wie in einem Antiquitäten-Depot: dort eine Parade Fahrradklingeln, da wie auf eine Perlenkette aufgefädelte Reifen und Mäntel, hier Schutzbleche in Reih und Glied. Die bemalten Leinwände blieben noch da, mussten aber der Fahrrad-Inszenierung Platz machen und standen mit dem Gesicht zur Wand. Die Kunst musste warten – Lewis hatte vorerst eine andere Mission zu erfüllen: „Nachdem ich für die Werbebranche gearbeitet und einen Dokumentarfilm über den Kunstmarkt gedreht habe, wollte ich etwas Sinnvolles und Zweckmäßiges tun, das jenseits von Verschwendung, Verlogenheit und Habgier steht“, sagt Lewis. Außerdem sind für ihn die Fahrrad-Oldtimer auch ein Stück Kultur, das an längst vergessene Zeiten erinnert.

Vergessen sind für Lewis nun allerdings die Zeiten im kleinen Hinterhof-Atelier. Seine Fahrradmanufaktur ist ins Impact HUB Munich gezogen. Dort ist mehr Platz für seine Fahrräder und Ersatzteile. Die Gemälde durften trotzdem nicht mit. Sie lagern nun in einem Keller. Ob der Maler jemals wieder zum Pinsel greifen wird, vermag er heute noch nicht zu sagen.

Das Schöne maximieren, nicht die Gewinne

Die Samstag-Readymades waren von Anfang an keine Schauobjekte, sondern einsatzbereite Montagen von Fahrzeugen: Aus den Teilen von meist drei alten setzt er ein Patchwork-Rad zusammen. Die eleganten Rahmen lässt Lewis in Jelly-Bean-Farben – mintgrün, himmelblau oder cremebeige – pulverbeschichten, für die Sattelbezüge beauftragt er einen Sattler. Die entstehenden Unikate sind in handwerklicher Manier aus Stücken der alten Marken Victoria, Peugeot oder Rabeneick zusammengefügt, die alle mindestens 40 Jahre alt sind. Fahrräder aus billiger Massenproduktion würden von Lewis keine Schönheitsoperation bekommen.

Samstag ist für den Münchner kein straightes Unternehmertum. Es fehlt der Businessplan, fremde Geldgeber lehnt er kategorisch ab. Der Samstag ist schließlich ein freier Tag. Und so darf sich auch Samstag ganz ungebunden entfalten – ohne Wachstumszwang, Expansionsstrategien oder Gewinnmaximierung. „Samstag muss nicht profitabel sein, aber wenn es mich ernähren könnte, wäre das toll“, sagt Lewis trotz des ständigen Kampfs um die Existenzsicherung ziemlich entspannt. Zwei verkaufte Samstag Räder im Monat würden genügen. Nachhaltigkeit lebt der Fahrrad-Radikale nicht nur in Sachen Mobilität.

Er ist bekennender Minimalist, weil er sich „den Blick auf die schönen Dinge nicht mit irgendwelchem Kram vollstellen will.“ Seinen privaten Besitz hat er auf eine Tasche reduziert: „So kann ich selbst mobil bleiben, mein Hab und Gut passt ja auf jeden Fahrradgepäckträger.“ Überhaupt sieht er sein Samstag-Rad- und Lebenskonzept als übertragbar und beweglich, „denn ich könnte auch in London Fahrräder vor Ort aufsammeln und restaurieren.“ Sowieso sei ja München als Technologie- und Industriestandort kein besonders gutes Pflaster für reduktive Ideen. An den gutbetuchten Leuten in ihren SUV saust Lewis daher besonders gern provokativ vorbei, wenn die mal wieder im Münchner Dauerstau stehenbleiben und er auf einem seiner sechs persönlichen Samstag-Stadträder unterwegs ist. Ein siebtes hat er für die Berge, die liebt Christopher Lewis fast genauso wie seine Eigenständigkeit.

Persönlich und außergewöhnlich

Am liebsten kümmert er sich jedoch ungestört um seine Fahrrad-Raritäten. Die Stunden, Tage, Wochen vergehen völlig unbemerkt, wenn er sich in die Handarbeit vertieft. Feste Öffnungszeiten für Kunden nennt er nicht; wer ein Samstag Rad erwerben möchte, muss direkten Kontakt zum Meister suchen. Auch im Internet mag der nämlich seine Fahrrad-Schönheiten nicht feilbieten – ohne persönliche Beratung rollt kein Samstag Rad.

Einige von Christopher Lewis’ mittlerweile über 80 Rädern – darunter ein Piercing-Rad für Körperschmuck-Fetischisten – sind so außergewöhnlich gestaltet, dass der Anspruch wieder in Richtung Kunstmuseum zeigt. Zwar noch nicht in einen Kunst-, aber immerhin in einen Konsumtempel, das traditionsreiche Kaufhaus Ludwig Beck, haben sie es schon geschafft. Im März 2014 durfte Lewis seine Räder für ein paar Wochen in dessen großen Schaufenstern ausstellen – mehr als Kunstaktion denn als Dauer-Kassenschlager. Der Künstler selbst schlenderte an den großen Scheiben vorbei, schaute glücklich auf seine Kollektion und genoss deren Schönheit und Eleganz. Vielleicht dachte er dabei auch an Marcel Duchamp.

    Zur Geschichte

    Juli 2014
    Material
    Deutschland, München

    Samstag Rad

    Autorin

    Dana Giesecke
    ist Wissenschaftliche Leiterin von FUTURZWEI. Vorher leitete sie die Geschäftsstelle der Deutschen Gesellschaft für Soziologie.

    Partner

    FUTURZWEI

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