Future Perfect

Weit mehr als Gemüse

Jardin Cocagne. Foto (CC BY-SA): PHOTO CLUB de St Hilarion

Weit mehr als Gemüse

In den Gärten Jardins de Cocagne finden Arbeits- und Wohnungslose Selbstvertrauen und Hilfe bei der beruflichen Orientierung.

Wie können sich Menschen in schwierigen Lagen ein möglichst eigenständiges Leben aufbauen? Die Antwort ist vielleicht bei Jardins de Cocagne zu finden: indem sie Gemüse anbauen. 1991 von Jean-Guy Henckel initiiert und heute in mehreren Regionen Frankreichs verwurzelt, nehmen diese Gärten, die übersetzt „die Gärten des Schlaraffenlandes“ hießen, Männer und Frauen in prekären Lebenssituationen auf, etwa Sozialhilfe-Empfänger, Langzeitarbeitslose oder Menschen ohne festen Wohnort. Angestellt mittels eines staatlich subventionierten Arbeitsvertrages, bauen sie Bio-Gemüse und -Obst an, das dann in Körben an Abonnenten verkauft wird. Die Gärtner arbeiten maximal zwei Jahre lang je 24 Stunden in der Woche; sie werden auf Mindestlohnbasis bezahlt und von professionellen Gemüsebauern und Sozialarbeiterinnen begleitet.

„Ziel ist es nicht, Ausbeutungsverhältnisse herzustellen, die allein dem kommerziellen Zweck dienen", erklärt Jean-Guy Henckel. „Wir sind Spannungsmanager, denn wir bringen drei verfeindete Schwestern zusammen: Soziales, Wirtschaft und Ökologie. Die Jardins de Cocagne müssen rentabel sein, ohne deshalb Menschen in existentiellen Notlagen außer Acht zu lassen und den Planeten zu schädigen.“

Vernetzen und erweitern

Um seine Tätigkeit zu sichern, schafft das Netzwerk Cocagne derzeit einen Geber-Fonds, bestehend aus (steuerbegünstigten) Spenden aus der Zivilgesellschaft, aber auch von Unternehmen und öffentlichen Institutionen. Nach dem Konzept von der Erde in den Korb entsteht nun jenes vom Korb auf den Teller, und zwar mit der Eröffnung der Restaurantkette Planète Sésame. Die Filialen werden mit den Erzeugnissen der Gärten versorgt und von Menschen in Eingliederungsmaßnahmen geleitet. Daneben entwickeln sich weitere Projekte, wie die auf Blumenproduktion spezialisierten Gärten Fleurs de Cocagne. Nicht zu vergessen die nächste Niederlassung von Cocagne im „Europäischen Silicon Valley“ auf der Hochebene von Saclay, mit Nachbarn wie Centrale, dem staatlichen Forschungszentrum zu Energiefragen Commissariat à l’énergie atomique et aux énergies alternatives (CEA), AgroParisTech, Polytechnique, der renommierten Hochschule für Kommerz (HEC) und vielen mehr: ein ambitioniertes Projekt mit einem Bauernhof, einem Restaurant, einer Pension und natürlich einem 18 Hektar großen Garten für biologischen Gemüseanbau.

Auch in der Umgebung eines alten Steingemäuers aus dem 17. Jahrhundert werden 18 Menschen in beruflicher und sozialer Eingliederung beschäftigt. Im idyllischen Rahmen des Landsitzes von Buloyer wurde im März 2010 ein Garten der Cocagne eingerichtet. Hier gibt es einen Teich, umgeben von Bäumen, vier Hektar guter Bio-Erde und acht Gewächshäusern. Am Feldrand befinden sich einige Dutzend Bienenstöcke, die von zwei Imkern unterhalten werden, sowie ein pädagogischer Gemeinschaftsgarten. 65 Familien nehmen an den Workshops zu Bio-Ernährung, zum Wald als Nahrungsquelle, zu Wildpflanzen usw. teil. Angeleitet werden sie von Leigh, einer Ehrenamtlichen. „Dieser Garten ist ein gutes Mittel, um Cocagne bekannt zu machen“, erklärt sie, „durch ihn werden die Leute für ökologische Fragen sensibilisiert, und er bringt Gärtner, Bewohnerinnen und Abonnenten miteinander in Kontakt.“

Wieder auf die Beine helfen

Die Wiedereingliederungsquote von Gemüsebäuerinnen und -bauern der Cocagne ist ermutigend und wächst jedes Jahr. Ungefähr 30 Prozent finden im Anschluss an ihre Erfahrung eine Erwerbsarbeit, 10 Prozent nehmen an einer Fortbildung teil, 8 Prozent setzen die Wiedereingliederungsmaßnahmen fort. Darüber hinaus müssen auch die indirekten Gewinne dieser zwei Jahre im Garten verbucht werden: 38 Prozent der Beschäftigten gelingt es tatsächlich, ihre Wohnungsprobleme oder Überschuldung in den Griff zu bekommen. Damit übernimmt die Cocagne eine soziale Aufgabe, die unter anderem öffentliche Ausgaben vermeidet. „Die Begleitung ist genauso wichtig wie die berufliche Eingliederung“, unterstreicht Jean-Guy Henckel. „Sie erlaubt diesen Frauen und Männern, physisch und psychisch wieder auf die Beine zu kommen, denn um seinen Platz in der Gesellschaft zu finden, braucht es ein Minimum an Selbstvertrauen. Mehr noch als die Zahlen, sollten die Geschichten der Menschen erzählt werden.“

Virginie Mabille, Beraterin für Eingliederungsprozesse, erklärt: „Unser Ziel ist es, mit den Männern und Frauen ein berufliches Projekt auszuarbeiten. Gleichsam geht es darum, ihnen wieder beizubringen, morgens aufzustehen, pünktlich zu sein, die betriebsinternen Regeln zu respektieren, sie wieder zu motivieren, damit sie aus diesem Jahr mit einem konkreten Ausbildungsprojekt oder der Suche nach Arbeit rausgehen.“ Der Gemüseanbau ist somit nicht Ziel an sich; nur einige machen daraus ihren künftigen Beruf.

Mohamed schätzt die Atmosphäre in diesem Garten, wo er vor sechs Monaten angefangen hat. „Ich war Tischler, aber mir wurde aus wirtschaftlichen Gründen gekündigt, seit Jahren hangle ich mich von einem Job zum nächsten... Ich habe alle Berufe ausgeübt!“ Jetzt mit 39 Jahren möchte er nicht Gemüsebauer werden, sondern Rettungssanitäter. „Das ganze Team hat mir geholfen, mein Projekt zu definieren, ein Praktikum zu finden und mein Diplom als Rettungsassistent zu erhalten. Ich wurde auch psychologisch unterstützt, weil es in meinem Leben viele schwierige Phasen gab.“

Die psychologische Unterstützung ist tatsächlich maßgeblich im Bemühen, diesen Schiffbrüchigen die Lebenslust wieder zurückzugeben. „Die Begleitung wird von Psychologen gewährleistet und von Suchtzentren, wir haben außerdem vor, Soziotherapeuten miteinzubeziehen“, bekräftigt Virginie Mabille. Aber andere Jobbremsen müssen ausgehebelt werden: Einige Leute sind Analphabeten, 90 Prozent können nicht mit einem Computer umgehen und sind nicht in der Lage, einen Lebenslauf zu verfassen, die meisten haben keine Fahrerlaubnis. Jedoch stellen gesundheitliche und Wohnungsprobleme die größten Hindernisse dar. Zahlreich sind diejenigen, die in Wohnheimen leben oder keinen festen Wohnsitz mehr haben. Eine umfassende Begleitung ist daher unerlässlich, damit diese Frauen und Männer wieder Subjekte ihres Lebens werden.

Es ist 16 Uhr, Zeit für die Verteilung der Gemüsekörbe. Zucchini, Fenchel, Petersilie, Erdbeeren und Tomaten stellen ihre sommerlichen Farben zur Schau. Gärtner und Abonnentinnen plaudern, tauschen die letzten Neuigkeiten aus, und für einen Moment vergisst jeder seine Probleme. Hier besteht kein Zweifel: In einem Cocagne-Garten geht es um weit mehr als nur Gemüse.

    Zur Geschichte

    Oktober 2013
    Land & Stadtnatur
    Frankreich, diverse Orte

    Jardins de Cocagne

    Autorin

    Frédérique Basset
    studierte Journalismus am CFJ Paris. Sie schreibt über Umwelt, nachhaltige Entwicklung und Ökotourismus.

    Übersetzerin

    Ines Grau

    Partner

    Kaizen Magazine

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