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Auf dem Weg zur Verwurzelung

Die Präsidentin Colette Lepage (in rotem Pullover) von drei Roma Frauen umgeben. Foto (CC BY-SA): Ecodrom.

Auf dem Weg zur Verwurzelung

Ecodrom93 hilft Roma-Familien in der Pariser Banlieue, sich ein Zuhause zu schaffen, samt selbst angebautem Gemüse und Nachbarschaftskontakten.

Alles beginnt an einem Nachmittag 2009: Colette Lepage, die sich schon seit Jahren für Migrantinnen engagiert, beobachtet von zu Hause aus, wie unweit von ihrem Wohnblock im Osten von Paris Roma-Familien auf der Böschung der Autobahn A186 Quartier beziehen. Die etwa 60-jährige Violinistin geht hin und spricht mit den Leuten, wobei ihre Rumänisch- und Romanes-Kenntnisse nützlich sind. Schon lange hat sie sich der Idee verschrieben, dort, wo sie lebt, neue kreative Praxen auszuprobieren, für einen verantwortungsvolleren Umgang mit der Natur und anderen Menschen. Und so ist sie heute, nach der Begegnung an der Autobahn, Präsidentin des von ihr 2010 gegründeten Vereins Ecodrom93. Eco steht für Ökologie und solidarisches Wirtschaften; Drom (Griechisch und Romanes) bedeutet Weg, die 93 steht für die Nummer des Departements Seine-Saint-Denis. Denn die Heimat des Vereins ist das im 93. gelegene Montreuil, ein Pariser Vorort, in dem mehr als 100.000 Menschen leben.

Ecodrom93 begleitet derzeit zehn Roma-Familien, die alle aus der westrumänischen Provinz Arad stammen, einer von Landwirtschaft geprägten Region. Dem Verein ist daran gelegen, dass die Familien auch in der Île-de-France ihr gärtnerisches Know-how anwenden können, um Gemüse für den Eigengebrauch zu kultivieren – ohne künstlichen Dünger und Pestizide übrigens. Die Stadt Montreuil willigt ein, das Projekt zu unterstützen. Und Ecodrom, dessen Verwaltungsrat auch einige Roma angehören, kann einen prekären Mietvertrag für die landwirtschaftliche Nutzung zweier Brachen in städtischer Hand abschließen: für den letzten Bauernhof von Montreuil, Moultoux, der seitdem von zwei Roma-Familien wieder zum Leben erweckt wird, und für eine Fläche in der Rue de Rosny, in direkter Nähe zur A186. Einige Familien können so aus dem Teufelskreis immer wieder drohender Abschiebungen aussteigen und sich an einem festen Ort im buchstäblichen Sinne verwurzeln. Darüber hinaus fügt sich diese lokale Gemüseproduktion wie selbstverständlich in eine auch lokale Tradition von Gemeinschaftsgärten ein, die hier trotz der aggressiven Immobilienspekulation, die den Pariser Raum beherrscht, noch Bestand hat.

Den Alltag zimmern und teilen

Vor Jahrhunderten zog die Stadt Montreuil Obstbauern aus der Provinz an, die ihre in den europäischen Königshäusern sehr geschätzten Pfirsiche an Steinmauern anbauten. Noch heute sind einige dieser murs à pêches in Montreuil zu finden, so auch auf der Fläche in der Rue de Rosny. In der Siedlung leben sechs Familien mit zahlreichen Haustieren in selbst gezimmerten Baracken. Die Baumaterialien stammen von städtischen Müllhalden oder wurden über Spenden zusammengetragen. Aus alt wird neu: Eine ausrangierte Holzplatte ist nun Regalablage im einzigen Allzweckzimmer einer mehrköpfigen Familie. Es gibt noch viel zu tun. Die ersten Jahre gab es kein Fließendwasser. Seit neuestem sind Müllcontainer vorhanden, Toiletten sollen kommen.

Ein Haus birgt eine ganz besondere Attraktion: das Hotel Gelem. Mit einigen Roma-Familien haben zwei Schweizer Künstler ein Hotel eingerichtet, das die gängigen Formen von kontaktarmem Fernreisen-Tourismus auf den Kopf stellt. Stattdessen lädt das Hotel Gelem dazu ein, den Alltag mit Menschen in bitterer Armut zu teilen, mitten in Europa. In der Rue de Rosny sind es die in der Öffentlichkeit oft pauschal als Nomaden oder gar Schmarotzer wahrgenommenen Roma-Familien, die Reisenden Quartier bieten. „Die Übernachtungsgäste haben sich das Hotel ganz bewusst ausgesucht, sie kommen aus allen möglichen Ländern“ berichtet Colette Lepage, „manche aus der französischen Provinz, oder sogar aus Montreuil.“


  • Das Oberhaupt des Slums Ecodrom bewundert den Kohl, den seine Gruppe angebaut hat. Foto (CC): Ecodrom

  • Eingang Ecodrom Siedlung, 170 rue de Rosny. Foto (CC): Ecodrom

  • Eine Romni entfernt das Unkraut aus den gepflanzten Samen im Gewächshaus. Foto (CC): Ecodrom

  • Samenplantage der Roma auf dem Hof Moultoux. Foto (CC): Ecodrom

  • Samenplantage der Roma auf dem Hof Moultoux. Foto (CC): Ecodrom

  • Hotel Gelem, rue de Rosny. Foto (CC): Ecodrom

  • Das von den Roma angefertigte Gewächshaus (im ersten Jahr), 170 rue de Rosny. Foto (CC): Ecodrom

  • Die Roma beim Bewässern – Hof Moultoux. Foto (CC): Ecodrom

  • Bodenrodung vor der Bepflanzung durch einen Freiwilligen, Hof Moultoux. Foto (CC): Ecodrom

  • Zwei kleine Mädchen : Lydia und Maria, 170 rue de Rosny. Foto (CC): Ecodrom

  • Drei Roma Frauen. Foto (CC): Ecodrom

  • Das Slum, 170 rue de Rosny. Foto (CC): Ecodrom

  • Hof Moultoux : Die Präsidentin redet mit dem Roma Großvater Lalo bezüglich der Pflanzenkultur. Foto (CC): Ecodrom

  • Das bepflanzte Land auf dem Hof Moultoux. Foto (CC): Ecodrom

  • Das bepflanzte Land auf dem Hof Moultoux. Foto (CC): Ecodrom


Zugang und Gemeinschaft

Übrigens geht es dem Verein Ecodrom nicht nur um sicheren Wohn- und Lebensraum, um Kartoffeln, Karotten und Kohl, sondern auch um die Unterstützung bei administrativen Vorgängen, um Zugang zur Gesundheitsversorgung, um gemeinsame Feste oder um die Schulbildung der Jüngsten. Alle zwölf Kinder der unterstützten Familien gehen in die Schule, vom Kindergarten (école maternelle) bis zur Sekundarschule. Ecodrom organisiert darüber hinaus Ausflüge, Nachhilfe oder Kochtage im Sozialzentrum des Viertels, an denen Roma-Kinder mit ihren gleichaltrigen Nachbarn gemeinsam Speisen zubereiten – mit selbst angebauten Gemüse, versteht sich.

Zudem hat der Verein ein Patensystem initiiert, um die berufliche Eingliederung der Roma zu begleiten, wenn diese das wünschen. In einem Netzwerk mit anderen Vereinen wird versucht, den Arbeitssuchenden ohne Berufsausbildung erste Joberfahrungen zu ermöglichen. Im Rahmen des Kooperationsprojektes Vélodrom, einer Wortschöpfung aus dem französischen Wort für Fahrrad (vélo) und Ecodrom, begleitet Rémy, Aktivist des Fahrradvereins Vivre à Vélo en Ville, als Pate einen 20-Jährigen, dessen Name hier nicht genannt werden soll. Der Älteste von insgesamt fünf Geschwistern konnte zuvor bereits Erfahrungen mit der Reparatur von Fahrrädern sammeln. Das Patenangebot ermöglicht es ihm und anderen Jugendlichen aus der Siedlung, ihr technisches Know-How zu vertiefen und so manchem Montreuillois das Rad wieder fahrtüchtig zu machen.

Fantasie für einen gemeinsamen Nenner

Heute steht Rémy in der Wohnstube der siebenköpfigen Familie seines Patenkindes und ruft bei Pôle Emploi an, der amtlichen Arbeitslosenvermittlung. Mit Aufhebung der Arbeitsbeschränkungen seit Januar ist der Erstgeborene dort als arbeitssuchend gemeldet. Die Geschwister plaudern in sattelfestem Französisch mit Architekturstudierenden einer Pariser Hochschule. Diese sind heute zum zweiten Mal in der Siedlung, weil sie gemeinsam mit den Familien die Unterkünfte ausbessern wollen, ein von der Hochschule und der Stiftung Abbé Pierre getragenes Projekt. Geplant ist außerdem eine dreimonatige Ideenwerkstatt mit einem südafrikanischen Architekten. Für all diese Vorhaben muss heute noch einmal vermessen und gezeichnet werden. Für die Kinder ist das eine willkommene Abwechslung, der Siedlungsvorsteher erlebt den fremden Besuch jedoch eher als Störung. Auch das ist Ecodrom-Alltag: Alle Beteiligten, ob Ehrenamtliche oder Roma-Familien, sind ständig darauf angewiesen, die zum Teil komplett unterschiedlichen Sozialisationserfahrungen und kulturellen Bezugsgrößen auf einen gemeinsamen Nenner und Weg zu bringen.

Am nächsten Tag übrigens wird Rémy mit einer Frau aus der Siedlung die Kinder zu den Workshops für das kommende Recycling-Festival FestiRécup’ begleiten, das mit Erfindergeist der Wegwerfgesellschaft einen Denkzettel verpassen möchte: Kleine und große Bastler und Tüftlerinnen bauen Fantasie-Buden, Pedal-Maschinen und Traumspielzeuge aus dem reichen Fundus der vermeintlich obsoleten Objekte der Wachstumswirtschaft. Die Kinder aus der Siedlung werden sich dort sicher heimisch fühlen. Nur Erwachsene zahlen Eintritt: eine Wäscheklammer und viel Fantasie.

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Zur Geschichte

März 2014
  Gemeinschaft
Frankreich, Montreuil

Ecodrom93

Autorin

Ines Grau
ist Sozialwissenschaftlerin und war langjährig für die Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in Paris tätig. Heute arbeitet sie am Karlsruher Institut für Technologie sowie in der außerschulischen internationalen Bildungsarbeit.

Übersetzerin

Ines Grau

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