Future Perfect

Neues Leben für alte Gegenstände

La Collecterie. Foto (CC BY-SA): Florence Vallot

Neues Leben für alte Gegenstände

Die Collecterie in Montreuil kämpft gegen Verschwendung, indem sie Abfälle recycelt. Und schafft dabei noch Arbeitsplätze.

„Hier nimmt man sich zerbrochener, im Stich gelassener und ausgemusterter Gegenstände an. Das tun gebrochene, verlassene, herabgestufte Menschen. Mit den Gegenständen als Vermittlungsinstanz geben wir unserem urbanen Raum menschlichen Elan zurück.“ Léon Wisznia bringt die Dinge auf den Punkt. Der Präsident von La Collecterie ist nicht nur wortgewandt, sondern voller Energie. Seine ergrauten Haare zeugen vom langen Engagement im Vereinsbereich. Der Wirtschaftsprofessor und Alt-68er träumte seit vielen Jahren von einem solchen Projekt für die Stadt Montreuil, in der er seit über 15 Jahren lebt.

Es hat fast zwei Jahre gedauert, um das Vorhaben auf die Beine zu stellen. Ein passender Ort und finanzielle Unterstützung mussten gefunden werden, von Institutionen wie der Kommune, dem Conseil Général des Departements oder der Syctom, der Gewerkschaft für die Verarbeitung von Haushaltsabfällen in Île-de-France.

Fachkompetenz und Einfallsreichtum

Alles begann bei einem Treffen von Séverine und Guiseppe. Letzterer, der auch der „Tischler-Tänzer“ genannt wird, erzählt: „Wir hatten die Nase voll, isoliert zu arbeiten, jeder für sich. Ich war Tischler, sie Tapeziererin. Oft begegneten wir uns auf Trödelmärkten, und kamen darauf, dass wir unsere Fachkompetenzen mit unserem Einfallsreichtum verbinden und so eine Struktur rund um Wiederverwendung aufbauen könnten.“ Lehrer, Erzieher und andere Motivierte stießen dazu und im März 2012 nimmt die Idee Gestalt an: das Kollektiv der Collecterie ist geboren.

Zu Beginn bietet ein Raum von 50 Quadratmetern behelfsmäßig Quartier, aber sperrige Gegenstände stapeln sich, und das Team macht sich auf die Suche nach einem größeren Gebäude, um die ersten Sammelstücke zu lagern. Schließlich entscheidet sich die Gruppe für eine Lagerhalle von 410 Quadratmetern, die über die Straße Saint-Antoine zugänglich ist, eine kleine florierende und ruhige Straße in Haut-Montreuil. Am 6. Juni 2013 wird La Collecterie eröffnet. Auf dem Präsentationsflyer steht: „Die Collecterie sammelt, sortiert und verändert.“ Es ist soweit, der Pariser Osten hat seine Ressourcerie.

Neue Strukturen des Wirtschaftens

Das innere Stadtgebiet von Paris verfügt bereits über acht. Die Ressourcerien haben sich als neue Strukturen sozialen Wirtschaftens in den letzten Jahren schnell entwickelt.

Aber was genau ist eine Ressourcerie? Ein Ort, an dem „Objekte gesammelt werden, die Sie loswerden möchten, zur Reparatur und zum gemeinnützigen Weiterverkauf“, erklärt das Netzwerk der Ressourcerien. Hinter diesem Ansatz steht die Idee der Reduktion, der Wiederverwendung und des Recyclings von Abfällen. Die Ressourcerien wenden das Prinzip der Kreislauf-Ökonomie an, indem sie Güter in einen fließenden Produktions- und Konsum-Zyklus wieder eingliedern.

Wenn man in der Collecterie in den Lagerschuppen eintritt, fühlt man sich wie in der Höhle des Ali Baba. Hier jedoch ist nichts gestohlen, alles ist wiederverwendet: „Objekte, die dazu bestimmt waren, im Müll zu landen, entreißen wir dem sicheren Verschwinden.“, erklärt Léon. Man findet einfach alles: Möbel, Textilien, elektronische Haushaltsgeräte, Bücher, Computermaterial und mehr.

Die Flut an Objekten und Gegenständen konnte noch nicht sortiert werden. Aber gewogen wurde bereits. Am Jahresende konnten so ungefähr 25 Tonnen Müll gesammelt werden, nach knapp sechs Monaten Geschäftsaktivität. Das ist nicht wirklich rentabel. Zum jetzigen Stand bringt der Verkauf der Gegenstände nicht mehr als 3.000 bis 4.000 Euro monatlich ein. Aber Rentabilität ist nicht das vorrangige Ziel.

Wie wird der Preis der Gegenstände festgelegt? „Das ist die ewige Frage“, schnauft Giuseppe. Ein großer aus Holz gefertigter Barhocker thront am Eingang. Daneben führt eine Beschriftung im Detail aus, welche Materialien für die Anfertigung verwendet wurden sowie die dafür benötigte Arbeitszeit – ungefähr 20 Stunden. Am Ende des Textes eine Frage: „Wie viel kostet Ihrer Meinung nach dieser Gegenstand?“ Jeder ist eingeladen, auf einem Stück Papier eine Schätzung abzugeben. Dann wird möglicherweise der Durchschnitt der abgegebenen Meinungen den Verkaufspreis festlegen.

Stühle reparieren lernen

Stühle, daran mangelt es in der Collecterie nicht. Ein ganzes Wandstück hängt voller Stühle von unterschiedlicher Farbe, Größe und Form. „Der Stuhl ist ein bisschen unser Maskottchen“, erklärt Präsident Léon Wisznia. „Er ist einerseits der Gegenstand, der sich am meisten abnutzt und in dessen Angesicht man am hilflosesten ist, was die Reparatur angeht. Nur wenige Leute können ein Stuhlbein wieder anbringen.“

Darum ist eines der künftigen Projekte, Workshops ins Leben zu rufen, um Interessierten beizubringen, wie man Stühle repariert. Genau darin zeigt sich ein weiterer fundamentaler Wert der Ressourcerien: Pädagogik zur Veränderung. Für das Netzwerk der Ressourcerien stellt die Sensibilisierung einen starken Mehrwert dar: „Eine Ressourcerie sensibilisiert ihr Publikum für umweltbewusste Gesten der Abfallreduktion – Konsumverhalten, Instandhaltung von Gegenständen, Mehrfachverwendung von Produkten, Mülltrennung.“

Nach dem Vorbild der Ressourcerie Petite Rockette in Paris setzt sich die Collecterie dafür ein, mehr soziales Miteinander im Viertel zu schaffen. Das Kollektiv wartet auf eine Akkreditierung für Januar 2014, um Arbeitsverträge für berufliche Eingliederung anzubieten. „Sechs im Tischlersektor, sechs im Bereich Tapezierhandwerk“, freut sich Léon.

Reparieren zur Wiedereingliederung

Florence, die den Bereich der beruflichen Integration begleitet, erläutert das Vorhaben: „Für Menschen, die weit von der Arbeitswelt entfernt und marginalisiert sind und sich oft in prekären Lebenssituationen befinden, bietet die Ressourcerie eine sehr gute Unterstützung zur Wiedereingliederung. Neben den angebotenen handwerklichen Berufen gibt es viele weitere Bereiche für Lernerfahrungen: Mülltrennung, Verkauf, Warenanordnung, Raumausstattung, Design, und mehr. Das Interessante sind die breit gefächerten Einsatzmöglichkeiten.“

Wenn man Roland sieht, fast Vollzeitehrenamtlicher, der auf den Vorübergehenden einredet, um ihm das letzte wiederhergestellte Wunder zu verkaufen, dann denkt man sich, dass das Projekt funktioniert. Er hofft baldmöglichst auf eine Stelle im Rahmen einer Eingliederungsmaßnahme und überbrückt das Warten, indem er fast täglich in die Collecterie kommt. „Eigentlich muss er nur zwei Tage pro Woche hier sein“, sagt Florence lächelnd. Luc, der zu Beginn des Abenteuers hier seinen Freiwilligendienst (Service-Civique) begonnen hat, bestätigt die gute Atmosphäre. Für ihn, der ein Berufsabitur als Tischler absolviert hat, stellt die Collecterie ein Laboratorium für soziale Durchmischung dar: „Im Alltag treffen hier ganz unterschiedliche Menschen aufeinander, das ist genial. Auch wenn es nicht so erscheinen mag, aber solche Orte regen die Fantasie an!“

Als Ort des materiellen wie immateriellen Austauschs stellt die Collecterie unter Beweis, dass ein umweltbewusstes Projekt auch ein sozialer Inkubator sein kann. Bevor traditionellerweise zur Einweihung das Band durchschnitten wird – zum besonderen Anlass aus verschiedenen Krawatten angefertigt –, spricht Präsident Léon Wisznia bei seiner Eröffnungsrede von dieser „1.000 Jahre alten Tätigkeit, die darin besteht, aus Altem Neues herzustellen. Trotz all unserer Verdienste, vergleichbar mit denen vieler anderer, haben wir das Rad nicht neu erfunden“.

    Zur Geschichte

    November 2013
    Material
    Frankreich, Montreuil

    La Collecterie

    Autor

    Barnabé Binctin
    hat Journalismus in Paris studiert. Nach seinem Studium engagierte er sich für den Bürgerjournalismus. Heute arbeitet er für das Umweltmagazin Reporterre.

    Übersetzerin

    Ines Grau

    Partner

    Reporterre

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