Future Perfect

Wenn Fische Pflanzen gießen

Ammon Thomas' Samen keimen bald. Foto (CC): Sarah Jacobson

Wenn Fische Pflanzen gießen

In Reading, der zweitärmsten Stadt der USA, propagiert und praktiziert die Bürgerinitiative Permacultivate den lokalen Lebensmittelanbau.

Sobald man das Gewächshaus von 230 Quadratmetern betritt, bemerkt man auf der linken Seite die voluminösen, 1.000 Liter fassenden Kunststoffbehälter. Beim Näherkommen sieht man Tilapia darin umherschwimmen und stellt fest, dass die Tanks als Teil eines geschlossenen Kreislaufs riesige Beete mit Basilikum, Salat, Tomaten und anderen Jungpflanzen mit Wasser fluten. Die Reading Roots Urban Farm (Stadtfarm für Saat und Jungpflanzen) liegt inmitten von Reading, Pennsylvania, der zweitärmsten Stadt der Vereinigten Staaten. Das Projekt wurde von einer kleinen Einwohnergruppe ins Leben gerufen, die damit eine Möglichkeit der nachhaltigen Entwicklung für den ehemaligen Industriestandort aufzeigen wollten.

„Vor fünf Jahren haben sich ein paar von uns überlegt, wie man Menschen zusammenbringt, denen Ernährung und Gemeinschaft am Herzen liegen. Von da an ging es immer weiter“, sagt Brian Twyman, Leiter des operativen Geschäfts und Mitbegründer von Permacultivate. Er nennt Neil Brantley als einen der wichtigsten Einflüsse auf diesem Weg. Brantley wollte die Versorgungssicherheit der Einwohner Readings verbessern. Die zwei Männer schlossen sich zu einem Guerilla-Gardening-Team zusammen. Auf Streifzügen durch die Stadt machten sie brachliegende Grundstücke wieder urbar und wandelten sie in offene Gemeinschaftsgärten und Grünflächen um. Dabei kümmerten sie sich anfangs nicht um Eigentumsverhältnisse, sondern wollten Tatsachen schaffen.

Durch die Einbeziehung von Nachbarn und Kindern in den gemeinschaftsbildenden Prozess wurden andere engagierte Stadtbewohner auf die beiden aufmerksam. Zu ihnen gehörte auch Alexis Campbell, eine bescheidene Frau in den Zwanzigern mit überzeugendem Weitblick. Sie verstand, dass die Menschen an eine alternative Zukunft Readings glauben müssen. Durch ihr Einfühlungsvermögen konnte Campbell Mitstreiter gewinnen, die zwei Kriterien erfüllten: Sie wussten, dass Reading mehr als trostlose Statistiken zu bieten hat, und sie wollten etwas für den Aufschwung ihrer Stadt tun. Eron Lloyd, Wirtschaftswissenschaftler mit einem Faible für Gemeinwesensentwicklung, stieß zu der Gruppe und ermutigte sie, sich zu einer offiziellen Organisation zu formieren.

Selbstermächtigung der Einwohner

Um ihre Unternehmungen zu kanalisieren, entstand so aus Brantleys anfänglichem Projekt Reading Embracing Nature in the Urban Environment (Reading fördert Natur im Stadtraum) die Organisation Permacultivate. Inspiriert von den Ideen und Werten der Permakultur zur Gestaltung sozialer Infrastrukturen organisierte das Team öffentliche Workshops zum Thema Ernährung und entwarf ein Modell zur urbanen Nahrungsgewinnung. „Die Permakultur fasst weltweit Fuß. Aber wir wollten die Ersten sein, die die Ethik der Permakultur auf eine einkommensschwache, dichtbesiedelte, städtische Umgebung übertragen. Durch Gemeinschaftsbildung wollen wir eine nachhaltige Stadtentwicklung erreichen und die Bewohner in die Lage versetzen, selbst Nahrungsmittel zu produzieren“, erzählt Lloyd.

Die Betreiber des Gewächshauses profitierten bald von ihren pädagogischen und konzeptuellen Fähigkeiten. Sie entwickelten ein Recycling- und Aufklärungsprogramm in einer örtlichen Schule, mit dessen Hilfe die Deponierung von Abfällen um fünf bis zehn Tonnen jährlich gesenkt werden konnte. In einer anderen Grundschule bauten sie eine Pflanzen-Kläranlage und entwickelten dazu einen Lehrplan für Nachbarschaftsgruppen, Mieter von Sozialwohnungen sowie die Grundschüler. Permacultivate setzte es sich zur Aufgabe, die Eigenproduktion von Nahrungsmitteln im urbanen Raum zu fördern und der nachfolgenden Generation beizubringen, selbst für das tägliche Brot zu sorgen.

Nachdem sie den Kampf gegen einen nicht ortsansässigen Grundeigentümer verloren hatten, der einen von Einwohnern errichteten internationalen Gemeinschaftsgarten bebauen wollte, wurde dem Permacultivate-Team bewusst, dass ein stabilerer Rahmen für die Umsetzung ihrer Vorhaben vonnöten ist. Als sie mit den Behörden über eine brachliegende Parzelle von fast einem Hektar zur Errichtung eines urbanen Bauernhofs verhandelten, stießen sie auf großen Widerstand. Einige Gegner hinterfragten die Notwendigkeit einer Stadtfarm angesichts der Landwirtschaft in der weiteren Umgebung. Andere äußerten Bedenken, dass die Kompostierung und Hühnerzucht im städtischen Raum unhygienisch sei.


  • Bryan Twyman und Zora Lloyd säen den städtischen Acker von Permacultivate. Foto (CC): Sarah Jacobson

  • Scott Case, ehrenamtlich dabei, wird geistreich angeleitet von Brian Twyman (nicht im Bild). Foto (CC): Sarah Jacobson

  • Ammon Thomas zeigt seine neu gepflanzten Samen. Foto (CC): Sarah Jacobson

  • Boah! Schau dir mal den Wurm an! Foto (CC): Sarah Jacobson


Die Ideen in die Tat umsetzen

Unbeirrt suchten die Aktivisten nach Alternativen. Inmitten eines Stadtparks wurden sie schließlich fündig und entdeckten ein Kleinod in Form eines alten Gewächshauses. Trotz einer Instandsetzung im Jahr 1994 wurde es kaum genutzt und diente hauptsächlich städtischen Baumpflegern als Lagerraum.

Das Team von Permacultivate erhielt ständig Zulauf von passionierten Gärtnern und Permakultur-Anhängern und hatte sich mittlerweile den Ruf der Durchsetzungsfähigkeit erworben. Nach kurzer Überzeugungsarbeit willigte die Stadtverwaltung ein, der Organisation ab 2011 das Gewächshaus befristet für eine Pachtsumme von einem Dollar zu überlassen. Nun konnte Permacultivate mit der Reading Roots Urban Farm das wichtigste Lehrprojekt umsetzen.

Die Mitglieder errichteten zwei schwerkraftbetriebene Aquaponik-Anlagen aus recyceltem Material, die eine Kieskultur und eine Deep-Flow-Kultur mit über 15.000 Litern Wasser fluten. Dieses System vereint die Vorzüge von Aquakultur und Hydroponik. Die Tilapia-Fische reichern das Wasser mit ihren Ausscheidungen an und liefern so Nährstoffe für die Beete, auf denen Basilikum, Koriander, Salat, Tomaten sowie andere Pflanzen und Kräuter gedeihen. Das Projekt demonstriert, wie eine lebendige Regionalwirtschaft aussehen kann.

Die Reading Roots Urban Farm verfolgte zwei Ziele. Zum einen wollte Permacultivate mit dem Gewächshaus eine Ausbildungsstätte schaffen, die Schüler und andere Einwohner über Ernährungssysteme, Anbautechniken und die Prinzipien der Permakultur aufklärt. Die Organisation lud Grundschul- und Gymnasialklassen ein und unterstützte freiwillige Helfer beim Erwerb einer grundlegenden Fähigkeit, die vielen Städtern abhandengekommen ist – der Anbau von Lebensmitteln.

Der Ripple-Effekt

Gleichzeitig wollten die Betreiber von Permacultivate die Regionalwirtschaft beeinflussen. Sie waren sich im Klaren darüber, dass zu einer belastbaren Wirtschaft auch eine Bevölkerung gehört, die sich selbst versorgen kann. Und so begannen sie, Kräuter und Salate zum Verkauf auf regionalen Bauernmärkten und an Restaurants der Umgebung zu züchten. Indem sie dazu beitrugen, dass Restaurants mehr Produkte aus der Region beziehen, sorgte die Gruppe für einen regionalwirtschaftlichen Multiplikatoreffekt und förderte damit die regionale Wertschöpfung. Nach dreijährigem Betrieb erzeugt das Gewächshaus nunmehr jährlich über 1.000 Kilogramm Nahrungsmittel für den regionalen Verbrauch.

Zudem änderte die Initiative auch allmählich die Einstellung der Einwohner Readings. Sie stellen urbanen Gartenbau nicht länger infrage, und die Anzahl von Gemeinschaftsgärten hat sich vervierfacht. Der Stadtrat von West Reading denkt über eine städtische Landwirtschaftsverordnung nach, die es den Einwohnern gestattet, Tiere wie Enten, Kaninchen oder Bienen zu züchten. Die Stadt hat ein kommerzielles Recyclingprogramm konzipiert, das mehr als 275 Tonnen Hausmüll im kommunalen Abfallaufkommen einsparen soll. Die Mitglieder von Permacultivate vermitteln weiterhin ihr Wissen von der Kompostierung bis zur Pilzzucht in einer Vielfalt von Seminaren. Jetzt interessiert sich die Gruppe für das Gelände um das Gewächshaus, auf dem eine Obstplantage entstehen soll. „Wir stehen erst am Anfang“, erläutert Twyman. „Es geht darum, eine Kultur zu verändern. Wir wissen, dass es Zeit erfordert. Und das hier ist nur ein kleiner, erster Schritt auf unserem Weg der Umgestaltung Readings!“

    Zur Geschichte

    August 2014
    Raum & Wohnen
    USA, Reading

    Permacultivate

    Autor

    Brian Kelly
    ist der Direktor von ReDesign Reading, einer Gemeinschafts-entwicklungsorganisation, die Verknüpfungen zwischen sozial-unternehmerischer Energie und ungenutzten Ressourcen der Gemeinschaft herstellt.

    Übersetzerin

    Christiane Wagler

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