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Das Glück auf der Wiese

Goethe-Institut Tunis© Goethe-Institut Tunis

Das Glück auf der Wiese

Im tunesischen Dorf Sidi Thabet nimmt ein Therapie-Bauernhof junge Behinderte aus sozial benachteiligten Familien auf. Die Jugendlichen bekommen dort die Chance auf eine Berufsausbildung. Und lernen nebenbei auch die Kunst des Pferdeflüsterns.

Ein Jugendlicher legt sich sanft auf den Rücken eines leicht trabenden Berberpferdes. Eine Zwergziege hüpft und meckert freudig unter der zärtlichen Berührung eines Mädchens. Ein Hamster schmiegt sich vertrauensvoll in die kleinen Hände eines Kindes. Wir befinden uns in Sidi Thabet, circa 30 Kilometer nordöstlich von Tunis. Hier werden auf Gaïa, einem 7 Hektar großen Therapie-Bauernhof, Jugendliche mit geistigen oder motorischen Behinderungen aus benachteiligten Familien der Region aufgenommen und ausgebildet. Besuchern wird zur Begrüßung köstliches Olivenöl aus eigener Produktion gereicht.

Intensive Betreuung und hochwertige Ausbildung

Derzeit leben 43 Kinder und Jugendliche auf dem Bauernhof. Sie kommen aus sozial benachteiligten Familien und haben zuvor nicht die Betreuung und Förderung erhalten, die sie benötigen. Viele von ihnen wurden bisher aus dem sozialen und kulturellen Leben ausgegrenzt. Auch eine spätere berufliche Integration ist oft nicht möglich, da die entsprechende Förderung fehlt. Auf Gaïa lernen sie, ihre Schwierigkeiten zu überwinden. Dabei werden sie von speziell ausgebildeten Pädagogen und Erziehern betreut. In einer ländlichen Region, umgeben von Feldern und Olivenbäumen, schöpfen sie neue Kraft und schaffen die Voraussetzungen für eine bessere berufliche und soziale Integration. Die Jugendlichen haben hier die Gelegenheit, eine qualitativ hochwertige Ausbildung unter Berücksichtigung ihrer individuellen Besonderheiten zu absolvieren.

Myriam Ben Brahim, ausgebildete Ökonomin und Koordinatorin des Projekts, zählt die Besonderheiten des Hauses auf: „Unsere Schüler lernen hier, wie man qualitativ hochwertige landwirtschaftliche Produkte erzeugt. Sie stellen hier etwa Kadid (getrocknetes Fleisch, Anm. d. Red.) her, außerdem gewürzte und subtil aromatisierte Öle, Blütenwässer aus Geranien oder Minze, 100 Prozent natürliche und aus frischen Früchten zubereitete Konfitüren“. Und weiter: „Kosten Sie dieses biologische Olivenöl, so etwas haben Sie noch nie probiert“. In der Käserei lernen die jungen Behinderten, wie mit Milch und Milchprodukten umzugehen ist. Die Blumenzucht und die Aufzucht von Kaninchen sind weitere Ausbildungsmöglichkeiten für die Kinder und Jugendlichen des Vereins. Vier ehemalige Schüler fanden direkt auf dem Bauernhof eine Anstellung. Das Geheimnis des Erfolgs liegt im Kontakt mit den Tieren.

 Tiere als Therapeuten

Im Unterschied zu den Menschen haben Tiere keinen mitleidigen Blick. Ein Tier macht keinen Unterschied. So entsteht schrittweise ein Vertrauensverhältnis, und das Kind lernt, Verantwortung zu übernehmen“, erklärt Sahla Siala, die Vizepräsidentin des Vereins. Dabei unterstreicht sie: „Eine Therapie, die Tiere als Vermittler einsetzt, hat eine beruhigende Wirkung auf die jungen Behinderten und fördert ihr körperliches und psychisches Potenzial“. Die Kinder werden mit Kleintieren wie Kaninchen und Hamstern in Kontakt gebracht. Unter der qualifizierten Betreuung eines Ausbildners lernen sie aber auch das Reiten und wie man mit Pferden kommuniziert. Die Hippotherapie, einer der Schwerpunkte von Gaïa, ist dabei besonders erfolgreich. Die Tiere sind die Therapeuten. Eine fröhliche Zwergziege ist der Star des Bauernhofs geworden. Dank ihrer Hilfe vergaß ein kleines behindertes Mädchen, dem die Ziege so ans Herz gewachsen war, dass sie ihr folgen wollte, ihre Behinderung und lernte wieder gehen: ein erstaunlicher Erfolg.


  • Leila Guesmi © Goethe-Institut Tunis

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  • Myria Ben Brahim © Goethe-Institut Tunis


Unterstützung von Künstlern

Die Geschichte von Gaïa, die heute an ein Märchen erinnert, begann mit vielen Hindernissen. „Anfänglich glaubte niemand an das Projekt. Wir hatten kein Budget und kein Bankkonto. Man hielt uns für naive Träumer“, erinnert sich Leila Gasmi, die Präsidentin des Vereins, der offiziell im September 2009 gegründet wurde, aber bereits seit 2006 besteht. Das Land wurde dem Verein vom Staat zur Verfügung gestellt. Eine Anschubförderung kam von einem örtlichen Finanzdienstleister. Der Bauernhof finanziert sich heute teilweise selbst durch den Verkauf der landwirtschaftlichen Produkte, die auf dem Hof produziert werden. Zudem wird er auch von Künstlern unterstützt, die Benefizveranstaltungen für den Hof organisieren, wie etwa „Solid’art“. Dabei stellen bekannte Künstler ihre Werke als Spende zur Verfügung. Die Erlöse aus dem Verkauf gehen an den Therapie-Bauernhof. Und schließlich, so erzählt Frau Gasmi stolz, seien „zum letzten Volksfest von Gaïa 7.000 Personen gekommen“. Es gibt also viel Hoffnung für die Zukunft.

Die größte Herausforderung liegt für das Team des Bauernhofs jedoch nicht in der Finanzierung, sondern in den Familien. Frau Siala bedauert, dass die Eltern sich der besonderen Ansprüche ihrer behinderten Kinder nicht immer bewusst sind. „Durch ihr manchmal verantwortungsloses Verhalten blockieren sie die Entwicklung ihrer Kinder“, stellt sie fest. Im Kontakt mit den Familien gibt es viele Schwierigkeiten, die dank der Zusammenarbeit mit den in der Region tätigen Sozialarbeitern und der Beharrlichkeit des eingeschworenen Teams Schritt für Schritt beigelegt werden. „Von dieser Gruppe geht so viel Energie aus“, erklärt Myriam Ben Brahim. Und wenn man das Lächeln auf den Gesichtern dieser Kinder sieht, dann gibt es keinen Zweifel mehr: In Sidi Thabet liegt das Glück auf der Wiese.

    Zur Geschichte

    März 2015
    Gemeinschaft
    Tunesien, Sidi Thabet

    Ferme Thérapeutique pour Handicapés

    Autor

    Oualid Chine
    ist Journalist und Diplom-Ingenieur im Bereich der Nachrichtentechnik.

    Übersetzerin

    Gudrun Meddeb

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