Future Perfect

Schule des Wandels

EMISEMIS-Schüler mit der
    deutschen Upcycling-Designerin Lisa Prantner © EMIS

Schule des Wandels

Jugendliche von verfeindeten Seiten des Nahen Ostens leben und lernen in Israel zusammen an der Eastern Mediterranean International School. „Gegenseitiges Verständnis“ lautet die erste Lektion bei der Vorbereitung auf das Leben in einer komplexen und vernetzten Welt.

Am Eingang zur Eastern Mediterranean International School, EMIS, werden Besucher von einem Flaggenspalier empfangen. Höchst selten sieht man die palästinensische Flagge in Israel stolz an einem Fahnenmast wehen, doch hier, wo die Flaggen die Herkunftsländer der Schüler repräsentieren, ist sie Seite an Seite mit der israelischen gehisst, aber auch mit den Fahnen Albaniens, Kanadas, Rumäniens und anderer Nationen.

Diese Schule unterscheidet sich in fast allen Aspekten von den anderen Einrichtungen des israelischen Bildungssystems. Wohl am augenfälligsten ist der internationale Charakter des Gymnasiums. Aber auch die entspannte Campus-Atmosphäre ist für Israel ungewöhnlich. Statt von einem Zaun ist die Schule von grünen Feldern umgeben. 67 Schülerinnen und Schüler aus 30 Ländern bereiten sich hier zusammen auf das internationale Abitur vor. Ein Fünftel sind Israelis. Sie leben und lernen in diesem israelischen Internat unter anderem gemeinsam mit Jugendlichen aus den Palästinensischen Autonomiegebieten und anderen arabischen Ländern.

Trotz seines ungewöhnlichen Ansatzes hat die Schule den Segen des israelischen Bildungsministeriums erhalten. Dabei herrscht in Israel sonst eine rigide Trennung der verschiedenen Ausbildungszweige. An anderen israelischen Schulen lernen säkulare Schüler getrennt von national-religiösen und jüdisch-orthodoxen Kindern, obwohl sie alle Hebräisch sprechen. Auch Arabisch sprechende Schülerinnen und Schüler lernen an eigenen Schulen, wobei hier wiederum zwischen muslimischen, christlichen, drusischen und beduinischen Jugendlichen unterschieden wird. Jede der Gruppen lernt nach einem spezifischen Lehrplan. EMIS ist somit eine von wenigen Inseln der Koexistenz in einem sonst streng getrennten Bildungssystem.

International, kritisch, vereint

In der Schule treffen wir Yuval, den Leiter des Programms „Entrepreneurial Leadership, Nachhaltigkeit, Frieden“, sowie Rachel, die Leiterin des Bereichs Entwicklung. „Unsere Schule ist die erste wirklich internationale Schule Israels“, hebt Yuval hervor. „Schüler und Lehrerinnen kommen aus allen Teilen der Welt, und unser Lehrplan ist international. Außerdem handelt es sich bei unseren Schülern nicht etwa um die Kinder von Diplomaten oder Geschäftsleuten. Unsere Schüler haben sich diese Schule zum Lernen ausgesucht.“ Finanziell werden alle Jugendlichen mit großzügigen Stipendien unterstützt, die in einigen Fällen sogar die gesamten Studiengebühren abdecken.

„Unsere Schüler stellen sich ihren eigenen Stundenplan zusammen“, erklärt Yuval. „Sie führen selbstständige Recherchen durch, wobei die gewählten Themenfelder aus ganz unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet werden, und haben sich anschließend einer kritischen Debatte zu stellen.“ Fächer wie Frieden und Nachhaltigkeit gehören ebenfalls zum Unterrichtsangebot. „Israelische Lehrkräfte unterrichten hier Seite an Seite mit Lehrerinnen aus den Philippinen, den USA und Beth Hanina“, ergänzt Yuval. Rachel unterstreicht: „Eines der zentralen Probleme Israels ist, dass wir einander nicht kennen. Bei uns wird Zusammenleben gelehrt.“

EMIS ist die Wirklichkeit gewordene Vision von Oded Rose: in Israel eine internationale Schule nach dem Modell der United World Colleges (UWC) aufzubauen. Als Schüler hatte Rose selbst in Nordamerika ein solches College besucht. Aus seinen eigenen Erfahrungen sprieß die Idee von EMIS. Später, als Alumnus einer amerikanischen Elite-Business-School und im Laufe seiner 30-jährigen Karriere als Hedgefond Financier und High-Tech Unternehmer, hat er an dieser Idee festgehalten, für sie geworben und sie schließlich im Schuljahr 2014/15 umgesetzt. Nun fungiert Rose als Geschäftsführer von EMIS.


  • © EMIS

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Verständnis für die andere Seite, veränderte Wahrnehmung

Beim Mittagessen treffen wir einige Schülerinnen. „Wir lernen etwas über den israelisch-palästinensischen Konflikt“, erzählt Maria aus Rumänien. „Wer hier nicht lebt und hier nicht aufgewachsen ist, könne den Konflikt nicht wirklich verstehen und solle sich mit einer Meinung zurückhalten, haben die israelischen Schüler anfangs immer wieder erklärt. Ich habe ihnen erklärt, dass sie mich mit dieser Antwort daran hindern, die verschiedenen Seiten wirklich zu verstehen. Mit der Zeit haben sie das verstanden und daraus gelernt.“

Maayan hat den Großteil ihrer schulischen Laufbahn an „regulären“ israelischen Schulen verbracht. „Israelische Schule legen großen Wert darauf, ihre Schüler auf den Wehrdienst vorzubereiten. Auch Holocaust-Studien nehmen einen beachtlichen Teil des Lehrplans ein“, erklärt sie. „Israelische Kinder gewöhnen sich an die ständig drohende Vernichtung. Ihnen wird vermittelt, keine andere Wahl zu haben, als ihr Land zu verteidigen. An dieser Schule habe Geschichte aus verschiedenen Perspektiven unterrichtet bekommen. Wir haben gelernt, dass es neben dem Holocaust auch andere Genozide gab wie den am armenischen Volk, und dass noch heute in unterschiedlichen Teilen der Welt Völkermorde verübt werden.“

Ausgerechnet gegen Ende der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Israel und der Hamas im Gazastreifen hat EMIS erstes Schuljahr begonnen. Der Krieg zeigte Nachwirkungen bei den israelischen und palästinensischen Schülern – die sich außerhalb der Schule höchstwahrscheinlich nie getroffen hätten. „,Warum werden ständig Raketen auf Israel abgefeuert?‘, habe ich meine palästinensischen Mitschülerinnen gefragt“, sagt Maayan. „,Selbst wenn wir den Israelis damit nur den Sommer verdorben haben, selbst wenn kein Israeli ums Leben gekommen wäre, hat es sich schon gelohnt‘, haben mir einige geantwortet. Das ist ihnen in ihren Schulen beigebracht worden. Ich glaube nicht, dass sie das wirklich denken.“ Sie fügt hinzu: „Genauso wie mir beigebracht wurde, mein Land zu verteidigen, selbst wenn andere Menschen darunter leiden oder gar getötet werden. An dieser Schule leben und lernen wir zusammen. Das verändert unsere Wahrnehmung.“

Neudefinition des Zwecks einer Bildungseinrichtung

„Ich will, dass die Leute Folgendes über unsere Schule verstehen“, schließt Pädagoge Yuval unser Gespräch ab. „Wir arbeiten hier an einer Neudefinition der Schule des 21. Jahrhunderts.“ Für ihn wäre es ein Zeichen von Erfolg, „wenn jemand den Campus betritt und sich wundert, weshalb niemand zuvor auf so eine Idee gekommen ist.“ Teil der EMIS-Philosophie ist auch, dass die Schüler die Gelegenheit erhalten, ein soziales Netzwerk aufzubauen und damit einen Beitrag zu allen Gemeinden und Gruppen zu leisten, die EMIS als neue und innovative soziale Plattform nutzen möchten. Nach ihrem Abschluss können die Schüler an einem freiwilligen einjährigen Überbrückungsprojekt teilnehmen. Die Schule selbst dient auch als Podium – Yuval beschreibt die Vision: „Das angrenzende Gebäude soll in ein Zentrum für Vermittlung und friedliche Konfliktlösung umgewandelt werden. Zukünftig wollen wir hier nationale und internationale Konferenzen abhalten – alles, was wir tun können, um die Philosophie dieser Schule zu tragen.“

All diese Unterfangen sind Ausdruck des Grundgedankens, dass Nachhaltigkeit, glokales Wirken, soziale Verantwortung, gesellschaftliches Engagement und andere im globalen Zeitalter so notwendige Kompetenzen engstens miteinander verbunden sind. Nun hat die Eastern Mediterranean International School gerade erst mit ihrer großen Mission begonnen: das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass alle Menschen dieser Welt Ressourcen ebenso miteinander teilen müssen wie die Herausforderung eines nachhaltigen Umgangs mit diesen Ressourcen. Auch Konflikte gilt es gemeinsam als Bürger einer globalen Welt zu lösen. Deshalb zielt die junge Schule darauf, einen gemeinschaftlichen Rahmen für die Menschen und Gemeinschaften im Nahen Osten zu schaffen, die einander bisher feindlich gegenüber stehen. Indem sie diese Konfliktlinien aktiv thematisiert, arbeitet sie an einer neuen Definition des Zwecks einer Bildungsrichtung. Yuval formuliert es so: „EMIS bereitet ihre Schüler auf die komplexe Welt vor, in der wir leben – eine Welt, in der alles miteinander verknüpft ist.“

    Zur Geschichte

    Juni 2015
    Gemeinschaft
    Israel, HaKfar HaYarok, Ramat Ha Sharon

    Eastern Mediterranean International School

    Autorin

    Yarden Skoop
    schreibt über Bildungsfragen für Haaretz und ist Mitgründerin der israelischen Journalistinnen-Vereinigung, die sich für eine bessere Präsenz vonFrauen in den Medien einsetzt.

    Übersetzerin

    Antje Eiger

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