Future Perfect

Den öffentlichen Raum besetzen und umarmen

Leonard CastroPraça da Nascente, São
Paulo
© Leonard Castro

Den öffentlichen Raum besetzen und umarmen

Durch das Engagement aktiver Bürger wird in der Westzone von São Paulo ein Platz wiederbelebt und eine kleine Oase mitten in der Stadt geschaffen.

Infolge der zunehmenden Immobilienspekulation, die die Geschichte der Stadtviertel stillschweigend tilgt und diese in ein steriles Meer von Hochhäusern verwandelt, träumen die Einwohner der Stadt São Paulo wieder von mehr Zusammenleben, mehr Kontakt mit der Natur und einer freundlicheren und solidarischeren Stadt. So entstand 2013 in São Paulo –fast zufällig – das Kollektiv Ocupe e Abrace [Besetze und Umarme], das durch die Wiederbelebung der Praça da Nascente von sich reden machte. Der „Platz der Quelle“ ist ein kleiner Park mit 12.000 Quadratmetern in der Westzone von São Paulo.

Die nicht weit von einer Hauptstraße gelegene kleine Oase ist selbst vielen Bewohnern der Umgebung bis heute unbekannt. Doch immer mehr Kinder, Jugendliche, Erwachsene und alte Menschen entdecken den Ort für sich. Sie lassen sich von den Fischen begeistern, die von dem Kollektiv gezüchtet werden und auf dem Platz in einem Fischteich zu bewundern sind. Oder sie setzen sich einfach hin, um dem plätschernden Wasser zu lauschen, verharren in Stille und denken zurück an eine Zeit ohne Eile, an den Klang der Hupen und Motoren, der das Leben von einst durchdrang. Auch Eulen, Glockenvögel, Schmetterlinge, Bienen und ein gutes Dutzend anderer Pflanzenbestäuber besuchen den Platz wieder. Und für die Personen, die sich entschlossen haben, ein paar Stunden ihres Tages für die Wiederinstandsetzung des Platzes zu verwenden, wurde er auch zu einem Gemüsegarten.

Wie die Idee aufkam

„Wir haben uns bei dem von der Plattform Cidade Democrática ausgerichteten Ideenwettbewerb A Pompéia Que Se Quer [Das Pompéia-Viertel, das wir uns wünschen] kennengelernt. Das Projekt zu dem Platz war eines von denen, die die meisten Stimmen bekamen. Und obwohl sie andere Projekte in den Wettbewerb eingebracht hatten, trafen sich einige der Teilnehmer bald in einer Gruppe, um darüber nachzudenken, wie man den ziemlich verlassenen Ort besetzen könnte“, erzählt die Schauspielerin und Musikerin Roberta Soares, die das Projekt eingereicht hatte. „Wir hatten zuerst die Idee, den Platz zu besetzen, wollten dies aber mit einem liebevollen Ton vorbringen, der nicht erschrecken sollte. Daher stammt der Name Ocupe e Abrace.”

Als eine der ersten „umarmte“ die Architektin Luciana Cury die Gruppe. Sie hatte den Platz selbst vorher nicht einmal gekannt, ärgerte sich aber darüber, dass die Einfamilienhäuser aus dem Viertel verschwanden und das Grundwasser wegen des Baus immer neuer Wohnblocks ständig auf die Bürgersteige floss. „Ich bin in Assis im Südwesten des Bundesstaats São Paulo geboren und verbrachte meine Kindheit und große Teile meiner Jugend damit, barfuß herumzulaufen und saisonales Obst gegen Gelees meiner Nachbarinnen zu tauschen”, erinnert sich die Architektin. „[Hier] in der Hauptstadt des Bundesstaats [São Paulo] machten mich wenige Dinge so glücklich wie das Anpflanzen meiner eigenen Nahrungsmittel zu Hause, auch wenn ich in einem Apartment wohne. Der Platz hat meinen privaten Raum erweitert, nur dass dieser nun in kollektiver Form gelebt wird”, ergänzt sie.

Anfängliches Misstrauen

Die Nachbarschaft betrachtete die Gruppe, die sich an jenem schmutzigen, verlassenen Ort traf, anfänglich mit misstrauischen Augen. „Mehr als einmal hörten wir, dass das zu nichts tauge, dass es nicht klappen würde, aber wir gaben nicht auf“, erzählt Cury. Bei einem ihrer Treffen kam die Idee auf, das 1. Festival der Praça da Nascente im Juni 2013 zu organisieren. „Wir haben die Veranstaltung ohne großen Anspruch geplant und es wurde wunderbar. Es wurden Ciranda und andere Tänze getanzt und wir waren überrascht, als wir sahen, wie sehr die Menschen das kleine Fest mochten“, erzählt Soares.

Seitdem haben mithilfe von Solidarität, Improvisationsgabe und Kreativität schon sechs Festivals stattgefunden. Es wurde zusammengelegt, um Toiletten zu mieten und Mikrofone und Lautsprecher auszuleihen. „Heute siehst du nachts auf dem Platz Kinder und Familien. Das gab es vorher nicht“, sagt Soares. „Der Stadtmensch muss wieder ins Gleichgewicht kommen, wieder in Gemeinschaft leben und das Vertrauen wiedererlangen. Das ist eine Rückeroberung [der Stadt]“, sagt die Schauspielerin.

Den Blick auf die Stadt verändern

Die persönlichen Veränderungen, die die Intervention für jeden Einzelnen von Ocupe e Abrace mit sich gebracht hat, sind nicht von der Hand zu weisen. Man nehme eine Prise Lehrzeit, eine Portion Auseinandersetzungen, neue berufliche Perspektiven und Selbsterkenntnis. Dadurch haben sich alle Beteiligten zu engagierten Bürgern entwickelt.

Die Videokünstlerin Andrea Pesek, die sich dem Kollektiv anschloss und das Bündnis bei der Wiederinstandsetzung der Quellen auf dem Platz unterstützte, erzählt, dass sie erst im Rahmen der Initiative den Umgang mit Wasserquellen gelernt hat: „Ich habe sie zusammen mit den anderen entdeckt”, hebt sie hervor. Sie ist überzeugt, dass diese Art von Aktionen den Blick auf die Stadt stark verändert, „denn du fühlst dich mit anderen Menschen zusammen als Protagonist“.

Lebensqualität ist für Luciana Cury das Schlüsselwort. „Sonntags denke ich nur daran, zu dem Platz zu gehen, mich um die Beete zu kümmern, die Luft einzuatmen, Menschen zu treffen und ein Feuer zu machen. Das ist zu einem unverzichtbaren Programm geworden“, sagt sie.

Die Geschichte der Wiederinstandsetzung der Wasserquellen führte Andrea Pesek auch zu anderen Kollektiven. „Ocupe e Abrace diente als Inspiration dafür, dass viele andere Dinge entstanden“, erzählt sie. „Wir werden mit anderen Projekten zusammenarbeiten, denn wir wollen die Quellen der Stadt wiederbeleben“, erklärt sie.

    Zur Geschichte

    Juni 2015
    Raum & Wohnen
    Brasilien, São Paulo

    Ocupe e Abrace

    Author

    Carol Ramos
    ist Journalistin und Umweltaktivistin. Sie ist Mitglied von Slow Food und von MUDA SP - ein Netzwerk, das städtische Landwirtschaft unterstützt.

    Übersetzer

    Timo Berger

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