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Soziale Kiste


Soziale Kiste

Im Norden von Paris sammelt, säubert und verkauft der Verein Carton plein Umzugskartons. Menschen in prekärer Lebenslage recyceln, liefern per Fahrrad aus, helfen beim Umzug – und gewinnen Kompetenzen für Beruf und Leben.

Begonnen hat alles mit dem Lumpensammler Francis - ein Profi im Recyceln. Die Berge von leeren Kartons, die auf den Pariser Straßen abgestellt werden, regen ihn auf. „Die gelben Tonnen reichen für all den Abfall nicht aus“, sagt er. „Die Stadt hat nicht die Kapazitäten, das Problem zu lösen. Einige Unternehmen übernehmen das, und es gelingt ihnen, weil Bedarf besteht.“ Er und einer seiner Freunde, Antoine Aumonier, beschließen, einen Teil dieser Kartons zu sammeln, sie in kleine Papp-Ballen zu verwandeln und diese weiterzuverkaufen.

Für die Umwandlung der Kartons zu Ballen investieren sie in eine Maschine. Die kostet mehrere Tausend Euro. Zudem nimmt die Anhäufung der Kartons Platz in Anspruch, und anfangs haben die beiden Schwierigkeiten, die Ballen zu verkaufen. Ihr Projekt erscheint wenig zukunftsträchtig. „Sie fanden es auch schade, Kartons in gutem Zustand zu zerkleinern“, erörtert Hélène, ein ehrenamtliches Mitglied des Vereins, der sich in der Folge dieser Probleme um Francis und Antoine etabliert hat. So wurde das Projekt weiterentwickelt: Nun werden Kartons in Privathaushalten, bei Vereinen oder in Betrieben eingesammelt und anschließend gesäubert, um neu genutzt werden zu können.

(Wieder-)Einstieg über Aufwertung

In der Hausnummer 33 der rue du Nord in Paris befindet sich nun das ungewöhnliche Geschäft des Vereins Carton plein – zu deutsch etwa „voller Karton“. Hier kann man sich recycelte Kisten beschaffen. Sie können einzeln zum Wegräumen nicht mehr genutzter Gegenstände gekauft werden oder in großen Mengen für einen Umzug. Das Recycling, das der Verein eingeführt hat, soll auch solidarisch sein: Einem Teil der Mitarbeiter wird hier ein (Wieder-)Einstieg ins Berufsleben ermöglicht. Und welche Kunden findet dieser solidarische Betrieb? „Die Bewohner des Viertels kommen regelmäßig vorbei, um kleinere Mengen von Kartons zu kaufen, aber der Großteil unseres Geschäfts erfolgt über das Internet“, präzisiert Hélène.

Die Kerle, die hier als Mitarbeiter landen, sind vom Leben gezeichnet: Sie sind schwer süchtig oder haben erhebliche Gesundheitsprobleme, manche leben seit Jahren auf der Straße. „Es sind Menschen in großer Notlage, für die die klassischen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen zu anstrengend sind“, erläutert Hélène. „Hier arbeiten sie zwischen drei und sechs Stunden pro Woche. Es ist eine Etappe auf einem Weg zu mehr Arbeit.“ Carton plein erhält eine Sonderfinanzierung der Stadt Paris im Rahmen eines Programms, das eine langsame Eingliederung über Arbeitsverträge mit wenigen Arbeitsstunden pro Woche fördert.

Disziplin und Kompetenzen, ohne Stress

Momentan kommt diese Unterstützung 15 sogenannten „Aufwertern“ zugute. Ihre Zahl dürfte sich in Zukunft aber noch verdoppeln, denn in Kürze soll eine weitere Zweigstelle im Süden von Paris eröffnet werden. Hierfür wurde auch ein Crowdfunding initiiert. Neben den schweren Fällen lernen hier aber auch Menschen mit kleineren Problemen. „Sie müssen ihr Französisch verbessern oder brauchen erste Arbeitserfahrungen, um mehr Chancen bei künftigen Arbeitgebern zu haben“, führt Geoffrey aus, einer von drei regulären Angestellten der Werkstatt. „Es fehlt ihnen an Selbstvertrauen.“ Wegen dieser verschiedenen Lebensläufe fällt auch der Erfolg ungleich aus. „Einige schließen Berufsausbildungen an, finden Arbeit und schaffen es, sich zu festigen. Andere verschwinden von heute auf morgen.“

Was lernen diejenigen, die bleiben? „Die für die Arbeit erforderliche Disziplin“, meint Hélène: „pünktlich und nicht betrunken erscheinen, Anweisungen einhalten, im Team arbeiten.“ Die Auslieferung der Kartons, die einige übernehmen, erlaubt es, gleich mehrere Kompetenzen auf einmal zu erwerben. Denn das Lieferfahrrad zu beladen ist gar nicht so einfach. Ferner muss man eine Karte lesen und sich zurechtfinden können, die Fahrtzeiten einschätzen und Kundenbeziehungen pflegen. Geoffrey zeigt einen gebrauchten Stadtplan von Paris und fügt hinzu: „Man lernt, Französisch zu lesen, Sackgassen von Straßen zu unterscheiden, ein Wort wie Faubourg [alte Bezeichnung für Vorort] wird diskutiert, man lernt bei der Gelegenheit ein bisschen Geschichte…“ Schwer beladen mit dem Fahrrad zu fahren ist ferner eine körperliche Aktivität. All das passiert ohne Stress.


  • Carton plein beim monatlichen Teamessen – Foto (CC): Carton plein

  • Geliefert und gesammelt werden die Kartons per Fahrrad - Foto (CC): Carton plein


Umweltbewusst, sozial, preiswert

In der Werkstatt neben dem Geschäft betätigen sich zwei „Aufwerter“ aktiv. Sie greifen Kartons aus einem Stapel, der bis zur Decke geht, entfernen Klebebänder und Etiketten und sortieren die Kartons nach Größe. Ein Teil wird mit dem Fahrrad ausgeliefert. Den Kunden gefallen der umweltbewusste Ansatz, der soziale Aspekt des Projekts und der Preis: die Kartons sind halb so teuer wie neue. Drei Angestellte koordinieren die Werkstatt: ein Leiter, Do Huynh, und zwei Assistenten – einer für die „Technik“ (Geoffrey) und einer für „Soziales“ (François). Geoffroy kümmert sich um die Lieferungen und die Instandhaltung des Materials, insbesondere der Fahrräder. Er bildet auch die „Aufwerter“ zur Auslieferung aus. François garantiert überdies die soziale Betreuung der Angestellten: Er kümmert sich um ihre Gesundheit, ihre Behördengänge, ihre Wohnungssuche... Und um ihre Berufsperspektiven außerhalb der Kartons – out of the box, könnte man sagen.

Durch den Verkauf der Kartons kann sich der Verein zur Hälfte selbst finanzieren, die restlichen 50 Prozent deckt er über staatliche und anderweitige Förderung. Mehrere Stiftungen unterstützen den Verein: die von Macif, Caritas, Société générale. Und der Aufschwung, den solidarische Umzüge gerade allgemein erfahren, dürfte die finanzielle Eigenständigkeit des Projekts stärken. „Seit kurzem bieten wir auch Hilfe beim Umzug an“, berichtet Hélène. „Im Allgemeinen für diejenigen, die ihren Umzug allein organisieren, und dann doch mehr Hände benötigen als eingeplant.“ Anders als bei Unternehmen, die auf Umzugshilfe spezialisiert sind und ihren Preis nach Volumen festsetzen, wird der Service bei Carton plein pro Stunde berechnet. Er wird auch von Berufs(wieder)einsteigern ausgeführt, die dabei neues Knowhow erlernen.

Die Atmosphäre in der Werkstatt und im Geschäft, wo man sich auf einen Kaffee hinsetzen kann, ist freundlich. Die „Aufwerter“ schauen gerne auch außerhalb ihrer Arbeitszeiten vorbei. „Wir nehmen bedingungslos auf“, lacht Geoffrey. „Diejenigen, deren Vertrag ausgelaufen ist, und die immer noch soziale Begleitung brauchen, schauen bei uns vorbei. Einige helfen uns freiwillig. Man bleibt recht eng verbunden.“

    Zur Geschichte

    Juli 2015
    Material
    Frankreich, Paris

    Carton Plein

    Autorin

    Nolwenn Weiler
    ist freiberufliche Journalistin und Mitglied der Redaktion von Bastamag.

    Übersetzerin

    Verena Majer

    Partner

    Bastamag

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