Future Perfect

Die Frau mit den sechs Hüten

Sonia Mhamdi und ihr Team verwirklichen ihren Traum. – Foto (CC): Tarik Marzougui

Die Frau mit den sechs Hüten

Sonia Mhamdi hat sich einer einst desolaten Oase im Süden Tunesiens angenommen und diese zu einem neuen Zentrum der Produktion und der Hoffnung gemacht.

Sonia Mhamdi ist eine Frau, die den Mut besaß, ihr Leben und den Lauf ihres Schicksals radikal zu verändern. Einst bestand ihr Beruf darin, Mikrokredite zu vergeben. Heute haben ihr Ehrgeiz und ihr Willen sie in eine Frau der Tat und der Feldarbeit verwandelt. „Vor der Revolution in Tunesien wurde ich von der Angst getrieben, mein Leben mit der Vergabe von Mikrokrediten verbringen zu müssen, denn eigenständiges Arbeiten war im Ben-Ali-Regime nicht möglich. Aber ich wollte an landwirtschaftlichen Entwicklungsprojekten arbeiten – an Projekten, die das Potenzial haben, das Leben der Menschen in Tunesien dauerhaft zu verbessern“, sagt Sonia Mhamdi.

Ein unkonventioneller Ansatz

Dann kam das Projekt, das für Sonia Mhamdi den Einstieg in die Entwicklungsarbeit bedeutete: The Green Oasis. 2005 war sie auf den desaströsen Zustand der alten Oase von Gafsa (El Kasbah und Sud-Ouest) aufmerksam geworden, die mehr als 1.000 Eigentümer unter sich aufteilen. „Die Oasenbewohner wollten zunächst nicht, dass ich ihre Oase betrat. In ihren Augen vereine ich zwei Nachteile: Ich bin eine Frau und keine Oasenbewohnerin. Sie haben aber sehr schnell verstanden, dass ich nicht aufgeben würde. Ich habe sie immer wieder besucht, habe mit den Frauen, den Männern und auch mit denen, die man als die ‚Banditen’ und ‚Landstreicher’ bezeichnete, gesprochen. Dabei hat mir mein Team durch seine Ehrlichkeit und Freiwilligkeit geholfen. Heute werde ich von den Oasenbewohnern akzeptiert.“

Sonia Mhamdi zeigte sich so beharrlich, weil ihr dieses Projekt besonders am Herzen lag. Sie wollte von Anfang an alles richtig machen. Ihr erster Schritt bestand darin, mit ihrem Team vor Ort den Bedarf zu identifizieren. Die Daten, die sie dabei erhob, zeigten eine katastrophale Situation: schlechte Lebensbedingungen der Oasenbewohner, unzusammenhängende Aufteilung der Parzellen, unzureichende Bewässerung, geringe Erträge aus den landwirtschaftlichen Erzeugnissen der Oase, ein Rechtsstreit mit dem Elektrizitätsunternehmen STEG, geringe Qualifizierung der Oasenbewohner, keine Teamarbeit, Anhäufung von Müll.

Die fünf Phasen von Green Oasis

„Wir haben eine Arbeitsgruppe gebildet: sie bestand zunächst aus meinem Verein und wurde dann um regionale Vertreter verschiedener staatlicher Institutionen erweitert. Dazu kamen private Berater aus Gafsa. Nach der Identifizierung der Bedürfnisse zeichneten sich fünf Phasen ab: Zunächst die Schaffung eines Bewässerungssystems, die Einführung von landwirtschaftlichen Dienstleistungsgesellschaften, die Verwertung der Abfälle der Oase und Produktion von erneuerbarer Energie zum Verkauf an die STEG. Danach Investitionen in Photovoltaik-Technik und schließlich die Schaffung von Mikroprojekten für die Oasenbewohner mit dem Ziel, ihr Einkommen zu verbessern.“

Für die fünf Phasen des Projekts ergab sich ein geschätzter Finanzbedarf von 1,8 Millionen Dinar (circa 830.000 Euro, Anm.d.Red). Im April 2014 war der Aktionsplan fertig. Dafür erhielt Sonia Mhamdi den Preis für das beste Projekt beim Wettbewerb der jungen Führungskräfte in Tunesien, der vom Amerikanisch-Islamischen Kongress organisiert wird. Dann begann sie mit der Suche nach einer Finanzierung. Insgesamt stellten ihr verschiedene Institutionen bisher knapp 100.000 Dinar (gute 40.000 Euro, Anm. d. Red.) zur Verfügung. Sonia Mhamdi ist zur Zeit auf der Suche nach zusätzlichen Mitteln für die Realisierung des Projekts.

  • Sonia Mhamdi am Schreibtisch, in Gedanken schon bei den nächsten Schritten. Foto (CC): Tarik Marzougui

  • Sonia Mhamdi auf einem Spaziergang durch die Oase. Foto (CC): Tarik Marzougui

  • Sonia Mhamdi und die aus ihrem Verein entstandene Arbeitsgruppe Foto (CC): Tarik Marzougui

  • Lächeln macht die Arbeit leichter. Foto (CC): Tarik Marzougui

  • Wissen gehört geteilt. Foto (CC): Tarik Marzougui

  • Die Oase Foto (CC): Tarik Marzougui

  • Ein besseres Bewässerungssystem muss her Foto (CC): Tarik Marzougui

  • Sonia Mhamdi und ihr Team Foto (CC): Tarik Marzougui

Große Herausforderungen

Es sind die großen Herausforderungen, die sie heute, nach 15 Jahren Erfahrung in der Vereinsarbeit motivieren. In dieser Zeit wurde sie zur „Frau mit den 6 Hüten“. Die ersten fünf Hüte, das sind: Anwendungsingenieurin für das Management von Produkten, die von Landfrauen erzeugt werden, für die Integration und die Qualifizierung dieser Frauen; unabhängige Ausbilderin und Beraterin des United Nations Development Programme (UNDP), der Middle East Partnership Initiative (MEPI) und der Europäischen Union; Direktorin des Entwicklungsvereins Gafsa Süd; Direktorin des Ausbildungszentrums für Frauen in Gafsa; Präsidentin des Exekutivbüros der MEPI Alumni in Tunesien.

Mein sechster und wichtigster Hut ist jener der Ehefrau und Mutter“, unterstreicht Sonia Mhamdi und kündigt uns gleichzeitig ihren siebten Hut an: „Ich möchte internationale Expertin für die Entwicklung und Betreuung von Unternehmen werden.“

Dazu gehören für Sonia Mhamdi die Schaffung von Mikroprojekten, die Betreuung von Unternehmern, die Gründung von Dienstleistungsgesellschaften in den Bereichen Handwerk und Landwirtschaft, maßgeschneidertes Coaching, und vieles mehr. Ihr Erfolgsrezept: „Wenn man etwas mit Liebe und Begeisterung tut, gelingt es auch. Und in puncto Begeisterung und Organisation können wir uns an den Frauen von Gafsa ein Beispiel nehmen.“ Zwischenzeitlich bereitet sich die Frau mit den bald sieben Hüten auf ihren nächsten Coup vor. Für The Green Oasis möchte sie die Globale Umweltfazilität (GEF), die GIZ und die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) als Unterstützer gewinnen.

    Zur Geschichte

    August 2015
    Land & Stadtnatur
    Tunesien, Gafsa

    L'oasis Verte

    Autor

    Manoubi Akrout
    ist Diplom-Ingenieur im Bereich der Flugzeugsmechanik. Er hat Psychoanalyse, Wirtschaft, internationale militärische Geschichte und abendländische Philosophie studiert. Er hat ein Abschluss in Animation für Jugendliche und im Journalismus.

    Übersetzerin

    Gudrun Meddeb

    Auf Französisch

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