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Jeder Tunesier ein Reiter

Foto CC-BY-NC-SA: Tarik Marzougui

Jeder Tunesier ein Reiter

Trad Ben Gobrane hat sich die Bewahrung und Neubelebung der traditionellen tunesischen Pferdeberufe zum Anliegen gemacht. Bis aus einer einfachen Idee ein konkretes Projekt wurde, bedurfte es großer Beharrlichkeit.

Ich wurde zwischen den Hufen eines Pferdes geboren!“, erklärt uns Trad Ben Gobrane mit ernsthafter Miene, als wir ihn und seinen Kollegen Mohamed Ben Jemaa treffen. „Ich stamme von einer Familie von Landwirten ab, wo der Beruf über drei Jahrhunderte vom Vater auf den Sohn weitervererbt wurde. Mein Vater und meine Mutter waren beide Reiter, und mein Großvater war einer der Gründer der Union tunisienne de l’agriculture et de la pêche (UTAP), dem Arbeitgeberverband des Sektors“, erklärt er uns.

Die traditionelle Reitkunst retten

Es war also keineswegs überraschend, dass Trad Ben Gobrane zuerst Agraringenieurswesen studierte und 1988 der UTAP beitrat, deren Generalsekretär er zwischen 1999 und 2002 war und für dessen Präsidenten er bis 2005 tätig war. Natürlich hatte er auch das Reiten erlernt und an mehreren Wettbewerben und sogar an Wettkämpfen in der Kategorie Gentleman teilgenommen. Im Jahr 2001 übergab ihm sein Vater die familieneigene Pferdezucht. Der Sohn hatte zahlreiche Ideen, die sich zunehmend auf ein Hauptziel konzentrierten: alle Bereiche, die mit Pferden in Tunesien zu tun haben, in einem Verband zu vereinen – also Aufzucht, Berufe, Wettkämpfe, Reitsport, Kultur und Tourismus.

Mir ging es auch darum, Pferde und alles, was damit zusammenhängt, aufzuwerten und die Bedeutung für Tunesien sichtbar zu machen. Aber mein dringlichstes Anliegen war die Rettung der traditionellen Reitkunst und der mit ihr verbundenen Berufe. Denn ich musste leider feststellen, dass diese vom Aussterben bedroht waren. Wenn wir noch fünf Jahre gewartet hätten, wäre dieses Kulturerbe verloren gewesen. So gibt es heute nur noch einige wenige Personen, die die traditionelle Reitkunst und die mit ihr verbundenen Berufe beherrschen. Wir müssen uns dieses Wissen aneignen, um es vor dem Verschwinden zu bewahren. Ich wollte dieses alte überlieferte Wissen retten, aufwerten und Arbeitsplätze schaffen“, erklärt er uns.

Hindernisse und Anerkennung

Viele Jahre hat Trad Ben Gobrane damit verbracht, Pläne zu schmieden. Doch erst nach der tunesischen Revolution im Januar 2011, nämlich Ende 2012, gründete er gemeinsam mit Mohamed Ben Jemaa, Dali Mehrzi und anderen Züchtern den Berufsverband der Pferdezüchter (USIC). Das war keine leichte Sache, da sie zuvor viele verschiedene Gesprächspartner und auch staatliche Institutionen überzeugen mussten. „Sehr schnell standen wir vor vielen Hindernissen und wir konnten nur wenige Institutionen davon überzeugen, uns zu unterstützen. Andererseits wurden wir sehr stark von unseren Mitbürgern in den Regionen unterstützt, denn sie haben sofort verstanden, dass der USIC ihrem Kulturerbe eine neue Wertigkeit verleiht. Wir haben entdeckt, dass in jedem Tunesier ein Reiter steckt und es war die Anerkennung dieser Menschen, die uns für vieles entschädigt hat“, fügt Ben Gobrane hinzu.

Trotz aller Hindernisse gelang die Gründung. Der USIC konzentriert sich auf sechs tunesische Regierungsbezirke, in denen es eine ausgeprägte Reittradition gibt. Der Verein hat bereits Arbeitsplätze für 20 bis 25 junge Erwachsene geschaffen, darunter auch drei junge Frauen. Sie erhalten hier eine Ausbildung. Zudem organisiert der Verein eine „Tour de Tunisie“ in traditioneller Reitkunst.


  • Trad Ben Gobrane, der Generalsekretär von USIC - Foto CC-BY-NC-SA: Tarik Marzougui

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Wissen und Traditionen bewahren

Mit seiner auf die Reitpraxis und Züchtung ausgerichteten Tätigkeit kann sich der Berufsverband aber weniger mit den immateriellen Traditionen des Reitens in Tunesien befassen, wie Ben Gobrane feststellen musste. Deshalb gründete er den Verein Adiyat („Die Galoppierenden“), der schnell Beziehungen zum tunesischen Kulturministerium und zur UNESCO aufbaute. Der Verein kümmert sich um die Archivierung und Inventarisierung von Kulturgütern, die mit dem tunesischen Reitsport in Verbindung stehen. Dabei unternehmen die Mitarbeiter große Bemühungen, um Personen ausfindig zu machen, die traditionelle Geräte oder Waffen einer Region zuordnen oder deren Verwendung beschreiben können. „Jeder der beiden Vereine konzentriert sich auf seinen Bereich, aber beide sind organisatorisch über einen Partnerschaftsvertrag miteinander verbunden: Der USIC ist für Reiter und Pferde, Adiyat für das damit verbundene Kulturerbe zuständig“, fasst er zusammen.

Ein Mammutprojekt. Glücklicherweise ist Trad Ben Gobrane nicht allein für alles zuständig. Sein Kollege Mohamed Ben Jemaa, der über große Managementfähigkeiten verfügt, hat das Amt des Präsidenten von USIC übernommen, während Ben Gobrane als Generalsekretär mehr unterwegs sein kann. Ben Jemaa unterstreicht die wirtschaftliche Bedeutung der Initiative: „Letztendlich wollen wir eine Referenzinstitution werden, nicht nur was den Pferdebestand betrifft, sondern auch bezüglich der qualifizierten Arbeitskräfte. Diese sind weltweit sehr gefragt: Sattelmacher, Sticker, Pferdebetreuer, Stallpersonal, Pferdepfleger, Distanzreiter und Betreuer für Distanzpferde.“ Und der träumerische Blick verrät uns seine Gedanken, die jenen Tag vor sich sehen, an dem die großen, internationalen Hersteller von handgemachten Satteln wie Hermès die Namen tunesischer Handwerker in ihren Adressbüchern stehen haben.

    Zur Geschichte

    September 2015
    Gemeinschaft
    Tunesien, Tunis

    Autor

    Manoubi Akrout
    ist Diplom-Ingenieur im Bereich der Flugzeugmechanik. Er hat Psychoanalyse, Wirtschaft, internationale militärische Geschichte und abendländische Philosophie studiert. Er hat einen Abschluss in Animation für Jugendliche und im Journalismus.

    Übersetzerin

    Gudrun Meddeb

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