Future Perfect

Akkordarbeit fürs Karma

© Daniela Gellner

Akkordarbeit fürs Karma

Sein Projekt Hartz IV Möbel hat sein Herz für die Open-Source-Idee geöffnet. Das ist ein paar Jahre her. Inzwischen stellt Van Bo Le-Mentzel sich die ganz große Frage, wie gutes Wirtschaften aussehen kann – und findet die Antwort in der Crowd.

Andris war bis vor kurzem wohnungslos, jetzt lebt er im Luxus. Denn sein fünf Quadratmeter großes Haus verfügt über ein WohnEsszimmerKüchenBad und ein Schlafzimmer mit Fensterfront. Das Unreal Estate House, in dem er schläft, isst und liest, gehört Andris nicht. Den Bau des Hauses haben viele Menschen finanziert, es gehört ihnen allen zusammen. Van Bo Le-Mentzel gefällt das: Nichts besitzen, alles teilen. Er hat das Unreal Estate House entworfen und die 3000 Euro Materialkosten via Crowdfunding eingetrieben. Nicht für sich, sondern für die Crowd und im Moment eben für Andris, weil die Crowd gut findet, dass er dort wohnen kann.

Angeln im Ideenmeer

Van Bo Le-Mentzel ist Architekt und mittlerweile auch Möbeldesigner und engagierter Wirtschaftskritiker. Während Sie diese Zeilen lesen, angelt er mindestens drei neue Projekte aus dem Ideenmeer in seinem Kopf. Le-Mentzel tweetet und bloggt, gibt Workshops, hält Vorträge, tritt ständig neue Projekte los.

Mit Möbeln fing 2010 alles an. Der junge Mann hatte kaum Geld, aber wollte seiner Freundin ein schönes Regal schenken. Also lernte er in einem Volkshochschulkurs das Tischlern und baute sein erstes Holzmöbel. Bald darauf entwarf er eigene Stücke frei nach Bauhaus-Vorbild, darunter den Berliner Hocker zu zehn Euro Materialwert und den gemütlichen 24 Euro Chair. Möbel, die sich alle leisten können: Hartz IV Möbel genannt. Die Baupläne stellte der Designer kostenfrei ins Internet. Auch das Unreal Estate House hat einen solchen Bauplan; den bislang anspruchsvollsten.

Ein Stück glücklicher, virtuell und real

Bis heute haben Alt- und Neuheimwerker Le-Mentzels Anleitungen gut 50 000-mal von seinem Blog heruntergeladen. Ein Viertel von ihnen lebt in prekären Verhältnissen, schätzt der Open-Source-Fan, genau wie er zu Beginn des Möbelprojekts. Auf den Verdienst oder das Copyright kommt es Le Mentzel nicht an, solange niemand daraus Profit schlägt. Es reicht ihm, wenn das Bauen die Menschen ein Stück glücklicher macht; wenn gutes Karma fließt. Er beobachtet gern, wie sich die Möbelstücke durch die Ideen anderer wandeln. Die neuesten Kreationen schickt er sofort hinaus in die Crowd, ein Wort, das er ständig benutzt.

Die Crowd ist für Van Bo Le-Mentzel der Schlüssel zu einer freien Arbeits- und Lebensweise. Sie findet in Online-Netzwerken zusammen, und sie findet sich ständig neu. Seine Crowd sind inzwischen knapp 22 000 Menschen, die auf facebook seine Seite Konstruieren statt konsumieren mögen, rege ihre Ideen teilen und sich gegenseitig unterstützen. Dazu kommen etwa 1000 Follower auf twitter und einige Tausend im E-Mail-Verteiler. »Die sozialen Netzwerke machen eine faire, hierarchielose Kommunikation möglich«, findet Le-Mentzel. Die virtuelle Crowd funktioniert aber auch im realen Leben: So steht das Unreal Estate House gerade nur in Berlin, weil es jemand von München, wo es vor der Pinakothek der Moderne aufgebaut worden war, hierher gefahren hat. Vermittlung via Internet.


  • Van Bos Botschaft: Mehr bauen, weniger kaufen. © Tina Linster

  • Das Unreal Estate House im Rohbau. © Benjamin Heck

  • Fensterfront und Wintergarten sind inklusive. Gebaut wurde es von Wolfgang Ramisch. © Benjamin Heck

  • Geben und Nehmen im Gleichgewicht: die Kharma Chakhs. © Kathrin Harms

  • Der Berliner Hocker ist ein vielseitiges Möbelstück. © Daniela Gellner

  • ...und auch nicht notwendig ein Hocker. Hier bilden einige gemeinsam ein Sideboard. © Daniela Gellner

  • Auch die junge Generation richtet sich mit dem Berliner Hocker ein. © Daniela Gellner

  • Mobil auf kleinstem Raum: Das Tuk Tuk House gehört zu Van Bos neuesten Projekten. Geplant und gebaut hat es Alexander Naumann. Foto (CC BY-SA 3.0): Jakob Listabarth


Verantwortung in der Crowd

Wiederum online hat Van Bo Le-Mentzel gute 1000 Leute gefunden, denen es so geht wie ihm: Er liebt Chucks, das legendäre Basketballschuhmodell. Allerdings gehört die Marke zum Sportartikelhersteller Nike, und der produziert bei weitem nicht so fair, wie Le-Mentzel es gern hätte. Also machte der Berliner sich selbst daran, eine Herstellung loszutreten, die ökologisch unbedenkliche Materialien verwendet und die Arbeiterinnen gerecht entlohnt. Über die Crowdfunding-Webseite startnext fand er genügend Leute, die die Karma Chakhs, wie er sein Alternativmodell getauft hatte, finanzieren wollten, und einige, die die Initiative mit ihrem Wissen unterstützten: sich mit Fair Trade auskannten, Kontakte zu Fabriken herstellten. Deshalb habe er die Produktion auch nicht alleine organisiert, sagt Le-Mentzel: »Das hat die Crowd gemacht.« Und sie hat es gut gemacht: Mit zwei Lieferungen hat sie diverse Schuh-, Menschen-, Natur- und Internetfreunde bereits beglückt. Die dritte „Ernte“ ist in Arbeit, und der Schuh wurde jüngst umbenannt in Karma Classics: Er ist schon jetzt legendärer als das Original.

Die Karma Classics kommen frei von Gewinnerwartungen zu denen, die sie haben wollen – aber mit deren Hilfe. Es gehe darum, dass Wirtschaften gutes Karma bringe, erzählt Van Bo Le-Mentzel. Geld sei dabei nur Mittel zum Zweck. Für Le-Mentzel beweisen die Karma Classics, dass die traditionelle Wertschöpfungskette, die einen Anfang mit einem Ende verbindet, ausgedient hat: Der Konsument, der früher wartend am Schluss stand, macht heute überall mit, wird Teil der Produktgeschichte und muss damit Verantwortung übernehmen. Ein weiteres Stück Verantwortung nimmt die Karma-Gemeinde ihrem Initiator Le-Mentzel gerade ab: Ein Karma Verein soll in Zukunft für die Produktion und stetige Verbesserung der Turnschuhe sorgen und den Crowdgedanken munter weitertragen.

Gut, frei und gerecht

Le-Mentzel sucht mit seinen Initiativen Antworten für die sieben Ws: für den freien Umgang mit Wissen, mit Wohn- und mit Wolkenraum, mit Wärme, Wasser, Wohlergehen und Wegeführung. Fragt man ihn, was er in den letzten zwei Jahren gelernt hat, fallen ihm sofort drei Dinge ein: »Erstens: Die Crowd ist intelligenter als ich. Zweitens: Lass es zu, dass die, für die du etwas machst, auch aktiv mitmachen. Und drittens: Scheitern ist okay. Die Hauptsache ist, überhaupt mal anzufangen.« Für den Designer ist Erfolg, wenn das, was er heute tut, auch den Kindern seines kleinen Sohnes ein gutes, freies und gerechtes Leben ermöglicht – seine ganz konkrete Definition von Enkeltauglichkeit.

Um das zu schaffen, hat er – natürlich – schon wieder einer Runde neuer Ideen zum Leben verholfen. Dem Crowd Book etwa, das als Layoutvorlage jedem und jeder ermöglicht, mit einem haushaltsüblichen Drucker eigene Bücher herzustellen, und dem DStipendium, das als gruppenfinanziertes Grundeinkommen vollzeitehrenamtlich Engagierte unterstützt. Während Le-Mentzel rotiert, zündet Andris in seinem Minihaus vielleicht gerade die Indie-Pendant Lamp an, das allerneueste Hartz IV Möbelstück, und schaut hinaus aufs sanft funkelnde Wasser. Beides ist gut fürs Karma. Und genau darum geht es.

    Zur Geschichte

    September 2015
    Öffentlichkeitsarbeit
    Deutschland, Berlin

    Hartz IV Möbel
    Van Bo Le-Mentzel auf facebook

    Autorin

    Josefa Kny
    ist wissenschaftliche Mitarbeiterin bei FUTURZWEI. Stiftung Zukunftsfähigkeit und am Norbert Elias Center for Transformation Design & Research, Universität Flensburg.

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