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Die Schönheit der Peripherie


Die Schönheit der Peripherie

In Salvador de Bahia zeigt die Laje-Sammlung Arbeiten von Künstlern aus den Vororten. Damit trägt sie zur Wertschätzung der Geschichte dieser Stadtviertel bei der ansässigen Bevölkerung bei.

Die Laje-Sammlung (etwa „Sammlung auf dem Dach“) ist ein Gemeinschaftsprojekt des Paares José Eduardo Ferreira Santos und Vilma Santos. Sie vereint Bilder, Masken, Muscheln, Keramiken, Holzarbeiten, Fliesen und Bücher und wird in zwei Häusern der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die Häuser, zugleich auch Wohnsitz des Paares und ihrer Familienmitglieder, befinden sich in São João do Cabrito, im Stadtteil Plataforma von Salvador. Die Sammlung besteht größtenteils aus entsorgten Gegenständen und Fragmenten von Gebrauchsgegenständen und wird durch Spenden unterstützt. Sie bildet eine Art von symbolischem Mosaik, ein Panorama des künstlerischen Schaffens der Bewohner des sogenannten Subúrbio Ferroviário, einer Armutsregion in der Peripherie von Salvador. Dabei dient der Ort zugleich als Kulturzentrum und als sozialer Treffpunkt.

Subúrbio Ferroviário (etwa: „Vorort bei den Schienen“) ist bekannt durch die Eisenbahnlinie zwischen dem Stadtteil Calçada in der Unterstadt und Paripe im Nordwesten Salvadors. Der Name beschreibt den Lebensraum von mehr als 500.000 Einwohnern in 22 Wohnvierteln. „Unsere Arbeit zielt darauf ab, symbolische Schutzräume zu schaffen, die deutlich machen, dass sich diese Gebiete am Stadtrand von Salvador nicht allein durch Mangel definieren“, erläutert Ferreira Santos.

Unsichtbare Kunst

Die Initiative startete 2009, kurz nachdem Ferreira Santos seine Doktorarbeit verteidigt hatte, in der er sich mit Gewalt unter Jugendlichen in den Vororten auseinandersetzt. „Ein befreundeter Soziologe stellte das in Frage: ‚Gut, jetzt kennst du bereits die Seite der Gewalt. Wie wäre es nun mit der Erforschung der Schönheit der Peripherie?‘ Ich behielt das die ganze Zeit im Kopf“, erinnert sich der Pädagoge.

Inspiriert von dieser Anregung kontaktierte Ferreira Santos den italienischen Fotografen Marco Illuminati und schlug ihm eine Partnerschaft für das Projekt „Die unsichtbare Kunst der Produzenten der Schönheit der Peripherie Salvadors“ vor. „Wir begannen mit einer Kartografie der Künstler, die in Subúrbio Ferroviário leben. Dabei machte stets einer auf den anderen aufmerksam, es war ein Universum, von dem ich mir bislang keine Vorstellung gemacht hatte, obwohl ich doch immer hier gelebt hatte“, berichtet er. Im Jahr 2010 entschieden sich José Eduardo Ferreira Santos und seine Frau Vilma Santos für den Erwerb künstlerischer Arbeiten. „Das Schöne daran ist, dass dadurch die lokalen Künstler an Wertschätzung und Sichtbarkeit gewannen“, freut sich Ferreira Santos.


  • Kacheln, die im zweiten Sitz der Laje-Sammlung ausgestellt werden, sollen die Geschichte des Ortes erzählen. | Foto (CC BY-NC): Lenon Reis

  • Kacheln, die aus Gebäuden der historischen Altstadt entstammen und von Behörden entsorgt wurden. | Foto (CC BY-NC): Lenon Reis

  • José Eduardo Ferreira Santos mit Kunstwerken und Objekten, die zur zweiten Sammlung des Archivs gehören. | Foto (CC BY-NC): Lenon Reis

  • Ein Gedicht von Nelson Maca und Bilder, die von Kindern und Jugendlichen aus der Region im Rahmen des Projekts „Die Schönheit der Peripherie“ geschaffen wurden – einer der Initiativen der Laje-Sammlung. | Foto (CC BY-NC): Lenon Reis

  • Objekte und Spielzeuge aus Flohmärkten, die im Archiv Laje ausgestellt werden. | Foto (CC BY-NC): Lenon Reis

  • Die Laje-Sammlung, Salvador de Bahia | Foto (CC BY-NC): Lenon Reis

  • Vilma Santos in ihrer Lieblingsecke der Laje-Sammlung, in der ein Werk von Zaca Oliveira, Partner des Archivs, zu sehen ist. | Foto (CC BY-NC): Lenon Reis

  • Exemplare aus der Laje-Sammlung deuten auf eine urbane Archäologie hin: Fragmente der Geschichte des Ortes werden zusammengestellt. | Foto (CC BY-NC): Lenon Reis

  • Die Laje-Sammlung, Salvador de Bahia | Foto (CC BY-NC): Lenon Reis

  • José Eduardo Ferreira Santos und Vilma Santos | Foto (CC BY-NC): Lenon Reis


Bildung durch Schönheit

Beide bemühen sich heute, mindestens zwei Arbeiten pro Monat aus eigenen Mitteln zu erwerben. „Wir versuchen,“ so Ferreira Santos „dieses Ziel im Auge zu behalten, vorausgesetzt, das Familienbudget erlaubt es. Die Erwerbsroutine erzeugt dabei einen Impuls für die Sammlung, die immer etwas Neues vorweisen kann. Ich möchte erreichen, dass die Menschen hier im Teilbezirk Plataforma stets etwas Schönes für sich entdecken, einfach deshalb, weil Schönheit mehr bewirkt als die Worte, die die Kinder in der Schule zu hören bekommen.“

Die Weiterentwicklung der Sammlung mobilisiert auch die Kinder, interessante, ausstellenswerte Objekte zu suchen, die entweder entsorgt werden sollen oder bereits im Müll gelandet sind. Die Suche nach neuen Objekten wiederum erzieht zu Sensibilität und vermittelt das Verständnis für die Dinge, die im eigenen Lebensraum schützenswert sind: „Viele Kinder von Plataforma wachsen mit einem Gefühl der Scham auf gegenüber dem eigenen Elternhaus. Sie können in dem Ort, an dem sie leben, nichts Schönes entdecken. Dadurch entsteht ein stark selbstzerstörerischer Beziehungskreis. Sie lernen nicht wahrzunehmen, dass ihr Leben einen Wert hat. Wir setzen darauf, dass die Zukunft ihnen andere Möglichkeiten bietet“, betont Ferreira Santos.

Teil des Kunstnetzwerks

Um zum ersten Ausstellungsraum zu gelangen, geht der Besucher durch die Küche und gelangt über den privaten Wohnbereich des Paares und über eine schmale Treppe in das obere Stockwerk. Die Werke dieses Teils der Sammlung sind entlang eines schmalen Flurs und weiterer drei Räume angeordnet. Türen, Fenster, Decken, jede Ecke des Hauses ist besetzt von einer Vielzahl von Arbeiten, häufig übereinander angebracht. Die Arbeiten in diesem Haus wurden von Hunderten von Besuchern der Bahia Biennale 2014 gesehen. Zum ersten Mal war der Subúrbio Ferroviário Teil des Ausstellungsnetzwerks von Salvador. „Die Laje-Sammlung wurde Teil eines kollektiven Unbewussten. Ein Ort, an dem wir nichts mehr verändern, weil er die Aura und die Kraft der ersten Projektphase in sich trägt. Alles geht von dort aus“, sagt Ferreira Santos. Im gleichen Jahr wurde die Sammlung in das offizielle Programm der 31. São Paulo Biennale eingeladen.

Vom ersten zum zweiten Haus, das nach bald acht Monaten Arbeit kürzlich fertiggestellt wurde, sind es 20 Minuten zu Fuß auf einer der Hauptstraßen von São João do Cabrito. Dieses zweite Haus wurde ganz allein aus Mitteln des Sammlerehepaares realisiert. „Zurzeit erwerben wir neue Objekte für die Sammlung. Wir prüfen alles, was kommt. Erstaunlich, was diese Fliesen an Geschichte in sich tragen!“, sagen sie. Durch die Rekonstruktion der ästhetischen und künstlerischen Geschichte der Vorstadt schafft die Laje-Sammlung auch die Voraussetzung für ganz andere Geschichten und Narrative über die Peripherie Salvadors. „Bislang wurde uns nur eine einzige Version der Geschichte gelehrt. Wir werden dieses historische Gedächtnis erweitern“, betonen sie.
Haus 02 - Rua Sá Oliveira 2 A, bairro São João do Cabrito.

    Zur Geschichte

    Dezember 2015
    Öffentlichkeitsarbeit
    Brasilien, Salvador de Bahia

    Laje-Sammlung auf Facebook

    Autorin

    Christiane Sampaio
    ist Journalistin und Projektleiterin in den Bereichen staatliche Fördermaßnahmen, Bildung, Kultur und Menschenrechte. Zurzeit lebt sie in Salvador.

    Übersetzer

    Michael de la Fontaine

    Auf Brasilianisch

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