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Kultur in der Wildnis

Fotosession auf der Marktstraße während der Lyrikwoche Kajaani. | Foto (CC-BY): Anna Laakkonen / Rauniokaupunki

Kultur in der Wildnis

Der Kulturverein Rauniokaupunki bringt Musik und Theater in die nordfinnische, von der Wildnis umgebene Stadt Kajaani.

Aktivität schafft Aktivität – mit diesen Worten lässt sich der 2010 gegründete Kulturverein Rauniokaupunki („Ruinenstadt“) beschreiben. In den letzten Jahren kursierten seltsame Geschichten über die finnische Stadt Kajaani. Interessante Kulturevents, Konzerte und andere Veranstaltungen, an die nicht zu denken war, als ich selbst noch in der Stadt wohnte. Hinter vielen dieser Events steht Rauniokaupunki. Der Name bezieht sich auf die in der Stadt gelegenen Schlossruinen und ist auch sonst sehr treffend, da der Verein in Folge von Kürzungen des Kulturetats der Stadt entstanden ist.

Ich zog 2003 weg aus Kajaani, gerade als sich neue und interessante Dinge im kulturellen Bereich zu entwickeln begannen. Im gleichen Jahr entstand das dreijährige Projekt Generaattori der Stadt Kajaani, mit dem Ziel, Aktivitäten „auf Graswurzelebene“ zu fördern. Unter Leitung der von der Stadt angestellten Künstler entstand eine Subkulturszene, die Stellung bezog und sich aktiv am kulturellen Geschehen beteiligte. Das Projekt lief aus, aber die nach ihm benannten Generaattori-Räumlichkeiten in Kajaani bestanden weiter. Um diese zu verwalten, wurde die Kulturgenossenschaft G-voima gegründet. Im Jahr 2009 wurde jedoch wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage entschieden, jegliche städtische Unterstützung für ihre Tätigkeit zu streichen. Da haben Veikko Leinonen und einige anderen Stadtaktivisten beschlossen, zu handeln.

„Wir waren da sehr bestimmt. Will man jetzt der Jugend dieser Stadt ihre Zukunft rauben? Das war so ungefähr das Beste, was unsere Generation hat schaffen können. Wenn das nicht reicht, was denn dann?“, sagt Veikko Leinonen. Er war nicht persönlich an der Tätigkeit von Generaattori beteiligt, hat aber aktiv in Zeitungen an der Diskussion darüber teilgenommen. Die Proteste haben schließlich Früchte getragen: Die Kürzungen wurden zurückgenommen und die Räumlichkeiten konnten weiter bespielt werden.


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    Soile Savela und Minna Hyvönen, aktiv in der Stricksektion des Vereins, verkleiden sich als „alte Weiber“ für Fotos zur Bewerbung des Karsamstag. In einem örtlichen Pub wird dann zusammen gehäkelt und gestrickt. | Foto (CC-BY): Veikko Leinonen / Rauniokaupunki

  • Karsamstag (auf Finnisch: „Garnsamstag“) im Baron Pub. Veikko Leinonen begleitet die strickenden Frauen auf der Gitarre. | Foto (CC-BY): Anna Laakkonen / Rauniokaupunki

  • Bei der Veranstaltung Brot und Zirkusspiele gibt es Brot und andere Leckereien aus der örtlichen Bäckerei sowie Zirkusnummern. | Foto (CC-BY): Anna Laakkonen / Rauniokaupunki

  • Die Gymnastikgruppe Seminaarinmäen miesvoimistelijat bei Brot und Zirkusspielen. Der Perkussionist Ilkka Tolonen begleitet. | Foto (CC-BY): Anna Laakkonen / Rauniokaupunki

  • Ein sommerlicher Ausflug zum Mainari-Café in Otanmäki. Dort war der ehemalige finnische Präsident Kekkonen bei seinen Besuchen in der Provinz Kainuu oft zu Gast. | Foto (CC-BY): Anna Laakkonen / Rauniokaupunki

  • Anna Ahmatova-Lyrikabend in Generaattori. Die Sängerin Stina Koistinen trägt ein Gedicht vor, Veikko Leinonen ist ihr Interviewpartner. | Foto (CC-BY): Anna Laakkonen / Rauniokaupunki

  • Rauniokaupunki veranstaltet auch Flohmärkte in Bars. | Foto (CC-BY): Anna Laakkonen / Rauniokaupunki

  • Kleine Kurzfilmnacht im Hinterhof des Kajaani-Kunstmuseums | Foto (CC-BY): Anna Laakkonen / Rauniokaupunki

  • Für das Event Avaruuslaiva wird die örtliche Bar für einen Abend in ein Raumschiff verwandelt. | Foto (CC-BY): Ia Samoil / Rauniokaupunki

  • Für das Event Avaruuslaiva wird die örtliche Bar für einen Abend in ein Raumschiff verwandelt. | Foto (CC-BY): Ia Samoil / Rauniokaupunki

  • Das Liedfestival Kajaani Viisut. | Foto (CC-BY): Ia Samoil / Rauniokaupunki

  • Unter den Komponisten sind auch Einwanderer aus dem Kongo. | Foto (CC-BY): Ia Samoil / Rauniokaupunki

  • Jeder der teilnehmenden Stadtteile hat ein neues Stück für den Wettbewerb komponiert. | Foto (CC-BY): Ia Samoil / Rauniokaupunki


Nicht ständig ans Geld denken

Das reichte jedoch nicht ganz aus. Als Leinonen 2010 aus der Stadt Joensuu nach Kajaani zurückzog, entstand zusammen mit Freunden die Idee, auch selbst mehr künstlerische Tätigkeit in die Stadt zu bringen. Geld gab es nicht, aber man hat es auch gar nicht vermisst. „Es war so eine Mentalität da, dass wir jetzt etwas machen, wobei man nicht ständig ans Geld denken muss. Und so machten wir das.“ Die Tätigkeit von Rauniokaupunki ist dann zum größten Teil ganz ohne externe Unterstützung gelaufen, die Veranstaltungen fanden in Zusammenarbeit mit Restaurants statt.

Der Kern des Vereins Rauniokaupunki ist relativ klein, aber bei größeren Veranstaltungen haben sogar 30 Leute mitgemacht. Am meisten werden auf Musik bezogene Veranstaltungen organisiert, aber auch Kneipentheater, Stand-up-Abende, Straßenbesetzungen und Handarbeitsveranstaltungen. Im Jahr 2015 gab es über 20 verschiedene Events. Auf Rauniokaupunki geht auch die Gründung eines Proberaums für mehr als zehn Bands zurück. Die Idee entstand, nachdem ein Haus abgerissen wurde, in dem viele Bands geprobt hatten. Im Moment ist Leinonen mit dem Musical Suuri työttömyysmusikaali (Das große Arbeitslosenmusical) beschäftigt, bei dem er selbst Regie führt. Die Aufführung beginnt buchstäblich auf den Straßen von Kajaani und wird in Innenräumen fortgesetzt. Darin wird die Arbeitslosigkeit in Kajaani thematisiert. „Es gibt einfach keinen Bedarf für Arbeitskräfte, nicht mal für ausgebildete. Auch vielseitiges Können hat nicht unbedingt einen finanziellen Wert“, sagt Leinonen.

Der Geist von Kajaani

Zuerst hatte Leinonen etwas Bedenken, wie die Reaktionen auf die Kulturangebote von Rauniokaupunki ausfallen würden. Das Feedback war sehr positiv. Bei den Klubabenden herrscht sehr gute Stimmung, darüber wundern sich auch viele Künstler. „Für mich war es von großer Bedeutung zu sehen, dass die Menschen so toll mitmachen. Die Events sind zu großen gemeinsamen Erlebnissen geworden. Lustig ist auch, dass das Publikum von Mal zu Mal verschieden ist. Zu den extravagantesten Dingen kommen nicht nur Hipster, sondern auch ‘unsere Dorftrottel‘. Trotzdem waren die Leute sehr aufgeschlossen und erfreut.“

Der gemeinschaftliche Geist macht sich auch bei der Organisation bemerkbar. Die Mitarbeit ist für alle offen, und die meisten Leute haben sich spontan als Freiwillige gemeldet. Manchmal hat man Interessen kombinieren können, die in die gleiche Richtung gehen. Die Musiker konnten auch bei den Veranstaltern zu Hause übernachten. Diese Art von Zusammenarbeit ist unentbehrlich in einer kleinen Stadt wie Kajaani, in der die finanziellen Ressourcen knapp sind. „In Kajaani ist es ganz in Ordnung, bei der örtlichen Berufsschule, beim Theater oder anderen Institutionen schamlos um Hilfe zu bitten. Und man ist uns sehr offen entgegengekommen.“

    Zur Geschichte

    Januar 2016
    Kultur
    Finnland, Kajaani

    Rauniokaupunki
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    G-Voima

    Autor

    Jaakko Blomberg
    ist Kulturproduzent und Wissenschaftler, spezialisiert auf partizipatorische Stadtprojekte und alternative Denkmodelle.

    Übersetzerin

    Marjukka Mäkelä

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    Dieser Text und diese Bilder sind lizenziert unter einer Namensnennung 2.0 Deutschland Lizenz.

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