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Die deutsch-tschechische Grenze und das böhmische Grenzland im 20. Jahrhundert

Grenzgebieten haftet meist ein besonderes Image an und häufig überwiegen dabei negative Zuschreibungen: Mit dem Grenzland verbinden sich nicht nur Vorstellungen von Provinzialität – von Zurückgebliebenheit fern vom Zentrum – sondern auch Gefühle von Unsicherheit, Uneindeutigkeit und Bedrohung. Kann über die nahe Grenze doch Fremdes eindringen und Eigenes verschwinden. Und oft ist der Verlauf der Grenze ebenso umstritten wie die ethnische Zugehörigkeit der Menschen, die vor Ort leben.

Zwischen freiem kulturellen Austausch und national(istisch)en Ansprüchen

Im Fall der Grenze der böhmischen Länder zu Deutschland geht der Grenzverlauf zwar weit in die Geschichte zurück. Doch an der Frage nach der nationalen Identität der Bevölkerung in den Grenzgebieten und ihrer politischen Loyalität entzündeten sich bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg immer wieder Konflikte. Deutsche wie Tschechen reklamierten das Gebiet als ihren „nationalen Besitz“, um den sie sich in der Geschichte verdient gemacht und auf den sie folglich ein besonderes Recht hätten. Mit diesem Anspruch ging das spezifische Sendungsbewusstsein einher, „Außenposten“ der eigenen Nation und ihres politischen Zentrums in Wien, Prag oder Berlin zu sein. Ihre „Mission“ sollte also darin bestehen, die Sicherheit und innere Einheit der Nation zu verteidigen. Allerdings spottet die Realität in den Grenzregionen jeder Phantasie von „nationaler Reinheit“. Für viele Menschen war es Alltag, sich in verschiedenen sprachlichen und kulturellen Kontexten zu bewegen. Und diese Fähigkeit gewann in der Folge der Industrialisierung an Bedeutung. Gerade die Erfahrung raschen Wandels brachte aber auch heftige Gegenwehr hervor: Deutsche und tschechische „Schutzverbände“ schrieben sich die Verteidigung des „nationalen Besitzstandes“ auf ihre Fahnen und reklamierten das Grenzland als ihr Gebiet: die Deutschen mit dem Argument der jahrhundertelangen Besiedlung, die Tschechen mit dem der historischen Grenzen der böhmischen Länder. Die Friedensverträge von 1918/20 entschieden diese Konkurrenz zugunsten einer Tschechoslowakei, zu der auch die überwiegend deutsch besiedelten Grenzgebiete gehörten. Damit erhielt die Grenze eine neue Qualität, die sich auf Wirtschafts- und Handelsbeziehungen ebenso auswirkte wie auf die Mobilität der Menschen. Eine unüberwindbare Grenze war sie aber ebenso wenig wie eine klare Trennlinie zwischen Tschechen und Deutschen.

Wiederherstellung des „deutschen Charakters der tschechisierten Gebiete“ ab 1938

Das nationalsozialistische Deutschland versprach den im Grenzland lebenden Deutschen die Beseitigung der Grenze. Und als nach dem Münchner Abkommen vom Herbst 1938 große Teile des Grenzlandes zum „Reichsgau Sudetenland“ wurden, gingen die neuen Herrscher auch das Projekt der „nationalen Vereinheitlichung“ an. Das Programm der NSDAP für die Region lautete, den „deutschen Charakter der tschechisierten Gebiete“ wiederherzustellen. An erster Stelle bedeutete dies die Verdrängung, Verfolgung und Vernichtung von Tschechen, Juden und antifaschistischen Deutschen – von denen nicht wenige erst kurz zuvor über die Grenze gekommen waren, um in der demokratischen Tschechoslowakei Zuflucht zu finden. Ein zweiter Schritt sollte die „volkspolitische Stärkung“ des „Grenzlandgaus“ durch „Eindeutschung“ von Tschechen und Ansiedlung von „Volksdeutschen“ bringen – ein Vorhaben, das mit Beginn des Krieges rasch in den Hintergrund geriet.

„Slawischer Verteidigungswall“ ab 1945

Nach Kriegsende wurde das Land an der Grenze wieder Teil der Tschechoslowakei. Und nun ging es nicht allein darum, die Schäden von Krieg und Okkupation zu beheben. Ein vorrangiges Ziel bestand darin, das Grenzland zu einem „slawischen Verteidigungswall“ an der Grenze zu Deutschland zu machen. Der Vertreibung der Deutschen sollte eine rasche Besiedlung durch zuverlässige Tschechen folgen. In die zeitgenössische Rhetorik mischten sich neben altvertrauten Motiven aus der Zeit des „Volkstumskampfes“ neue, soziale und politische: Vor allem die Kommunisten lockte das Grenzland als „Labor“ für eine bessere Gesellschaft. Wo durch die Vertreibung alte Strukturen verschwunden waren, schien es auch keine Grenzen für die Verwirklichung sozialer Utopien zu geben. Die Realität war freilich eine andere: Die Neubesiedlung erwies sich als schwer lenkbar, der Traum von einer homogenen Gesellschaft erfüllte sich nicht. Zu den wenigen alten tschechischen Einwohnern kamen Tschechen aus dem Landesinneren, Slowaken und Ungarn, Remigranten aus der Sowjetunion, „übriggebliebene“ Deutsche und Roma. Gemeinsam bildeten sie eine schwierige, unruhige „neue Gesellschaft“, die sich auch nach der kommunistischen Machtübernahme vom Februar 1948 nicht befrieden ließ.

„Eisernen Vorhang“ und „Sonderzone“

Umso wichtiger war es den Kommunisten, die Grenze, die nun auch Systemgrenze war, möglichst effektiv abzuriegeln. War diese in der frühen Nachkriegszeit noch durchlässig gewesen, was sich Flüchtlinge ebenso zu Nutze machten wie Schmuggler, wurden die Löcher im „Eisernen Vorhang“ nach und nach geschlossen. Unmittelbar entlang der Grenze herrschte nun ein besonderes Sicherheitsregime, zu dem nur wenige Menschen Zutritt hatten. Für die meisten Menschen im Westen endete die Welt an dieser Grenze, ihr Interesse daran, was dahinter lag, war gering. Aber auch vom Landesinneren der Tschechoslowakei aus gesehen, erschien das Land an der Grenze unattraktiv und problembelastet. Es war weder zu einem vorbildhaften Teil des Ganzen geworden, noch war es gelungen, die unsichtbare Grenze zwischen dem Grenzland und dem Landesinneren niederzureißen. Vielmehr blieb die Region dauerhaft eine „Sonderzone“. Wer ins Grenzland ging, tat das als Angehöriger der Armee, wegen der höheren Löhne in der Industrie oder um sich politischem Druck zu entziehen wie manche Oppositionelle und Alternative. Doch weitaus mehr Menschen kehrten dem Grenzland den Rücken, nicht zuletzt wegen der dramatischen Umweltverschmutzung, deren Folgen schon vor dem Umbruch von 1989 ein offenes Geheimnis waren.

Im 20. Jahrhundert bildeten das böhmische Grenzland und die deutsch-tschechische Grenze nicht nur einen politischen Zankapfel. Sie waren auch eine Projektionsfläche, ein Ort, über den gesellschaftliche Sehnsüchte und Befürchtungen stellvertretend verhandelt wurden: Ängste vor dem Fremden und dem Verlust von Kontrolle und (Vor)Herrschaft, der Wunsch nach gesellschaftlicher Einheit und Eindeutigkeit. Sie dienten als Platzhalter für Vergangenheitsbilder und Zukunftsvisionen. War das Land an der Grenze den einen Testfeld für ihre Machbarkeitsphantasien, erschien es den anderen als Sinnbild für eine verlorene harmonische Vergangenheit und repräsentierte die katastrophalen Folgen der Verwirklichung radikaler Politik. In diesem Sinne stellten die Grenze und das Grenzland eine Allegorie auf das große Ganze dar.

Dr. Christiane Brenner
Historikerin mit Schwerpunkt auf Zeitgeschichte der Tschechoslowakei und Tschechiens, Redakteurin der Zeitschrift Bohemia.

Magazin des Goethe-Instituts in Tschechien