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Der Film als Spiegel des tschechischen und deutschen „Zeitalters der Extreme“ (1938–1989)

Das Wort Spiegel verwendet man in zweierlei Bedeutung: In Bezug auf eine bestimmte Epoche kann damit entweder Selbstbestätigung oder kritische Reflexion gemeint sein. Künstlerische Werke vermögen im Hinblick auf die Zeit, in der sie entstanden sind oder von der sie Zeugnis ablegen, beiderlei Funktionen zu erfüllen. Für den Film, den Diktaturen wie Demokratien als Propagandamittel einzusetzen gelernt haben, ist allerdings die selbstbestätigende Rolle vorherrschend.

Es gelang beiden Diktaturen, die im 20. Jahrhundert die Geschichte Mitteleuropas formten, also der nationalsozialistischen und der kommunistischen, eher durchschnittliche, aber auch talentierte Regisseure für sich zu gewinnen und sich der Loyalität einer ganzen Reihe hervorragender Schauspieler zu bedienen. In manchen Fällen sind daher Filme, die zur Propagierung der zeitgenössischen Ideologie beitragen sollten, außerordentlich eindrucksvoll und von hohem künstlerischen Wert.

Der Film als Instrument der Ideologie

Ein wichtiger Pfeiler der nationalsozialistischen Ideologie war die Überzeugung von einer durch die Rasse vorgegebenen hierarchischen Ordnung der Nationen und Volksgruppen, unter der die Höherstehenden das Recht auf Herrschaft und Lebensraum haben sollten, während den Untergeordneten nicht einmal das Recht auf Leben zugestanden wurde. Im Rahmen dieser Ideologie war es von grundlegender Bedeutung, auch mit Hilfe des Films, auf die Zusammengehörigkeit aller deutschsprechenden Einwohner Europas hinzuweisen und zu betonen, dass gerade sie die von ihnen bewohnten Gebiete kultiviert hatten und damit das Recht besaßen, auch künftig über diese zu bestimmen. Eines der klassischen Werke, die das Bewusstsein von der kulturellen Überlegenheit der Deutschen und dem sich daraus ergebenden Recht auf Lebensraum vermitteln, ist der Film Karlsbader Reise / Karlovarská cesta (1939/50). In einer Zeit, als Nazideutschland dabei war einen Vernichtungskrieg zu entfachen, werden hier die Deutschen als Träger der Hochkultur dargestellt. Der Film rechtfertigt somit indirekt die deutsche Expansion als Mittel zu einem kulturell höherwertigen Europa.

Ein klassisches Beispiel für einen effektvollen Film, der die problematischen Züge eines autoritären Regimes rechtfertigt, ist Karel Kachyňas berühmter Streifen König des Böhmerwalds / Král Šumavy. Er entstand in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre – einer Zeit, als jährlich mehrere hundert Bürger die Flucht über die im Grunde bereits hermetisch abgeriegelte Grenze aus der sozialistischen Tschechoslowakei in den Westen versuchten. Meist ohne Erfolg – viele von ihnen mussten für ihre Sehnsucht nach der Existenz in einer freieren Gesellschaft mit dem Leben oder einer langjährigen Gefängnisstrafe bezahlen. Der an der Wende von den 1940er zu den 1950er Jahren angesiedelte Film König des Böhmerwalds gaukelt dem Zuschauer dabei vor, dass die von Soldaten bewachte Grenze den Tschechen diene, indem sie sie vor Spionen, Sudetendeutschen und anderen Feinden schütze, die mit unlauteren Absichten in die Tschechoslowakei eindringen wollten. Die Grenzsoldaten, deren Aufgabe es in Wirklichkeit war, wehrlose, verzweifelte Flüchtlinge aufzuhalten und zu liquidieren, werden hier als Helden porträtiert, die gefährliche Fallen überwinden müssen, um gegen die raffinierten Staatsfeinde vorzugehen. Dieses Bild wird aufgrund der authentischen Kulisse der Böhmerwälder Moore, wie auch der guten schauspielerischen Leistungen, von einem großen Teil der Öffentlichkeit als außerordentlich glaubwürdig wahrgenommen.

Während der König des Böhmerwalds zur Rechtfertigung des scharfen Grenzregimes der sozialistischen Länder diente und die Unabdingbarkeit mancher Formen staatlicher Gewalt zu erklären versuchte, propagierten andere (eher weniger gelungene) tschechoslowakische und ostdeutsche Produktionen der 1950er und 1960er Jahre positive sozialistische Werte: Arbeit, Kollektiv, Jugend, Völkerfreundschaft oder die Rechtschaffenheit der kleinen Leute. Bemerkenswert ist in dieser Hinsicht etwa der Streifen Gebirge und Meer / Hory a moře, der gerade einmal zehn Jahre nach dem Krieg von gegenseitiger Bereicherung und Freundschaft zwischen Tschechoslowaken und Deutschen, natürlich nur denen aus der sozialistischen DDR, erzählt.

Verschiedene Rollen des Historienfilms

Ein spezifisches (und im deutschen wie im tschechischen Kontext sehr beliebtes) Genre stellt der Historienfilm dar. Hinsichtlich einer bestimmten Machtordnung kann er wiederum zwei gegenläufige Rollen erfüllen. Die meisten Historienfilme schildern auf dramatische Weise die Grausamkeit und Ungerechtigkeit vergangener Zeiten, um dadurch den gerechteren oder freieren Charakter der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung hervorzuheben. In den Zeiten der sozialistischen Diktatur arbeiteten die Filmschaffenden zu diesem Zweck meist mit Sujets aus der Zeit des Nationalsozialismus und des Krieges (Die Nacht im Grenzwald / Noc v pohraničním lese), nach 1989 erfüllen diese Funktion Filme mit Motiven aus der Zeit des Kommunismus (Das Versprechen / Slib).

Der Historienfilm kann jedoch auch andere, komplexere Rollen spielen. Vergangenes Unrecht – dessen Darstellung (anders als im Falle des gegenwärtigen Unrechts) erlaubt und in der Regel willkommen ist – kann vom Publikum als Parallele zur Unterdrückung, wie sie für die Zeit der Entstehung des Films charakteristisch ist, verstanden werden. Mit dieser Absicht entstehen zum Beispiel einige Filme unmittelbar nach der Besetzung der Tschechoslowakei durch die Truppen des Warschauer Pakts im August 1968 (Hexenjagd / Kladivo na čarodějnice). Durch ein plastisches Bild der Vergangenheit lassen sich auch eingefleischte Stereotype oder sogar grundlegenden Dogmen der Nationalgeschichte auf denen die zeitgenössische Ideologie basiert, in Zweifel ziehen. Gerade dies tun einige tschechoslowakische und tschechische Filme, die in den 1960er Jahren oder später, nach 1989 entstanden sind. Sie reflektieren die im tschechischen Umfeld lange Zeit als positiv wahrgenommene unmittelbare Nachkriegszeit (Wagen nach Wien / Kočár do Vídně, Habermann / Habermannův mlýn – Eine Koproduktion mit der BRD).

So sehr auch der Film zu einer wertvollen kritischen Reflexion beitragen kann, so ist doch offensichtlich, dass er uns meist eher in unserem naiven Vertrauen in jene Dogmen und Ideale bestätigt, auf denen sich die eine oder andere Gesellschaftsordnung gründet. Er kann dies durch Heroisierung der Gegenwart oder durch Herabwürdigung der Vergangenheit erreichen. Es ist wohl gut, sich dessen auch in der heutigen Zeit bewusst zu sein.
Der Begriff „Zeitalters der Extreme“ bezieht sich auf die Arbeit von Eric Hobsbawm.

Matěj Spurný, Historiker
Er promovierte an der Karlsuniversität, studierte auch an der Humboldtuniversität zu Berlin. Er ist einer der Gründer und ein aktives Mitglied der Bürgervereinigung Antikomplex, die seit 1998 zu der Reflexion der Vertreibung der Sudetendeutschen in Tschechien beiträgt und die Veränderungen der Kulturlandschaft dokumentiert. In seinen wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigt er sich mit dem Nationalismus, der Minderheitenproblematik und dem Wesen moderner Diktaturen. Er ist an der Philosophischen Fakultät der KU und im Institut für Zeitgeschichte der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik tätig.

Magazin des Goethe-Instituts in Tschechien