Die doppelte Grenze – der tschechoslowakische Mehrsprachenfilm

Jana, das Mädchen aus dem Böhmerwald

Regie: Emil Synek, Robert Land
Tschechoslowakei, Österriech 1935

Dieser zweisprachige tschechisch-österreichische melodramatische Liebesfilm, der von einem tschechisch-deutschen Filmstab gedreht wurde, spielt in einem idyllischen Dorf im Böhmerwald unweit der Grenze.
Jana, die Hauptheldin des Filmes, verlässt nach dem Tode ihrer Mutter ihr Heimatdorf, da sie hier keine Arbeit finden konnte. Das völlig erschöpfte Mädchen wird im Wald von Michael, einem Bauern, gefunden. Er nimmt sie mit auf seinen Hof und stellt sie als Haushälterin ein. Sein Bruder Peter ist anfangs dagegen. Jana verliebt sich in Michael. Dieser erwidert ihre Gefühle jedoch nicht aufrichtig, und als er nach Prag zur Armee eingezogen wurde, vergnügt er sich dort mit anderen Mädchen. Er lässt sich von Jana Geld schicken, wovon Peter nichts weiß. Jana willigt schließlich in Peters Angebot ein und heiratet ihn. In der Ehe bringt Jana einen Sohn zur Welt, der den Hof einmal erben soll. Nach seiner Rückkehr stellt Michael die Vaterschaft Peters in Frage. Zwischen den beiden Brüdern bricht Streit aus und Michael wird verletzt. Peter kehrt zu seiner Frau und seinem Sohn zurück. .
Die dramatische Geschichte der beiden Brüder spielt sich in einem typischen tschechischen Dorf ab, mit Volksbräuchen, Volksfesten und Volkstrachten. Das Dorf wird dabei jedoch nicht nur als idyllischer Ort dargestellt, sondern im Zusammenhang mit der Wirtschaftskrise der dreißiger Jahre klingt auch Kritik an den sozialen Verhältnissen an (Arbeitslosigkeit, Notwendigkeit der Modernisierung des Hofes). Eine Neuheit, die der Film bringt, sind die Lieder (zeitgenössische populäre Lieder von Karel Hašler), wie sie für den frühen Tonfilm der dreißiger Jahre typisch sind.

Ein Film in mehreren sprachlichen Versionen

Der melodramatische Schwarzweiß-Film Jana erscheint dem heutigen Zuschauer pathetisch und von der Handlung her naiv. Das Happy end ist förmlich vorauszuahnen. Das ist jedoch auf die Entstehungszeit des Filmes zurückzuführen. Der Film wurde zur Zeit der sog. Ersten Republik gedreht, als "Liebeskitschfilme" dieser Art, die allesamt ein glückliches Ende, Modellsituationen und geringe Psychologie der Figuren gemeinsam hatten, typisch waren. In den dreißiger Jahren kamen regelmäßig ausländische Filmschaffende zu Dreharbeiten nach Böhmen, und die Entstehung von Koproduktionen war keine Seltenheit. Im Falle dieses ambiziösen und hoffnungsvollen Projekts, für das man sich auch im Ausland Erfolgschancen ausrechnete, wurden gleich mehrere sprachliche Versionen realisiert (Tschechisch, und dann auch Deutsch und Französisch). Dazu beigetragen haben auch die neu erbauten Filmateliers in Barrandov, die als die modernsten Filmateliers in Mitteleuropa galten. Der erste Film wurde hier 1933 gedreht. Damals entstanden bis zu dreißig Spielfilme pro Jahr (zum Vergleich: heute werden in der Tschechischen Republik etwa zwanzig Spielfilme gedreht). Diese hohe Anzahl kam vor allem durch Koproduktionen sowie die Möglichkeit der Produktion mehrsprachiger Filmversionen zustande, wie es auch der Film Jana belegt. Für die Dreharbeiten wurden jeweils das gleiche Drehbuch, die gleiche Kamera, die gleiche Musik und die gleiche Dekoration verwendet. Es wechselten nur der Regisseur und eventuell die Schauspieler, wenn sie die jeweilige Sprache nicht konnten und nicht in der Lage waren, zum Beispiel in Deutsch zu spielen.

Zu sudetendeutsch - oder zu tschechisch?

Ähnlich war das auch bei dem Film Jana. Das Drehbuch stammt von Emil Synek. Dieser machte gemeinsam mit Robert Land (1887–1942), einem österreichisch-tschechischen Filmregisseur (bekannt geworden z.B. durch die deutsche Version des tschechischen Melodramas Sextánka /1936/, deutsche Version: Arme, kleine Inge), die Regie der tschechischen Version. Emil Synek, der damals Anfänger in der Filmbranche war, hat Robert Land als Koregisseur herangezogen, um bei der handwerklichen Realisierung des Filmes Unterstützung zu haben. Dennoch blieb das Ergebnis nur Durchschnitt. Die Regie der deutschen Version hat Robert Land allein durchgeführt. Er änderte auch die schauspielerische Besetzung der Rollen. In der tschechischen Version wurde die Hauptrolle der Jana von der damaligen populären Schauspielerin Helena Bušová gespielt, in der deutschen Version gab in der gleichen Rolle die unbekannte Schauspielerin Lena Marenbach ihr Debüt. Die Rolle des Peter spielte in der tschechischen Version der bekannte tschechische realistische Schauspieler Zdeněk Štěpánek, der in diesem Film erstmals als romantischer Held auftrat. Obgleich in beiden Filmversionen dieselbe Geschichte erzählt wird, wurde die Darstellung des Dorfes, in dem die Handlung angesiedelt ist, verändert. Das typisch tschechische Dorf aus der tschechischen Version des Filmes wurde in der deutschen Filmversion durch ein typisch deutsches Dorf ersetzt. Paradoxerweise jedoch wurde die tschechische Jana vor dem Krieg, in der Zeit des wachsenden Nationalismus, als zu sudetendeutsch, und die deutsche Jana als zu tschechisch aufgefasst. Wesentlich ist jedoch die Ausstrahlung beider Versionen. Denn beide zeigen das Zusammenleben und den Zusammenhalt der Dorfbewohner und deren Leben in Symbiose mit der sie umgebenden Natur des Boehmerwaldes und in einem Milieu, in dem der katholische Glaube, traditionelle Werte und Moral tief verwurzelt sind.
Alice Aronová Ph.D.
Prag, Tschechische Republik. Filmwissenschaftlerin, zur Zeit tätig als Journalistin, Dramaturgin und Hochschuldozentin.

Goethe-Institut Prag
März 2013

    Magazin des Goethe-Instituts in Tschechien