Grenze und Flucht

Habermann

© Czech Film Center
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Regie: Juraj Herz
Tschechien, Deutschland, Österreich 2010


Habermann ist die Geschichte eines anständigen Mannes, der einfach nur das Pech hatte, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Der reiche deutsche Sägemühlenbesitzer Habermann gerät in den Strudel der Ereignisse, die sich im deutsch-tschechischen Grenzgebiet abspielen, und wird, samt seiner ganzen Familie, von ihnen mitgerissen.

Stellvertretende Rache

© Czech Film CenterDie auf einem wahren Ereignis basierende Geschichte spielt zwischen 1937 und 1945 in dem kleinen Dorf Eglau im Sudetengebiet. Hauptprotagonist ist der angesehene deutsche Unternehmer August Habermann. Er ist der reichste Mann in der ganzen Umgebung, beschäftigt in seiner Mühle und seinem Sägewerk vor allem Tschechen, spricht die Landessprache, hat während des Krieges den Einheimischen geholfen und auch seine Frau Jana ist eine Tschechin.

Der Müller ist frei von Vorurteilen und respektiert den Ort, in dem er lebt, er fühlt sich ihm verbunden: „Die Mühle steht seit 110 Jahren hier. Vier Generationen von Habermanns haben hier gelebt, gewohnt und sind hier begraben.“ Der Müller versucht, apolitisch zu sein. Obwohl er die nazistische Ideologie ablehnt, wird er während des Krieges zu vielen Kompromissen gezwungen. Er schützt seine Ehefrau, von der er erst während des Krieges aus ihrem Taufschein erfahren hatte, dass sie väterlicherseits einen jüdischen Hintergrund hat.

Als SS-Sturmbannführer Kurt Koslowski sich für den Tod zweier deutscher Soldaten rächen will und in Eglau neun tschechische Dorfbewohner brutal hinrichten lässt, nehmen die Dorfbewohner im Mai 1945 stellvertretend an Habermann Rache: Er wird an sein Mühlrad gebunden und danach verbrannt. Die Schuldigen wissen, dass ihnen für ihre Tat keine Bestrafung droht. Habermanns Frau wird, nachdem sie bereits zweimal vorher die Hölle durchgemacht hat (zunächst, weil sie Jüdin war, und dann, weil sie die Frau eines Deutschen war), mit ihrer kleinen Tochter vertrieben.

Wandelnde Dynamik zwischen Deutschen und Tschechen

© Czech Film CenterDer psychologische Streifen beleuchtet die damaligen Verhältnisse im Sudetengebiet und vermittelt ein authentisches Bild der sich wandelnden Beziehungen zwischen der deutschen und der tschechischen Bevölkerung. Der Film beginnt mit der idyllischen Szene von Habermanns Hochzeit im Jahr 1937, auf der sowohl Tschechen als auch Deutsche zu Gast waren. Mit dem Anschluss des Sudetengebietes an das Deutsche Reich 1938 werden nationalistische Stimmungen angeheizt, und die tschechisch-deutschen Beziehungen beginnen zu eskalieren. Von einigen Bewohnern wird die Ankunft der faschistischen Okkupanten begrüßt (siehe Habermanns Bruder Hans, aus dem ein fanatischer Nazi wird).

Unter der Führung von Koslowski (übrigens ein schablonenhafter „böser Nazi“-Typ, wie wir ihn aus vielen Kriegsfilmen kennen und dessen entartetes Verhalten die Zuschauer nicht verwundert) beginnt in Eglau der deutsche Terror. Einige Tschechen kollaborieren, andere werden aktive Widerstandskämpfer. Nach dem Krieg entpuppen sich Menschen, die einst Habermanns Schutz genossen haben, als „tschechische Patrioten“. Die Kollaborateure schließen sich ihnen an. Sie initiieren die blutige Abrechnung mit Habermann und werden letztendlich zu seinen Mördern. Unter dem Deckmantel der Gerechtigkeit plündern sie sein Haus und sein gesamtes Vermögen und befördern sich selbst in Entscheidungspositionen. Getrieben von blindem Hass begehen sie an den Deutschen, die vertrieben werden sollen, Gewalttaten.

Dargestellt wird die Situation der sog. „wilden Vertreibung“ durch die tschechischen Revolutionsgarden unmittelbar nach Kriegsende, während der 660 000 Deutsche gewalttätig vertrieben wurden. Die zweite Phase der Vertreibung (1946), in der der Rest der deutschen Bevölkerung vertrieben wurde (etwa 2,2 Millionen Einwohner), verlief dann kontrolliert unter der Aufsicht staatlicher Behörden. Die Anzahl der Vertreibungsopfer wird auf 30 000 geschätzt.

Der Film zeigt eine neue Sichtweise auf eines der kontroversesten Kapitel der tschechischen Geschichte, die Vertreibung der Sudetendeutschen. Die Tschechen werden hier nicht nur als Kriegsopfer, sondern auch als Schuldige dargestellt. Der Film behandelt außerdem allgemein die Frage der Moral und der menschlichen Schuld, und zeigt, wie schnell man dem Massenwahnsinn unterliegen kann.
Alice Aronová Ph.D.
Prag, Tschechische Republik. Filmwissenschaftlerin, zur Zeit tätig als Journalistin, Dramaturgin und Hochschuldozentin.

Goethe-Institut Prag
März 2013
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